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Die schönsten Bücher 1973

1973 war ein Jahr des Übergangs, in dem sich schon mehr oder weniger deutlich eine Trendwende von der kulturellen Hegemonie der Linken und ihrer Sehnsucht nach dem Sozialismus hin zu einer Konsolidierung der bestehenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse abzeichnete. Ein Erstarken, danach auch eine Rückkehr konservativer Kräfte an die Macht, sollte folgen, teils sehr bald, teils erst Jahre später.

In der BRD war es nach großen Triumphen schon das letzte volle Jahr der Kanzlerschaft von Willy Brandt. Mit dem Beitritt in die Vereinten Nationen, zusammen mit der DDR, wurde auch seine Politik des Ausgleichs mit den östlichen Nachbarn gewürdigt und fand die deutsche Nachkriegsgeschichte den Abschluss einer bedeutenden Etappe.

Große Teile der “Außerparlamentarischen Opposition” machten sich auf den “Marsch durch die Institutionen”, auf dem sie natürlich partiell assimiliert wurden. Die führenden Köpfe der “Roten Armee Fraktion” saßen im Gefängnis und warteten auf ihren Prozess.

In Chile fand am 11. September ein brutaler Militärputsch gegen den gewählten Präsidenten Salvador Allende statt. Die Hoffnung auf einen friedlichen, demokratischen Weg zum Sozialismus war wieder mal begraben.

Wie im unten stehenden Kommentar zum Auswahlheft der BRD aufgezeigt wird, spiegelt die Entwicklung auf dem Buchmarkt diese allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen par excellence wieder.

Die schönsten deutschen Bücher 1973

Die fünfzig Bücher 1973
Stiftung Buchkunst, Frankfurt am Main


Bei der Gestaltung des Einbandes wird erneut das seit Jahren gängige Thema der vertikalen Linien variiert, was jetzt endgültig abgenutzt erscheint. Wiederum ist auch der Einband der englischen Broschur nicht richtig mit dem Buchblock verbunden, so dass der aus einfacher Pappe gefertigte innere Einband und das erste Blatt sofort lose sind und die nächsten Blätter nach und nach auch – kein Ruhmesstück für einen Wettbewerb, der so hohe Ansprüche an die Einsender hat.

„Die fünfzig Bücher” sind wieder 51 Bücher. So viel Nonkonformismus musste schon noch sein.

Das Vorwort ist jetzt mit einer ausgiebigen Fotodokumentation der Jurysitzungen illustriert. (Dabei ist eine der Bildlegenden an mehreren Stellen stark verunglückt.) Man sieht die Jurymitglieder, erfährt jetzt auch eine Branchenzuordnung (z. B. „Walter Cantz, Stuttgart. Satz und Druck”), aber immer noch nicht ihre genauen Funktionen und Berufsbezeichnungen. Erstmals gibt es die Information, dass die Jury-Zugehörigkeit nach 3 Jahren endet und der Vorstand der Stiftung (Namen erfährt man nicht) die Mitglieder nach freiem Ermessen beruft, erstmals für die BRD auch ein Mitglied aus dem Ausland, nämlich aus der Schweiz.

Bei der Beurteilung von eigenen Werken der Jurymitglieder würden diese von der Diskussion ausgeschlossen. Ob das für eine wirkliche Neutralität ausreicht? Ist es vorstellbar, dass die Juroren nach Rückkehr des betroffenen Jury-Mitgliedes sagten: „Dein Buch haben wir leider schon wieder nicht zugelassen, Walter”?

Neuerdings wird jetzt neben der Gebrauchsfunktion ausdrücklich wieder „Schönheit” als Kriterium stark herausgestellt. Erstaunlich, wie man hier lavierte und seit der Neuausrichtung des Wettbewerbes Ende der 60er Jahre jährlich die Kriterien teils umbenannte, teils umdeutete, teils anders gewichtete. Ansonsten beruft man sich allgemein auf „Qualität der Gestaltung”.

Es folgt eine minutiöse Beschreibung des Auswahlprozesses. Dabei wird an vielen Stelen deutlich, dass der Subjektivität Tür und Tor geöffnet sind. Bei manchen Büchern hätte es offenbar nur eines einzelnen Jurors bedurft, der es entschieden verteidigte. Manchmal sind die Kriterien auch nicht nachvollziehbar, etwa wenn da steht:

„Die zeichnerische Qualität von Illustrationen, von ad hoc gemachten Fotografien ist Gegenstand der Kritik, nicht aber die Qualität von Bildern in Abbildungswerken”.

Inhaltlich stellt die Jury als Tendenz fest, dass die Zeit der Experimente, der „mehr oder weniger kühnen Versuche, die Buchgestaltung zu verändern, gar zu revolutionieren, vorbei” zu sein scheint. Ist es den Juroren gar nicht aufgefallen, dass auch sie selbst ihre Kriterien wieder etwas konventioneller aufstellten? Frappierend jedenfalls, wie das mit der politisch-gesellschaftlichen Entwicklung korrelierte, in der kühne, ja wahnwitzige Revolutionsversuche scheiterten und eine Konsolidierung begann.

In Bereichen wie den Bilderbüchern gebe es einen Hang zur Überbetonung bestimmter Stilisierungen, die zum „Selbstzweck” zu werden schienen. Aber bedeutete das nicht, dass sich neue ästhetische Normen durchgesetzt hatten, die sich nun standardisierten?

Dieses Mal waren 381 Bücher von 139 Verlagen vorgelegt worden. Und tatsächlich wirkte die Buchauswahl in diesem Jahr wieder etwas gediegener, seriöser, mehr nach nachvollziehbar ästhetischen Gesichtspunkten getroffen. Die arrogante Bemerkung im Vorwort, die Jury sei erstaunt, wie „wie man nur den Mut haben” könne, ihnen bestimmte Werke überhaupt vorzulegen, hätte sie sich allerdings sparen sollen.

Bei den ausgewählten Titeln findet man einige sehr moderne Autoren und Künstler wie Wolf Wondratschek, erstmals auch Christo, sehr viel Grafik, im oft etwas skurrilen Stil der 70er.

Mit „Polaris 1” taucht wieder ein Buch auf, das der Chronist schon vorher sein eigen nannte. Überhaupt werden futuristische Themen wichtiger.

Im Bereich der Gesellschaftswissenschaften gibt es viel Soziologie, natürlich alles links.  Marx/Engels dürfen nicht fehlen. Und dann finden sich neuere Richtungen der Psychologie (Analyse, Gruppendynamik). Wieder einmal ist der Beweis angetreten, dass der Wettbewerb ein Spiegel des Zeitgeschehens ist.

Zunehmend beschleicht einen aber ein Gefühl von Monotonie. Obwohl der (sinnvolle) Grundsatz aufgestellt wurde, keine Reihen auszuzeichnen, passiert genau dieses. Fast jedes Jahr wird ein dtv-Atlas prämiert. Wie 1971 mit „Darmstadt”, wird in derselben Aufmachung der „Bücher aus Amorbach” nun „Heidelberg” auserkoren, und wieder, wie schon 1969, steht da der Accidentia-Verlag mit den im Überformat abgebildeten Dias von Erwin Fieger.

Und dass bestimmte Illustratoren wie Heinz Edelmann „in” waren und mehrmals zum Zug kamen, ist klar und begründbar, aber mussten auch dieselben Autoren immer wieder vorkommen? Adorno gehörte 1971 mit einem Sammelband zu „den Büchern” und jetzt 1973 in einer simplen Taschenbuchausgabe.

R. Buckminster Fuller: Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde

R. Buckminster Fuller:
Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde
und andere Schriften


In der Reihe „das neue buch” erschien die Avantgarde. Hier verpasste Rowohlt besonderen Werken, von denen man wusste, dass sie keinen großen Leserkreis finden würden, aus verlegerischer Sorgfalt und Verantwortung eine besonders gute Ausstattung. Weitere bedeutende Veröffentlichungen in dieser Reihe waren z. B. „Neurose und Klassenkampf” von Michael Schneider (ebenfalls 1973) oder „Die Enden der Parabel” von Thomas Pynchon (1981).

Richard Buckminster Fuller (1895–1983) war ein einflussreicher amerikanischer Architekt und Technikvisionär, dessen Schriften auch (und gerade) im 21. Jahrhundert äußerst modern wirken.

Die in der vorliegenden Veröffentlichung erschienenen Texte sind eine faszinierende Synthese von fortgeschrittensten wissenschaftlichen Konzepten und visionären Zukunftsmodellen.

Fullers zentrale Motive waren u. a. das Bevölkerungswachstum, die Beschränktheit und Verteilung der Ressourcen auf der einen Erde sowie die Erweiterung des restringierten sensorischen und intellektuellen Apparates des Menschen mit computergestützter Technologie.

Anfang der 70er Jahre erschienen auch Publikationen wie die „Die Grenzen des Wachstums” des “Club of Rome”, die unsere Erde als Einheit begriffen, welche nur begrenzte Ressourcen hat. Der Lösungsansatz von Fuller ist dabei eher wissenschaftlich-technokratisch als politisch oder ökonomisch. Der Begriff „spaceship earth” wurde von ihm geprägt.

Ungemein aktuell ist zum Beispiel das „Dymaxion-Haus”, eine Frühform des Niedrigenergiehauses mit Wasseraufbereitung und Recycling von Abfallstoffen.

Leider schummelte der Verlag ein bisschen beim Titel. Denn die zweite Hälfte des Buches nehmen keine Schriften von Fuller ein, sondern zwei Texte von bundesdeutschen Autoren, die im Stil von Examensarbeiten sein Lebenswerk einer „ideologiekritischen” Betrachtung unterziehen.

Schade, dass Fullers bahnbrechende Arbeiten zum Gegenstand links-dogmatischer Kritik auf erbärmlichem Niveau herabgewürdigt wurden. So reflektierten in der eigenwilligen Sicht dieser Verfasser Fullers geodätische Kuppeln „den sich anbahnenden Untergang des Bürgertums“ oder er sei sich nicht zu schade gewesen, eine Kuppel für die Unternehmenszentrale von Ford und damit für „das amerikanische Monopolkapital“ zu bauen. Auch über Anmerkungen wie, die schwimmenden Megacitys seien „utopistisch“ und unrealisierbar, weil auch dort die kapitalistischen Produktionsverhältnisse herrschen würden, müsste man lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Solche Beispiele des trüben Textes könnten beliebig vermehrt werden.

Es folgt ein Aufsatz über einen Teil der amerikanischen alternativen Jugendbewegung, die auch unter Benutzung der von Fuller entwickelten Kuppeln nach neuen Siedlungsstrukturen außerhalb der großen Städte suchte und ein „new life“ anstrebte – typisch „falsches Bewusstsein“, hält ihnen ein Seminarmarxist entgegen, da das Ziel ja dann nicht die „freie Assoziation aller Produzenten in einer sozialistischen Gesellschaft“ sei.

Das Buch jedenfalls war recht erfolgreich und ist auch heute noch begehrt. Von 10.000 im Jahre 1973 gedruckten Exemplare waren 2017 nur noch drei auf dem antiquarischen Markt erhältlich. Das günstigste, aber auch das beste davon (nämlich „wie neu“), kostete den Chronisten 70 €.

Polaris 1. Ein Science Fiction Almanach.

Polaris 1. Ein Science Fiction Almanach.

Der Insel Verlag brachte mit “Polaris 1” ein ansprechend gemachtes Tachenbuch auf den Markt, mit dem das Genre der Science Fiction erstmals im deutschsprachigen Raum ein Periodikum auf seriöser und literaturwissenschaftlicher Grundlage erhielt. Von “Polaris 1” wurden beachtliche 10.000 Exemplare gedruckt.

In dem Almanach erschienen sowohl Kurzgeschichten als auch Beiträge von auf SF spezialisierten Literaturkritikern sowie einschlägige Illustrationen. Der erste Band etwa behandelte als Schwerpunkt Kurd Laßwitz (1848–1910), den einflußreichen, aber leider nicht sehr bekannten Pionier des utopischen Romans. Sein 1000-seitiger Roman “Auf zwei Planeten” beschrieb schon 1897 die Begegnung zwischen Menschen und Marsianern. Wernher von Braun war ein großer Bewunderer von Kurd Laßwitz.

Bei Insel erschienen zunächst im jährlichen Abstand die Bände 1–3. 1978 übernahm der Suhrkamp Verlag, der in etwas größeren Abständen die Reihe fortsetzte. 1986 wurde der 10. und letzte Band herausgebracht. Betreut wurde die Reihe vom ungemein proliferanten österreichischen SF-Publizisten Franz Rottensteiner.

So verdienstvoll “Polaris” auch war, so konnte bei all dem Anspruch, eine “kritische” Auswahl zu trefen, “weniger bekannte”, “interessante”, ausdrücklich vor allem europäische Autoren vorzustellen, auch gepflegte Langeweile auftreten.

Präraffaeliten. Staatliche Kunsthalle Baden-Baden 1973.

Präraffaeliten.
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden 1973.


Dieses ist das schönste Buch aller hier vorgestellten vier Wettbewerbe des Jahres 1973. Ein Buch, bei dem einem die Augen übergehen, das man förmlich verschlingt.

In Baden-Baden fand vom 23.11.1973 – 24.2.1974  die erste große Ausstellung der Präraffaeliten in (Kontinental-)Europa statt.

Der Katalog ist nahe an der Perfektion. Der kapitelweise Aufbau mit den herausnehmbaren, transparenten Motiven von William Morris, das schöne, hochwertige Kunstdruckpapier, die absolut makellosen Reproduktionen (aus Kostengründen aber viele nur in schwarz-weiß), der lichte Satz.

Leider nur fehlen einige bedeutende Werke, wie natürlich “Ophelia”, von denen dann immerhin Skizzen und Studien gezeigt werden.

Einziges wirkliches Manko ist der Fetzen hochempfindliche Pappe, der als Umschlag herhalten musste und mit einem absolut atypischen Bild versehen wurde, das gar nichts an sich hat, wofür die Präraffaeliten bekannt sind.

Die kunsthistorischen Anmerkungen im Vorwort kann man getrost vergessen.  Immerhin mag etwas daran sein, wenn Klaus Gallwitz das Anfang der 70er Jahre vor allem auch in England neu auflebende Interesse an den Präraffaeliten als Gegenbewegung „zur übermäßigen Beanspruchung des Realismus“ einschätzt.

Einzig interessant ist das (im Gegensatz zu seinen deutschen Kunsthistoriker-Kollegen lesbare) Vorwort von John Gordon Christian, der die ständig wechselnden Moden und Stimmungen in der Kunstszene seit Mitte des 19. Jh. beschreibt, die wahlweise die Präraffaeliten schätzte, verachtete und wieder rühmte.

Die Texte zu den Künstlern und ausgestellten Werken haben genau die richtige Länge, indem sie nämlich nicht ausufern.

Peter Hacks / Heinz Edelmann: Kathrinchen ging spazieren

Peter Hacks / Heinz Edelmann: Kathrinchen ging spazieren

Peter Hacks (1928–2003), der bekannte Dramaturg und unbelehrbare Alt-Stalinist, brachte mit Heinz Edelmann (1934–2009), dem Star-Illustrator von Yellow Submarine, ein Kinderbuch heraus. Was konnte dabei herauskommen? Eigentlich genau das, was man erwarten konnte.

Es wurde eine skurrile, antiautoritär angehauchte Geschichte, die Kathrinchen, die im preußischen Stechschritt nicht gerade kleinmädchenhaft losstürmt, von einem Erbsenfeld über Afrika zum Mond und wieder zurück in ihr Bettchen führt.

Im Grunde handelt es sich um eine Variation der Geschichte „Du hast drei Wünsche frei“ (hier sind‘s 12).

Am meisten lebt das Buch natürlich von den phantasievollen, im typisch surrealistisch-psychedelischen Stil gehaltenen Bildern von Heinz Edelmann. Sehr geschickt bevölkerte der Illustrator die „eigentliche“ Geschichte zusätzlich mit vielen kleinen koboldähnlichen Tieren, die Kindern die Möglichkeit geben, „mehr“ zu entdecken.

Peter Hacks, der die DDR bis an sein Lebensende fanatisch verteidigte, vor allem die Ulbricht-Ära, und der Ausbürgerung von Wolf Biermann begeistert applaudierte, hätte sich mal fragen sollen, warum Bücher mit solch “formalistischen” Illustrationen in seiner politischen Heimat nicht erscheinen durften.

Beim Text stimmt der Rhythmus gelegentlich nicht – war das „kreative Freiheit“ oder einfach Schluderei, Herr Hacks?

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Der Wettbewerb in der DDR

Die schönsten Bücher der DDR 1973

Die schönsten Bücher der DDR 1973

Die DDR konnte 1973 viele schöne und interessante Bücher auszeichnen.

Zum 25jährigen Jubiläum des Wettbewerbes fällt das Vorwort der Jury deutlich unideologisch aus. Nicht mehr vom „Sozialistischen Realismus” ist jetzt die Rede und vom Buch als Waffe im Kampf um den Weltfrieden, sondern es gelte, „die Freude am schön gestalteten Buch zu wecken und (...) das ästhetische Empfinden der Bürger zu formen.” Biederer geht es kaum noch. Ein Mann vom Ministerium spricht aber dann doch noch ein paar politisch gehaltvolle Worte, indem er in Büchern eine „ideellen Beitrag zum Aufbau der entwickelten sozialistischen Gesellschaft” erkennt.

Aus 217 eingesandten Werken wurden 52 ausgewählt, wobei die Zahl der Einsendungen leicht zurückgegangen war. Die Jury will darin eine größere Selbstkritik der Verlage sehen. Ab jetzt sollen auch nur noch Bücher ausgezeichnet werden, die auch in den Handel gelangen, also keine „bibliophilen Drucke” und dergleichen mehr, wie sie auch in der BRD immer wieder in die Auswahllisten kamen. Erstmals wurden wieder viele Kinderbücher ausgezeichnet.

Hochinteressant sind die veröffentlichten Zahlen zur Bücherproduktion. Die „schönsten Bücher der DDR” hatten durchschnittlich eine Auflagenhöhe von 22.000 Exemplaren, weit mehr als in der BRD! An der Gesamtproduktion hatten sie mit 1,014 Mio Exemplaren einen Anteil von 0,84 %. Damit belief sich also die gesamte DDR-Produktion auf 120,7 Mio Bücher!

Auch in der DDR wird nun zunehmend der mehrfarbige Offsetdruck eingesetzt. Genaue Zahlen werden aber nicht genannt. Die Qualität des auch in der DDR zunehmend eingesetzten Lichtsatzes wird noch kritisiert. Ganz arg sah es weiterhin bei der Verfügbarkeit der Schriften aus. Die Hälfte der „schönsten Bücher” wurden mit nur 4 Schriften gedruckt (S. 11). Bei den Einbänden würde sich eher wieder schlechtere Qualität durchsetzen, was überraschend ist.

Sehr schön beim Vorwort sind die Hinweise auf einzelne, besonders herausragende Werke und die Begründung für ihre Auszeichnung. Und Gottseidank wird jetzt die mehrsprachige Wiedergabe des Vorwortes satztechnisch deutlich komprimiert an den Schluss des Bandes gesetzt.

Sarah Kirsch: Zaubersprüche
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Sarah Kirsch: Zaubersprüche

Sarah Kirsch (1935–2013) war eine der bekanntesten deutschen Lyrikerinnen. Große Popularität hatte sie schon in der DDR. 1973 befand sie sich dort auf einem Höhepunkt allgemeiner Anerkennung, fiel aber 1976 bei der SED in Ungnade, weil sie gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestierte. Ein Jahr später siedelte sie nach Westberlin über.

Die “Zaubersprüche” beinhalten teils eingängige, teils bis zur Unverständlichkeit verschlüsselte Gedichte. Viele haben tatsächlich einen gewissen Zauber. Meist geht es um Liebesglück und Liebeswirren. Etwas störend ist der häufig eigensinnige Zeilensprung, bereits vollzogen genau ein Wort, bevor er eigentlich ansteht. Das sorgt für aufmerksames Lesen, wirkt aber auf Dauer maniriert.

Erheblich aufgewertet wird das Buch durch die kongenialen Zeichnungen von Dieter Goltzsche, einem ebenfalls bekannten DDR-Künstler, der sich aber im Gegensatz zu Sarah Kirsch und abgesehen vom “Formalismus-Streit” der 50er Jahre nicht mit der Partei überwarf.

Das Buch an sich mit dem soliden Einband, dem guten Papier und dem roten Kopfschnitt ist eine Augenweide. Leider meinte der Verlag, die Lyrik, die sich eher mit “kleinbürgerlichen” Themen befasste, mit einem Umschlag “ergänzen” zu müssen, in dem Kirsch in einem Interview unter anderem zu gesellschaftspolitischen Bezügen ihrer Lyrik Stellung nimmt, und für diesen Umschlag das denkbar billigste, vergilbende Papier verwenden zu müssen. Aus diesem Grund ist kein ansehnliches Exemplar der Erstauflage auf dem antiquarischen Markt verfügbar. Ohnehin ist die in 4500 Exemplaren gedruckte Erstauflage sehr rar.

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Sarah Kirsch im Jahre 1972. Foto: Ullstein / Andree.

Thomas Billhardt: Hanoi. Am Tage vor dem Frieden.
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Thomas Billhardt:
Hanoi. Am Tage vor dem Frieden.


Thomas Billhardt (*1937) war einer der bekanntesten Fotografen der DDR, fand und findet aber auch weit über sein Heimatland hinaus hohe Anerkennung in der ganzen Welt. Am bedeutendsten sind seine Fotobände über Krisengebiete wie Vietnam, Palästina und Nicaragua. Dabei stand er immer auf der sozialistischen Seite.

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Der vorliegende Band ist im Grunde genommen eine Dokumentation der Weihnachtsbombardements 1972, des Lebens in Nordvietnam davor, während der Angriffe der
US-Luftwaffe und danach.

Die Aufnahmen sind nicht weniger als perfekt. Sehr viele Fotos haben die Qualität, Ikonen ihrer Zeit und ihres Sujets zu sein. Dazu trägt nicht nur das große Können von Thomas Billhardt bei, das in der Dokumentarfotografie seinesgleichen sucht, sondern auch die Schönheit der vietnamesischen Menschen. Und das ist es, was Thomas Billhardt immer herausstellt: den Menschen in seinem Alltag, seiner Würde, seiner Lebensfreude, aber auch seiner ganzen Zerbrechlichkeit. Oft sind es Frauen und Kinder, die man sieht (die Männer sind im Krieg), oft sehen die Menschen Thomas Billhardt gerade heraus an, aber nicht ein einziges der Bilder wirkt gestellt.

Die meisten Aufnahmen sind schwarz-weiß, aber hier und da werden als Gegengewicht genau passend einige farbige Aufnahmen plaziert. Überhaupt ist das Layout des über 300 Seiten starken Bandes ein Gedicht und nicht mehr zu verbessern. Dazu trägt das schöne, hochwertige Papier bei. Darauf kann man die erhabenen Buchstaben der Texte deutlich mit den Fingerkuppen fühlen.

Der Schutzumschlag erscheint nicht unbedingt gelungen. Eines der Schwarz-Weiß-Bilder wäre hier besser gewesen.

Zu den Abschnitten des Buches gibt es 5-sprachige, kurze einleitende Texte, verfasst von Peter Jacobs. Auch hier wird die Konfrontation zwischen Nordvietnam und den USA aus der Sicht des Alltagslebens der Menschen in Nordvietnam (nicht nur in Hanoi) geschildert. Die Texte sind in einer einfühlsamen, geradezu poetischen Art ebenfalls perfekt geschrieben und verraten große Anteilnahme, haben aber eine ideologische Schlagseite.

Ja, die Bombardements waren verbrecherisch und haben damals auch den Verfasser dieser Zeilen stark aufgerührt. Aber die kompletten Begleitumstände, die zu dieser Entwicklung führten, werden ebenso ausgeblendet, wie die Tatsache, dass Gräueltaten gegen Zivilbevölkerung auch vom Vietcong verübt wurden.

Bedenklich ist es, wenn der Autor auf der einen Seite „kampfentschlossene Mädchengesichter“ beschreibt, die „Uniformen mit auffälliger Grazie“ tragen, und auf der anderen Seite „Mordpiloten“ bei „Terroreinsätzen“ ihr „Mordhandwerk“ ausüben. Das ist Entmenschlichung des Gegners. Die makabre Dokumentation der Beerdigung von zwei amerikanischen Piloten trägt dazu bei.

So kann sich leider dem Gesamtwerk von Bild und Text ein gewisser propagandistischer Charakter nicht absprechen lassen. Die Fotos hingegen entziehen sich durch ihre Beschaffenheit einer einseitigen Sichtweise oder Interpretation. Sie bleiben in ihrer Qualität und ihrer Bedeutung zeitlos.

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Ein Blick nach Österreich

Die schönsten Bücher Österreichs 1973

Die schönsten Bücher Österreichs 1973

Österreich legte die Ergebnisse des Wettbewerbes letztmalig in seinem silbernen quadratischen Format vor und tat auch gut daran, bald einen Wechsel zu vollziehen.

Die Anzahl der eingereichten Werke ging nochmals auf nur 71 Titel zurück. Damit war man wieder auf dem Stand von 1962/63!

Die gesamten Neuerscheinungen des Buchmarktes beliefen sich im Jahr 1973 auf 2859, davon waren 1921 Ersterscheinungen, damit also über 200 mehr als 1972. Daran kann es also nicht gelegen haben, wie im (nicht gezeichneten) Vorwort auch festgestellt wird. Aber mehr als Appelle sind zunächst nicht zu verzeichnen. Es wird auch keine Kritik am Wettbewerb angesprochen, die wohl in irgendeiner Weise von Verlagen und Druckereien geäußert worden sein muss. Da war man in der BRD viel offener.

Die Auswahl bietet eine kleine, um nicht zu sagen limitierte, und auch ein bisschen wilde Mischung aus Tradition und Moderne, von Votivbildern bis zu Alfred Hrdlicka. Die Anzahl der prämierten Bilderbücher scheint mit 4 (wenn man den Fuchs hinzu zählt 5) im Verhältnis der Gesamtpreisträger von 12 erneut viel zu hoch.

Album der Familie Fuchs

Album der Familie Fuchs

Der Maler Ernst Fuchs (1930–2015) war schon 1967 mit einer Publikation vertreten, die er zusammen mit H. C. Artmann gestaltet hatte.

Das 1973 prämierte “Album der Familie Fuchs” ist ein Almanach, der stark von der Feiern des Kirchenjahres als auch von den Ereignissen des Schuljahres geprägt ist. Dabei zeigt sich Ernst Fuchs als tiefgläubiger Christ.

Was er für ein großartiger Künstler war, beweist das Eingangskapitel, in dem er mit herausragenden Bleistiftzeichnungen seine Frau und seine vier Kinder porträtiert. Beim Rest des auf dicken Karton gedruckten Buches passt er seine Malweise etwas den Kindern an. Jedes Bild wird auf der gegenüberliegenden Seite mit einer Mischung aus Weisheit und Witz erklärt und kommentiert. Die Reproduktionsqualität ist hervorragend.

Das Buch ist nicht mehr und nicht weniger als ein schöner Spaß. Leider hat die Druckerei dem Einband eine blaue Schicht verpasst, die bei der geringsten Beanspruchung wie Pulver einfach abfällt. Erstaunlich, wie viele Bücher mit diesen oder anderen handwerklichen Mängeln in den Wettbewerben der “schönsten Bücher” ausgezeichnet wurden.

Edda Reinl: Wie ein König und sein Volk glücklich wurden

Edda Reinl: Wie ein König und sein Volk glücklich wurden

Die Österreicherin Edda Reinl hatte vor allem in den 70er Jahren einigen Erfolg mit Bilderbüchern, die mit farbenfrohen, hübschen Batiken illustriert waren. Batik war damals “in”. Neber der vorliegenden Publikation waren es u. a. „Die kleine Schlange“ und „Die fremde Feder“, die die Diplom-Grafikerin bekannt machten.

Im 1973 prämierten Buch lässt ein König in zwar pädagogisch wertvoller, aber nicht ganz glaubwürdiger Weise vom Besitzdenken ab und teilt sich den Nachtigallen-Gesang fürderhin mit seinem Volk (nachdem dieses ihn betrogen hatte).

Die feine Titel auf dem Einband erscheint nicht optimal gelungen.

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...was macht die Schweiz?

Die schönsten Schweizer Bücher 1973

Die schönsten Schweizer Bücher 1973

Auch in der Schweiz war ein fortgesetzter Rückgang der Einsendungen zu verzeichnen. 1973 wurden nur noch 20 aus 201 Büchern ausgewählt.

Bei vielen der vorgelegten Werke vermisst die Jury kreative Lösungen, sie seinen „ohne besondere Qualität, ohne persönlichen Ausdruck”. Zu sehr halte man an klassischen Präsentationsformen von „vor 30 oder 40 Jahren” fest, etwa auf „literarischem oder photographischem Gebiete”. Ausdrücklich wurden „neue Lösungen” gefordert, die „vor einer Generation” gültigen wolle man nicht mehr „fördern”. Pikiert und etwas schulmeisterlich schreibt Nicolas Bouvier, Schriftsteller und stellvertretende Vorsitzender der Jury, im Vorwort: „wir müssen feststellen, dass wir etwas unbefriedigt sind”.

Hier wiederholte sich mit wenigen Jahren Verzug dieselbe unselige Debatte mit derselben elitären Haltung wie im BRD-Wettbewerb ab 1969/70, als die „überkommenen” ästhetischen Kriterien der Buchproduktion nicht mehr gelten sollten.

Der Chronist meint: „Klassische” Qualitätsmaßstäbe waren immer noch besser als „Innovation” um jeden Preis, die dann zu einem tatsächlich ungewöhnlichen, aber missratenen Ergebnis führt wie der Ilionissa-Band. Ein weiteres prämiertes Werk war die Guiramand-Werkschau mit der künstlerisch wenig gelungenen, hässlich-deformierten Frau auf dem Umschlag. Hier setzt die Kritik genau umgekehrt an. Die Präsentation von Beispielen „moderner” Malerei ist absolut konventionell aufgemacht. Nur das Vorwort ist einer übergroßen Schrifttype gesetzt, die an Großdruck-Bücher für Senioren mit Sehschwäche erinnert.

Maren Heyne: Ilionissia

Maren Heyne: Ilionissia

Hier irrte die Jury. Der Fotoband der deutschen Fotografin Maren Heyne über die griechischen Inseln kommt zwar in einem spektakulären Panoramaformat, jedoch sind viele der Abbildungen dermaßen blass und überbelichtet, dass man eigentlich von einem Fehldruck sprechen muss. Das Maleur kann nur bei den Repro-Arbeiten passiert sein, denn die renommierte Fotografin wollte wohl nicht auf diese Weise zeigen, dass es auf den Inseln sehr hell ist.

Der Einband wurde aus einem Material gefertigt, das schnell vergilbt (auf der obigen Abbildung durch Konvertieren in s/w nicht mehr zu sehen).

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Die auf dieser Seite vorgestellten Bücher wurden geliefert von: Antiquariat Ballon + Wurm (Auswahlhefte BRD und DDR), Galerie Valentien (Präraffaeliten), Leipziger Antiquariat (Kirsch), Buch-Galerie Silvia Umla, Völklingen (Auswahlheft Österreich), Cobra Antiquariat Oberursel (Fuchs), Chiemgauer Internet Antiquariat (Reinl), Eckert & Kaun (Ilionissia).

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