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1986 war weltweit das Jahr der Katastrophen.

In einem Atomkraftwerk des ukrainischen Tschernobyl kam es zu einer Kernschmelze bzw. wurde diese vom diensthabenden Personal herbeigeführt. Wie bei allen Ereignissen, sind auch hier die Folgen heftig umstritten, wobei stets die politische Ausrichtung der Betrachter maßgebend für ihre Sicht ist. Laut unabhängigen Untersuchungen forderte das Unglück nicht viele tausende Tote, wie man zum Beispiel in Deutschland glaubt, sondern 31 Tote kurzfristig durch die unmittelbaren Auswirkungen der Strahlung sowie weitere 15 in den Folgejahren an Krebs. Der Typ des graphitgekühlten Tschernobyl-Reaktors wurde in Deutschland aus Sicherheitsgründen nie verwendet.

Eine Katastrophe für das amerikanische Raumfahrtprogramm war die Explosion der Raumfähre
Challenger. Zwei defekte Dichtungsringe führten zu dem Unglück, bei dem alle 7 Astronauten starben. Gruselig ist, dass ein Ingenieur des Herstellers der Dichtungen genau auf diese Problematik hingewiesen hatte und dass die Fähre trotz aller Sicherheitsbedenken startete. Im Gegensatz zu der Annahme, dass die Besatzung sofort tot war, glaubt man heute, dass die Kapsel mit dem Cockpit zunächst relativ unversehrt blieb und erst beim Aufschlag auf die Meeresoberfläche zerbarst. Eine Rettungsvorrichtung wie Fallschirme war aus Kostengründen eingespart worden.

Die Sowjetunion hingegen feierte noch mal einen großen Erfolg in der Weltraumfahrt mit der Station Mir, die sie für 15 Jahre im Orbit plazieren konnte.

Der charismatische schwedische Ministerpräsident Olof Palme wurde unter Umständen ermordet, die nie ganz geklärt werden konnten. Die Ermittlungen waren von haarsträubenden Fehlern gekennzeichnet und wurden erst 2020 eingestellt. Palme war vor allem eine Symbolfigur der demokratischen Linken Europas.

Im Fußball erreichte die deutsche Nationalmannschaft einmal mehr das Endspiel einer Weltmeisterschaft, die wie 1970 wieder in Mexiko ausgetragen wurde. 2:3 hieß der Endstand gegen Argentinien.

Die schönsten Bücher
der Bundesrepublik Deutschland 1986

Die Ablehnung, die der Stiftung Buchkunst und speziell dem Wettbewerb der „schönsten deutschen Bücher” entgegengebracht wurde, muss unglaublich stark gewesen sein.

Im Vorwort von Wulf D. von Lucius kann man es nachlesen, denn so offen ist er immerhin: Der Stuttgarter Verleger, Mitglied des Vorstandes der Stiftung Buchkunst berichtet von „heftigen Diskussionen” und „hochgehenden Emotionen” bei Buchhändlern und Verlegern, aber nicht vereinzelt bei irgendwelchen, sondern auf dem Buchhändlertagen in Berlin und im Börsenblatt, also dem Zentralorgan der Verleger und des gesamten Buchhandels, auch der Grossisten.

Lucius versucht aus seiner Sicht das Beste daraus zu machen und erkannt in den Angriffen eine Bestätigung der Bedeutung der eigenen Arbeit, was einigen der Kritikern wohl zynisch vorgekommen sein muss.

Der Chronist und Ersteller dieser Seiten kann die Kritik nur zu gut nachvollziehen. Schwer verständlich ist aber, dass sich nichts Grundlegendes änderte – und das konnte es auch nicht, solange die hier oft beschriebenen Strukturen einer Insiderveranstaltung so blieben.

Um auf die massiven Beanstandungen einzugehen – denn überhaupt nicht zu reagieren, war wohl nicht möglich – sollte ein neuer Bewertungsbogen entworfen werden.

Der aktuelle Bogen mit den „76 detaillierten Kriterien” war ja auch schon seit 1981 im Einsatz. Typischer deutsch geht es wirklich nicht als ein neues Formular zu erstellen. Grundlegend anders würde das ohnehin nicht sein, wie man dem Text entnehmen kann, es gehe aber darum, das Formular „übersichtlicher” zu machen und „allzu widersprüchliche Aussagen vermeiden“. Dazu 1987 mehr.

In der Auswahlpolitik wolle man dem „gestalterischen Gesamteindruck noch stärkeres Gewicht gegenüber kleineren Beanstandungen geben”. Das ist erstens schwer zu glauben, dass eine nur „kleinere Beanstandung” ein sonst rundum gelungenes, „schönstes” Buch aus dem Wettbewerb kippen konnte, und zweitens wäre es für eine Überprüfung der angewendeten Kriterien erforderlich, die Urteil zumindestens über die Preisträger offenzulegen. Das sollte aber partout nicht sein.

Lucius bekräftigt, im „Vordergrund” des Auswahlpolitik stehe „unverändert die Ermutigung für das gut gestaltete Gebrauchsbuch”. Deshalb wolle man auch den „Pressen” (private Kleinstverlage für bibliophile Drucke) nicht höheres Gewicht als bisher einräumen. Der Grundsatz, sich am „Gebrauchsbuch” zu orientieren, womit man jetzt ein bisschen an den DDR-Wettbewerb erinnerte, wurde aber nie eingehalten, seit die Stiftung Buchkunst 1965 den Wettbewerb übernahm. Stets war in diesen Jahren der Anteil sehr hochpreisiger Bücher und solcher in Klein- und Kleinstauflagen übermäßig hoch.

Üblich war es, dass immer einige Bücher mit Auflagen im drei- oder gar zweistelligen Bereich sowie mehrere Titel im mittleren bis oberen dreistelligen, manchmal auch im vierstelligen Preissegment ausgezeichnet wurden. 1985 war zum Beispiel ein Buch mit einer Auflage von 8 (!) Exemplaren und einem Preis von 450 DM in der Auswahl und ein anderer Titel in einer Auflage von 175 Exemplaren bei einem Preis von 3200 DM – nicht für alle Exemplare, sondern für eins. Eine Unart der Stiftung Buchkunst war es insbesondere, Drucke in kleiner Auflage für Kunstliebhaber, ob sie in irgendeiner Form noch gebunden waren oder nicht, im Wettbewerb auszuzeichnen. Den Vogel hatte man 1968  abgeschossen, als eine in der Auflage von 120 Exemplaren zu einem Preis von je 6800,- DM vertriebene Kassette, in der lose Blätter lagen, als einer der „schönsten Bücher” ausgezeichnet wurde. Weitere Hinweise auf diese Problematik in meinen Besprechungen der bundesdeutschen Wettbewerbe von 1974, 1975 und 1976. Ob sich diese Praxis in den nächsten Jahren änderte, würde man sehen.

Offenbar, um den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, wurde auch die völlig unsinnige Entscheidung getroffen, ab diesem Jahr „Taschenbücher” als eigene Kategorie zu führen. Die Prognose des Verfassers: das würde nicht lange halten. Richtig war es hingegen, die 1984 eingeführte, vom Chronisten als fragwürdig bezeichnete neue Kategorie „Kataloge” schon nach zwei Jahren wieder abzuschaffen.

Schließlich bittet Lucius die Verlage darum, von in „trotziger Enttäuschung” geäußerter  Kritik an Einzelentscheidungen abzusehen. Diese Wortwahl war an sich schon starker Tobak.  Sie kam aber einem Affront nach, wenn man bedachte, dass die Stiftung Buchkunst von den Mitgliedsbeiträgen auch der Verlage und Druckerein an ihre Dachorganisationen finanziert wurde.

Geschäftsführer Wolfgang Rasch durfte noch ein paar Anmerkungen ergänzen. 

Die Zahl der Einsendungen, vor einem Jahr von Rasch in einer seltsamen Mischung teils gefeiert und teils wegen der vielen Arbeit bejammert, ging um über 100 auf 544 zurück (1985: 647; 1984: 620). Dann war es also doch nicht die erfolgreiche Arbeit der Stiftung Buchkunst, die letztes Jahr für die hohen Zahlen sorgte, so wie es der Geschäftsführer geglaubt hatte. Mit weiteren Spekulationen über die Gründe des Rückgangs hält sich Rasch nicht weiter auf. Diese konnte man auch dem Vorwort von Lucius zur Genüge entnehmen.

1986 wurden nur 44 Titel ausgezeichnet, so wenige wie „seit vielen Jahren nicht“. Tatsächlich hatte es nur 5 Jahrgänge mit weniger Preisträgern gegeben: 1951 mit 20; 1952 mit 42; 1963 mit 37; 1970 mit 41; 1980 mit 41.

Genauere Angaben über die Gründe des Einbruchs bei den Zahlen werden außer pauschal angeführten, bei den Sachbüchern festgestellten „Schludrigkeiten“, „typographischen Vergehen”, technischen Mängeln” und Verwendung von „schlechten Material” (S. 10) nicht gemacht.

Auch sonst erfährt man von Wolfgang Rasch im Vergleich zu seinen Vorgängern, insbesondere den akribischen Darstellungen von Hans Peter Willberg, herzlich wenig über die ausgewählten Bücher und Trends auf dem Buchmarkt.

Ausführlich befasst er sich hingegen wieder –  was ihm immer besondere Freude macht –  mit den Aktivitäten der Stiftung in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen sowie in echter Honoratiorenart mit umfangreichen Danksagungen.

Der Katalog stellt die Bücher jetzt in schematischer Art wie 3-D Kästchen dar, deren Oberseite der Titel ist. Immerhin hat sich die Reproduktionsqualität verbessert (wenn auch wieder nur in schwarz/weiß) und eine jeweils zusätzlich zum Titel gezeigte aufgeschlagene Doppelseite ergibt einen guten Eindruck vom Schriftbild des prämierten Werkes.

Dem Zug der Zeit entspricht, dass illustrierte Bücher einen immer größeren Raum einnehmen.

Der Chronist wird noch ein paar weitere Jahrgänge des Wettbewerbes vorstellen, will aber an dieser Stelle ein kurzes Zwischenresumée ziehen:

Der erstens Jahr für Jahr von der Jury angegebene Wechsel von höherer und niedrigerer Qualität der ihr vorgelegten Titel, zweitens die Auswahl der „schönsten deutschen Bücher” aus einer im Vergleich mit dem riesigen Buchmarkt verschwindend geringen Anzahl von Einsendungen und Einsendern, drittens der offensichtliche Boykott bestimmter Verlage wie Schirmer Mosel oder Taschen, welche wohl die schönsten Bücher in Deutschland herstellen oder zumindestens immer Spitzenpositionen in entsprechenden Wettbewerben einnehmen würden, führt in der Summer zu Ergebnissen, die man mit einem Wort erratisch nennen kann.

Man sieht auch im aktuellen Wettbewerb des Jahres 1986: Die Auswahl ist eine bunte und im Prinzip ansprechende Mischung, die aber zufällig wirkt. Bücher, die einen herausragenden zeitgeschichtlichen und kulturellen Wert darstellen, vermisst man zusehends und dies im scharfen Gegensatz zu den ersten Jahren des Wettbewerbes.

Bibliotheca Palatina. Katalog Band 1.

Bibliotheca Palatina.
Ausstellung der Bibliothek Heidelberg 1986. 2 Bände.

Die Kurpfalz war in der frühen Neuzeit zusammen mit Nassau-Dillenburg und Hessen-Kassel das Zentrum des Kalvinismus im Deutschen Reich. Dem Anspruch der Reformierten, die geistig-intellektuelle Elite zu sein, reichte es nicht, einen Bücherbestand aufzubauen, sondern genügte nur eine Bibliothek nicht nur der allerhöchsten theologischen, sondern auch ästhetischen Maßstäbe. Und das war das, was in Heidelberg entstand.

1622 raubten die Truppen von Kaiser Maximilian die Bestände und schafften sie nach Rom in den Vatikan, wo sich ein großer Teil heute noch befindet und für die Ausstellung entliehen wurde. Im Nachhinein war der Abtransport nach Rom sogar ein Glücksfall, weil die Bibliothek die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges wohl nicht überstanden hätte.

Die gigantische Ausstellung der “Pfälzischen Bibliothek”, der Biblioteca Palatina, die die Universität Heidelberg 1986 zu ihrem 500-jährigen Bestehen veranstaltete, fand ein in jeder Hinsicht ebenbürtiges Pendant als 2-bändiger Ausstellungskatalog.

Aufwendigste, dem höchsten Stand der Technik entsprechende Reproarbeiten, exzellenter Druck, hochwertigste Materialien und sorgfältigste Verarbeitung schufen zwei Kataloge, die damals ihresgleichen gesucht haben werden.

Die genaue Zahl der Ausstellungsexponate ist im Katalog trotz mehrerer Vorworte und Einleitungen nicht zu ermitteln. Es müssen etwa 1000 gewesen sein. Mehrere hundert werden abgebildet und in detailliertesten, sprachlich streng wissenschaftlich gehaltenen Texten erläutert.

Dabei ist strikte Handhabung der Sprache der Archivare das einzige Manko, weil dadurch Außenstehenden so manches verschlossen bleibt. So heißt es zum Beispiel auf S. 111 des Textbandes:

“Welser wußte um den Wert der Handschrift auch durch ein Apographum (leider corruptum) seines Mitbürgers Werdenstein, erkennt auch die Lücken (lacunae, liber lacer), die er durch eine bessere Handschrift supplieren wollte.”

Ein Beispiel für die immer seltener werdenden Fälle, wo wirklich eines der schönsten Bücher ausgezeichnet wurde.

Friedrich Pfäfflin: 100 Jahre S. Fischer Verlag 1886–1986. Buchumschläge.
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Friedrich Pfäfflin:
100 Jahre S. Fischer Verlag 1886–1986.
Buchumschläge.

Alles hier ist zu klein. Die Schrift mit Futura 10 pt, die Legenden gar nur mit Futura 7 pt.

Die Abbildungen sind unterschiedlich groß, 1:1 wie im Original nie und häufig so klein, dass man manchmal kaum Verfasser und Titel erkennt. Dafür kann man das schöne, von einer Fabrik aus Schweden gelieferte Papier bewundern. Siehe als Beispiel die Seite 35. Einige Seiten haben mehr Abbildungen oder größere, viele Seiten sehen aber genau so aus.

Dass dem großen Fischer-Verlag seine eigene Geschichte nicht mehr wert war, ist unverständlich. Zudem war der Preis von 98,- DM eine Zumutung, ebenso wie die Entscheidung der Jury.

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Der Wettbewerb in der DDR

Die schönsten Bücher der DDR 1986

Die schönsten Bücher der DDR 1986

Endlich wurde Abstand genommen von der missratenen Umschlagillustration der Vorjahre. Die jetzige Graphik von Sonja Wunderlich war clever entworfen und kostengünstig umzusetzen bzw. zu variieren.

Die Zahl der Einreichungen („Beiträge”) war jetzt seit einigen Jahren stetig rückläufig. 1986 wurden 212 Titel für den Wettbewerb vorgelegt (1985: 226; 1984:237). Diese bildeten eine Auswahl aus der nationalen Gesamtproduktion von 6500 Titeln (1985: 6400) bei einer Gesamtauflage von 143,2 Millionen Exemplaren.

Das Ziel des Wettbewerbes solle es sein, so heißt es im Vorwort, eine „anregende Wirkung auf die gesamte Buchproduktion“ (S. 5) auszuüben. Das klang in der DDR immer glaubwürdig und nachvollziehbar. Beim BRD-Wettbewerb hatte man diesen Eindruck schon lange nicht mehr, zu sehr wurde hier „avantgardistischen” und häufig auch zufällig wirkenden Tendenzen nachgeeifert.

Insgesamt wurde von der Jury bei den vorlegten Bänden ein weiterhin zunehmender Einsatz von Illustrationen festgestellt, auch im traditionell „trockenen” Bereich der Gesellschaftswissenschaften. Das hing natürlich damit zusammen, dass die zugrundeliegenden Techniken günstiger wurden und deshalb breitere Verwendung fanden. So kam der Lichtsatz jetzt bei 90% und der Offsetdruck bei 90% der Titel zum Einsatz. Beachtenswerte Leistungen seien aber weiterhin im Tiefdruck zu verzeichnen.

Der fast schon alles überragende Gesichtspunkt bei der Buchproduktion, der im Bericht der Jury mehrfach hervorgehoben wird, ist das „Verantwortungsbewusstsein in materialökonomischer Sicht” (z. B. S. 6). Die Kostensituation muss so gravierend gewesen sein, dass ausdrücklich darauf hingewiesen wird, „unbegründete Vakatseiten” (Leerseiten; S. 6) zu vermeiden.

Eine Besprechung jedes einzelnen Titels findet zwar seit Jahren leider nicht mehr statt (auch aus Platzgründen?), jedoch gab die Jury sehr detaillierte Beurteilungen der einzelnen Sparten, wobei man allgemeine Entwicklungen ansprach und einzelne Titel hervorhob.

Insgesamt blieb man im Gegensatz zur BRD bei den alten, unverrückbaren Grundlagen der Typographie: das Layout muss (nach hergebrachten ästhetischen Kriterien) schön und zweckmäßig sein. Auch „ideenreiche” Lösungen sind erwünscht, sie müssen aber „dem Thema gemäß und künstlerisch wirksam“ (S. 6) sein.

Die Auswahl der letzten Jahre war oft sehr bieder, aber dieses Jahr sticht ein Buch ganz besonders hervor, das Welten entfernt ist vom „Zunftzinn” und „Lexikon der Vogelhaltung”: „betroffen” (siehe Einzelbesprechung).

Beim Katalog fällt eine schlampige Endkontrolle ins Auge: mehrmals sind einzelne Absätze unglücklich oder falsch zugeordnet ( z. B. S. 7, rechte Spalte).

Interessant ist im Anhang des Vorworts die Übersicht der Verlage bei den Auszeichnungen von 1952–1986. Danach war der erfolgreichste Verlag der Kinderbuchverlag mit 119 Titeln, gefolgt vom VEB Verlag der Kunst mit 112 Titeln. Die „Abwicklung” des Kinderbuchverlages durch die BRD (nachzulesen bei Wikipedia) ist ein besonders trauriges Kapitel der sogenannten „Wiedervereinigung”.

Renate Zeun: betroffen

Renate Zeun: betroffen

Alles Bei Renate Zeun (*1946) wurde 1983 Brustkrebs festgestellt. Noch im selben Jahr wurde eine Brust amputiert. Bestrahlung und Chemotherapie folgten. Mit diesem Buch versuchte Frau Zeun als eine Art Selbsttherapie, in Wort und Bild ihre Erfahrungen und ihre Ängste auszudrücken.

Entstanden ist ein sehr bewegendes persönliches Zeugnis, aber auch ein Zeitdokument allererster Güte. Genau hier, genau in diesem Jahr mit diesem Buch war der Wendepunkt erreicht, ab dem Krebs (als Beispiel von schwerer Krankheit schlechthin) die Patienten nicht mehr ausgrenzte, stigmatisierte und beschämte.

Die Einleitung von Frau Zeun offenbart eine tiefe Sensibilität, eine große Beobachtungsgabe sich selbst und der Umwelt gegenüber sowie das entwickelte Können, Emotionen, teils auch belastendster Art, sprachlich ansprechend auszudrücken. Erstaunlich dabei ist auch, dass die Verfasserin als gelernte Kosmetikerin eigentlich keine professionell geschulte Schreibtechniken erworben hatte.

Wie die Situation von Krebspatienten zu dieser Zeit (in beiden deutschen Staaten) noch war, artikulierte Renate Zeun so:

„Die Aufklärungsarbeit in unserem Land beschäftigt sich umfangreich mit Forschung und Vorsorge gegen Krebs, schweigt jedoch, wenn es um Körper, Empfindungen, Gedanken der Betroffenen geht. [...] Ich erhoffe mir, daß das Buch zu Überlegungen und Gesprächen anregt, daß es für den Gesunden ein Schritt auf dem Weg ist, dem Kranken verständnisvoll und ungehemmt begegnen zu können.” (S. 5, 12)

Einige der Fotos waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sicher in beiden deutschen Staaten von schockierender Offenheit und machen auch heute noch betroffen. Auch aus  anderen  Bildern – Selbstportraits und die unmittelbare Umgebung der Autorin in Berlin – spricht eine schonungslose und erschreckende Trostlosigkeit.

Der hohe Wert dieser Dokumentation wurde von „Kulturschaffenden” (wie man sagte) der DDR erkannt. Sie animierten Renate Zeun dazu, ihr Werk als Diplomarbeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig vorzulegen. Professor Peter Pachnicke stellte in seinem eindringlichen Gutachten fest (Auszug):

„Der künstlerische Wert besteht nicht nur in der Beschäftigung mit diesem Thema (obgleich eine vergleichbare Arbeit nicht bekannt ist), sondern in der bildnerischen Kraft, in ihrer einprägsamen Gestaltung. [...] Die Arbeit ist wohl eine der bedeutendsten Leistungen in der Geschichte der Fotografie unseres Landes, und ich ahne, daß sie den Menschen, die sich den Bildern stellen, helfen kann.” (S. 87–89)

Diese Ahnung trog nicht. Welche Wirkung das Buch hatte, erkennt man zum Beispiel an der anrührenden Widmung auf dem Vorsatz des dem Chronisten vorliegenden Exemplares:

„Liebe Mutter, auch diese Erfahrung gehörte zu den vergangenen Jahren, vielleicht ist es möglich, mit den Erfahrungen anderer darüber nachzudenken. Leipzig, 16.08.87”

Die Veröffentlichung zeigt auch, wie – zumindestens in Teilen – parallel die kulturelle Entwicklung der BRD und der DDR Ende der 80er Jahre verlief.

Was nicht ähnlich war zwischen beiden deutschen Staaten, wo sie sich im Gegenteil immer weiter entfernten, waren die beiden Wettbewerbe der „schönsten deutschen Bücher”. „Betroffen” hatte in aufeinander abgestimmtem Inhalt und Form alles, was ein Buch ansprechend und gelungen machte, ja war geradezu ein Ereignis. Für die BRD-Juroren – falls jemand auf die Idee gekommen wäre, diesen etwas vergleichbares vorzulegen – wäre es zu „konventionell”, zu „traditionell”, zu wenig „innovativ”, zu wenig abgedreht gewesen und beinhaltete zumal Aufnahmen einer Amateur-Fotografin. Es hatte auch nichts mit der RAF oder ihren Nachwehen zu tun, denen sich die BRD-Literaturszene ausgiebigst hingab, es hechelte nicht den neuesten Öko-Trends hinterher und brachte nicht die gerade „angesagten” Autoren, Künstler oder Architekten, deren Ergebnisse in ungewöhnlich gestalteter Buchform einem Minderheiten-Publikum präsentiert wurden, das sich als „Avantgarde” erachtete. Es ging nur um den Kampf einer DDR-Kosmetikerin gegen eine tödliche Krankheit.

Roger Melis: Paris zu Fuß

Roger Melis: Paris zu Fuß

Stephan Hermlin beweist in seinem Vorwort, dass er geschickt formulieren kann. Zu den Fotos kann er aber nicht mehr sagen, als dass er sie schön findet. Das ist dann doch etwas wenig. Und Roger Melis sei „ein guter Fotograf“. Mehr nicht?

Die Fotos entstanden schon 1982, als Roger Melis (1940–2009) das Privileg zukam, nach Frankreich reisen zu dürfen. (Interessant ist dabei, dass diese Jahre zwischen 1982 und der Veröffentlichung 1986 auch die Zeit der durch die Sozialistische und Kommunistische Partei gebildeten linken Mehrheit im Parlament war.)

Melis bildete in seinen 160 abgebildeten Fotos einige Schwerpunkte wie bestimmte Straßen, Menschen im oder vor dem Bistro oder auch politische Aktivitäten wie – am überzeugendsten in der gesamten Darstellung – die Demonstrationen zum 1. Mai (einmal in der Menschenmenge der KPF-Vorsitzende Georges Marchais zu sehen – ein kleines Dankeschön des Fotografen an die KPF-Schwesterpartei SED).

Unverständlicherweise sind die Fotos der einzelnen Schwerpunkte aber verstreut über das ganze Buch. Das trägt zu dem Eindruck bei, dass der Fotograf nicht ganz der Versuchung widerstanden hat, sehr sehr viel zu zeigen in dieser großen großen Stadt, die er mit staunenden Augen auf SED-Geheiß bewundern durfte. Hermlin meint gar im Vorwort, einiges würde noch fehlen.

Die Fotos an sich sind routiniert, selten inspiriert. Die Abbildungsqualität auf dem holzhaltigen Buchdruckpapier ist recht blass, der Band aber mit 20 Mark auch erschwinglich.

Interessant sind die Fotos natürlich als Zeitdokument. So konnte man 1982 mitten am helllichten Tag noch gemächlich mit dem Hund über die Avenue Foch gehen.

Die Jury schrieb: „besticht durch die dem Inhalt gemäße moderne, aber schlichte Austattung”. Das war übertrieben, denn die Ausstattung bestand einzig darin, alle Fotos (ausschließlich Format 2:3) hochkant oder querkant auf den Seiten abzubilden. Unten auf der Seite plazierte der Verlag noch die Seitenzahl und den jeweiligen Straßennamen.

Der Umschlag hätte eine Illustration gut gebrauchen können.

Die Aktion 1911–1918. Eine Auswahl.

Die Aktion 1911–1918. Eine Auswahl.

Alles an diesem opulenten Band ist hochwertig, alles ist ganz richtig, alles ist genau angemessen. Ein echter Volltreffer. Der Preis von 60 Mark dürfte hochgradig subventioniert gewesen sein. Aber es war ja für einen “höheren Zweck”. Dass hier ein vielleicht auch aus finanziellen Gründen langer Vorlauf nötig war, erkennt man an der Datierung des Vorworts von Thomas Rietzschel: “Leipzig, November 1982”. Ähnlich war es ja auch bei dem oben vorgestellten Paris-Band.

“Die Aktion” um den Herausgeber Franz Pfemfert war eine von 1911–1932 erschienene Wochenschrift mit literarischen und politischen Texten sowie reichhaltigen Illustrationen (meist Holzschnitte). Politisch war “Die Aktion” linksradikal ausgerichtet, künstlerisch neigte sie dem Expressionismus zu – eine schwer verdauliche Mischung.

In einem amerikanischen Verlag war 1983 bereits ein von Paul Raabe koordinierter Reprint der Gesamtausgabe mit 6500 Seiten herausgekommen. Der Herausgeber der vorliegenden 604 Seiten starken Ausgabe wählte eine andere Vorgehensweise.

Zunächst entschied man sich, die Auswahl auf den Zeitraum 1911–1918 zu beschränken, also die Vorkriegs- und Kriegszeit. Im Original werden dann nur eine Auswahl von besonders gelungenen oder als besonders bedeutend erachteten Titelseiten gedruckt sowie einige Seiten mit Annoncen, häufig von anderen Verlagen oder Galerien, was kunsthistorisch auch interessant ist. Auch die Graphiken sind natürlich originalgetreu.

Bei den literarischen Texten, die teils kurz sind, teils aber auch über mehrere Seiten reichen, entschied man sich für eine Auswahl, die man neu setzte, und zwar sehr übersichtlich, sehr lesbar mit großem Zeilenabstand. Dass das alles mit Fotosatz so gut klappte, spricht für den technischen Stand des DDR-Buchgewerbes.

Noch etwas aus dem Inhalt. Im Krieg musste Pfemfert seine politische Agitation fast völlig einstellen, um nicht zensiert oder gar inhaftiert zu werden. Sehr klug und nicht angreifbar setzte er seine politischen Kommentare trotzdem fort, indem er in der Reihe “Ich schneide die Zeit aus” Zitate brachte, die sozusagen aussagekräftig genug waren, um für sich zu stehen.

Frappierend etwa die mehrmals zitierte unbedingte, ja inbrünstige Unterordnung der SPD unter Kaiser und Krieg. Auch von einem Thomas Mann hätte man es 1916 nicht erwartet, die Armee hochleben zu lassen und den “Genius Deutschlands” zu beschwören, dass dieser den Soldaten eingebe, “zu tun und zu dulden, was vonnöten ist.”

Goethe in Weimar. Ein Kapitel deutscher Kulturgeschichte.

Goethe in Weimar. Ein Kapitel deutscher Kulturgeschichte.

Das Buch, sehr verständlich, sehr anschaulich geschrieben, zeigt Goethe als Jahrhundertgenie. Dabei kommen auch kritische Töne nicht zu kurz, wie Berichte über ruppiges und arrogantes Auftreten.

Typografisch ist alles bestens gelöst und die für sehr teure 138 Mark in den Handel gebrachten 3000 Exemplare des Titels erhielten hochwertige Materialien.

Auch die Illustrationen sind gut ausgewählt, wobei man aber offenbar kein Geld hatte, die vielen wertvollen historischen Dokumente, vor allem die Portraits von Goethe und seinen Zeitgenossen, die Zeichnungen von Gebäuden und die Landschaftsbilder in Farbe zu reproduzieren. Das war an sich schon sehr schade.

Dann aber hinzugehen und den Band mit vielen Farbfotos von Weimar und Umgebung „aufzuwerten” bzw. das beschriebene Versäumnis auszugleichen, war eine fatale Fehlentscheidung, denn die Abbildungsqualität vieler Farbfotos ist miserabel. Was einem da trübe, düster und farbstichig entgegen”prangt” (z. B. S. 38, 127, 206), ist teilweise so dramatisch schlecht, dass man es kaum glauben kann, in einem der angeblich „schönsten Bücher der DDR“ zu blättern. Es ist dabei nicht klar, ob die Fotografien schon so schlecht waren, ob die Repro-Arbeiten misslangen oder ob es eine Mischung von beidem war. Hatte man keine Mittel für wirkliche Qualität, wäre es besser gewesen, nur die Zeichnungen originalgetreu in Farbe wiederzugeben und auf die Fotos komplett zu verzichten. Nur die Innenaufnahmen sind zum Teil recht gut.

Unbegreiflich, dass die Jury dieses Buch auch noch als „herausragend” bezeichnet sowie „die stimmungsvollen, höchsten Ansprüchen gerecht werdenden Aufnahmen” und die „drucktechnische Umsetzung” lobt.

Alles hätte so schön sein können.

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Ein Blick nach Österreich

Die schönsten Bücher Österreichs 1986

Die schönsten Bücher Österreichs 1985

Die österreichische Jury wählte aus 99 eingereichten Titeln (1985: 104, 1984: 98) diesmal 13 statt der sonst üblichen Anzahl von 12 Preisträgern aus. Aus der eh schon kleinen Anzahl von Einsendungen waren mit 57 Titeln mehr als die Hälfte bereits von der Vorjury aussortiert worden. Blieben noch 42 übrig.

Über 30 % der Endauswahl zierte sich also mit der Auszeichnung, eines der schönsten Bücher Österreichs zu sein. Das waren schon sehr spezielle Verhältnisse.

Bei dieser schmalen Bandbreite fiel es auch dem Chronisten schwer, einen persönlichen Favoriten zu finden. Nachdem der österreichische Wettbewerb über Jahre die Wiener Secession ausschlachten konnte und auch Künstler wie Arik Brauer noch einiges hergaben, wurde es jetzt doch einigermaßen langweilig.

Georg Riha / Alfred Komarek: Niederösterreich

Georg Riha / Alfred Komarek:
Niederösterreich. Das sanfte Land.

Bei leider sehr vielen Aufnahmen (beliebige Beispiele S. 122, 127) hat der Fotograf Dunst und Gegenlicht nicht in den Griff bekommen. Bei allen solchen Fällen lässt sich das nicht mehr als “stimmungsvoll” verkaufen. Allzu deutlich merkt man, dass keine Zeit war, bei besserem Wetter noch mal mit dem Flugzeug vorbeizukommen. Wo man aber außer dunklen wabernden Farben nichts mehr erkennen kann, hätte man besser auf diese Fotos verzichtet. Außerdem gibt es auf einigen Aufnahmen hässliche Verzerrungen durch Weitwinkelobjektive.

Dennoch: die Vielfalt der österreichischen Landschaft und Kulturlandschaft ist für jemanden aus Deutschland überraschend. Das Gleiche gilt für die Anzahl der mächtigen Schlösser, Burgen und Klöster. Und dabei zeigt der Band nur eine von acht Regionen dieses Landes.

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Hochgeladen am 7. Februar 2021. Zuletzt aktualisiert am 24. Oktober 2021.

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Die auf dieser Seite vorgestellten Bücher wurden geliefert von: Buchhandlung Schaumburg (Buchumschläge), Buchgenie (Aktion), Leipziger Antiquariat (Goethe), medimops (Niederösterreich).

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