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1974 war in der Geschichte der Bundesrepublik ein einschneidendes Jahr. Willy Brandt, der Kanzler, der 1969 so hoffnungsvoll und mit hochfliegenden Plänen seine Kanzlerschaft begonnen hatte, dem national wie international die Herzen zuflogen und der insbesondere in der Ostpolitik große Erfolge feiern konnte, musste zurücktreten. Unbemerkt hatte die Stasi über Jahre hinweg einen Agenten in seiner nächsten Nähe plaziert. Günter Guillaume konnte als persönlicher Referent des Kanzlers jahrelang Regierungsgeheimnisse sowie die Alkokolprobleme und Sex-Affären von Brandt nach Ostberlin melden. Allerdings waren es auch innenpolitische Probleme und die fehlende Unterstützung von Herbert Wehner und Helmut Schmidt, die zum Rückzug Brandts führten. Helmut Schmidt vom rechten Flügel der SPD übernahm die Kanzlerschaft, die er selbst acht Jahre später an die CDU verlor. Im Nachhinein war 1974 schon ein Schritt hin zur “konservativen Wende” der 80er Jahre. Sukzessive wurden alle Vorstellungen eines “demokratischen Sozialismus” beendet.

In den USA hatte die Watergate-Affäre ihren Höhepunkt. Der unbeliebte und zusehends desolat agierende Präsident Richard Nixon musste zurücktreten. Gerald Ford übernahm.

Das Ereignis für die sozialistische Linke war noch mal die Nelkenrevolution in Portugal. Ein von den Kolonien ausgehender Putsch junger linker Offiziere wie Otelo de Carvalho hatte die Diktatur beendet. Es folgte nicht der Sozialismus, sondern der gemäßigte Sozialdemokrat Mario Soares übernahm. Dann ging es Schritt für Schritt nach rechts.

In der Welt des Fußballs gewann die deutsche Nationalmannschaft ihre zweite Weltmeisterschaft in einem spannenden Finale, das durch mehrere eklatante Fehlentscheidungen von Schieds- und Linienrichtern geprägt war, gegen Holland.

Die schönsten deutschen Bücher 1974

Die fünfzig Bücher 1974
Stiftung Buchkunst, Frankfurt am Main


Wie schon seit Jahren wurden nicht wirklich
50 Veröffentlichungen als „Die fünfzig Bücher” ausgezeichnet. Daran hielt man schon fast zwanghaft fest, es nicht wirklich auf diese Zahl kommen zu lasssen. 1974 waren es 51 Bücher, die vorgestellt wurden.  384 Bände waren eingereicht worden, bei dem riesigen bundesdeutschen Buchmarkt doch wenig, um nicht zu sagen marginal. Immerhin jedes sechste wurde ausgewählt, eine im Vergleich mit den anderen Wettbewerben in den deutschsprachigen Staaten sehr hohe Quote. Die Verlage, die sich entschieden, etwas einzuschicken, trafen also recht gut den Geschmack der Jury.

Das Auswahlheft kommt dieses Mal in einem unansehnlichen, je nach Lichteinfall zwischen oliv und braun changierenden Ton. Wie schon seit 1971 (zuerst eingeführt 1967) wird auf dem Cover immer dasselbe Schema der vertikalen Linien, die Buchseiten bzw. einen Korridor andeuten sollen, dekliniert.

Da wohl erneut Kritik an der Auswahlpolitik abzusehen war, wurden wieder ausgedehnte Erklärungen zur objektiven Vorgehensweise an den Anfang gerückt und auch „zur Diskussion“ gestellt. Alles sollte genauestens dokumentiert werden. Sogar der Bewertungsbogen wird abgebildet.

Dann kam es aber mit geballter Wucht. Wenn man sich die Preisträger ansieht, mutierte die Stiftung Buchkunst bzw. ihre Geschäftsführung immer mehr zu einem Ableger (oder Geschäftspartner?) der gewerkschaftseigenen Büchergilde Gutenberg, deren Räumlichkeiten sich ja ebenfalls in Frankfurt befanden und deren Chefdesigner Juergen Seuss im benachbarten Niddatal wohnte.

Der Katalog fängt so an:

Buch Nr. 1. Verlag: Büchergilde Gutenberg. Gestaltung: Juergen Seuss.
Buch Nr. 2. Verlag: Büchergilde Gutenberg. Gestaltung: Juergen Seuss.
Buch Nr. 3. Verlag: Büchergilde Gutenberg. Gestaltung: Juergen Seuss. (...)
Buch Nr. 6. Verlag: Büchergilde Gutenberg. Gestaltung: Juergen Seuss.

Dann folgt noch einmal in der Mitte:
Buch Nr. 18. Verlag: Büchergilde Gutenberg. Gestaltung: Juergen Seuss.

An Juergen Seuss, der selbst (wie schon 1970 und 1972) Mitglied der Jury war und von dem bereits in den Vorjahren auffällig viele Bücher ausgezeichnet wurden, hatten die anderen Juroren wohl einen Narren gefressen. Lapidar bemerkt Hans Peter Willberg dazu im Vorwort: “Qualität hat Tradition“. Ein Schlag ins Gesicht für die anderen Verlage, die ebenfalls schon „traditionell” nicht oder nicht in diesem Umfang zum Zuge kamen.

Grundsätzlich kann man auch hinterfragen, ob es überhaupt sinnvoll ist, Lizenzausgaben für Buchclubs auszuzeichnen, da diese Bücher ja nur für die Mitglieder verfügbar sind, oder ob man sich nicht besser auf die Erstausgaben konzentrieren sollte, die in den normalen Buchhandel kommen. Hinzu kamen noch mehrere prämierte Bücher, die als Firmenschriften aufgelegt waren, also ebenfalls nicht im Handel erschienen.

Sehr häufig wurde auch der ebenfalls in Frankfurt ansässige Insel Verlag ausgezeichnet.

In Bezug auf die Themen waren in diesem Jahr sehr viele Kunstbände dabei, allerdings nur postmoderne „Gegenwartskunst”. Es musste schon die Avantgarde sein, das war man seinem progressiven Geschmack schuldig. Realistische Malerei wurde allenfalls noch im Kinderbuch geduldet. Da wurde ein Kinderbuch mit Illustrationen der Künstlerin Anita Albus prämiert.

Überhaupt wurden unverhältnismäßig viele Kinder- und Schulbücher ausgezeichnet. Letztere aber ausschließlich im Grund- und Hauptschulbereich, wo die “unterprivilegierten Kinder” waren, auf keinen Fall bei den Gymnasien, auf die die „bürgerlichen Kinder” gingen. Wie sehr man bei der Auswahl auf modernistische Strömungen abfuhr, zeigt die „Mengenlehre”, die die armen Schulkinder damals über sich ergehen lassen mussten, sowie jetzt die „kritische Textanalyse”.

Was 1974 komplett verschwunden war, ist die sozialistische Richtung. Auch Pornographie, die einige Jahre eine große Rolle im Auswahlheft gespielt hatte, kam gar nicht mehr vor. Scheinbar hatte man sich daran schnell sattgesehen.

Neuerdings wurde das gebundene Buch wieder stärker bedacht: 30 Gebundene gegen 16 Broschierte werden im Vorwort angeführt (der Rest?). Gerade der Leineneinband sei eben „schwer zu ersetzen“. Da stockt einem der Atem, da man das schon mal ganz anders von Herrn Willberg gelesen hat.

Es schließt sich eine heftige Kritik an der Einbandqualität an. Weitere sehr detaillierte Ausführungen über Druck und Repro (sehr erfreulich), Fotosatz (weiter auf dem Vormarsch, aber mit noch vielen Mängeln) folgen.

Bei der Gestaltung wolle man oft zu viel, „zu viel Dekoration, Pracht, Reichtum“. Damit werde man „den Texten als auch den Bildern“ nicht gerecht. Gerade solche Bücher wurden aber ausgezeichnet. Es wurde zum Beispiel auch ein „Tafelbuch” mit Prägedrucken im Überformat 51 x 51 cm, in einer Auflage von 80 (!) Exemplaren, erhältlich für 2800 DM, ausgewählt. Es fragt sich, für welche Verlage und Werke das ein Vorbild sein sollte (diesen Anspruch erhob man ja) und welche Käuferschicht angesprochen wurde.

Jürgen Theobaldy: Blaue Flecken

Jürgen Theobaldy: Blaue Flecken

Stark sind diese Gedichte in freier Form da, wo Jürgen Theobaldy (*1944) sich wirklich auf Gefühle einlässt, auf Alltagssituationen, auf sein Innenleben, sein beschädigtes Selbst, und ja, auch auf die eigentlich von ihm abgelehnte Poesie und Romantik. Und vor allem, wo er seine sprachliche Fähigkeiten ausspielt.

Schwach ist er, wo er sich den Klischees der radikalen Linken hingibt. Immer wieder werden die typisch linksextremen Themen aufgegriffen: die Revolution in Südamerika, der Krieg in Vietnam, auf Demos gehen, wild Plakate kleben, die Universität besetzen (um endlich „zu reden zu arbeiten und zu lieben”), „Typen wie Flick hassen” oder gar wie einst in Frankreich „Brandfackeln in die Paläste der Reichen schleudern”, sich abgrenzen von den „Bullen“ und den „ordnungsliebenden Spinnern“, die „vielleicht eben aus dem Puff kommen“ (woher sonst?).

Die Helden sind Lenin, Che und Leviné sowie erschossene bundesdeutsche Terroristen wie Georg von Rauch. Die Sozialdemokraten hingegen sind nur verachtenswert, weshalb die gewerkschaftseigene Büchergilde Gutenberg solche Texte natürlich auch niemals gedruckt hätte. Diesen Umsatz überließ man den profitorientierten, bürgerlich-kapitalistischen Verlagen wie Rowohlt, Suhrkamp und Fischer, deren wohlwollende Vertreter ja schließlich auch in der Jury der Stiftung Buchkunst saßen.

Noch schwächer wird Theobaldy, wenn er im Strom der ordinären Sprache der 68er treibt. Um dem Leser gleich ein entsprechendes Signal zu geben, wird nach einer kurzen Verneigung vor Goethe schon in der ersten Strophe des zweiten Gedichtes so richtig vom Leder gezogen und erklärt, was mit den Hoden (den „Ei***”) passiert, wenn man „lange nicht gef****“ hat. Überhaupt ist es auffällig, dass die Sprache besonders lieblos wird, wenn es um Sex geht.

Wie auch viele andere Details zeigen, müssen Weltbild und Lebensgefühl von Männern der linksradikalen Szene wirklich erbarmungswürdig gewesen sein.

Interessant wäre es zu wissen, wann und warum der Verfasser von der “Revolution” abgelassen hat. Denn in seinem späteren Leben wurde er Protokollschreiber im Schweizerischen Parlament.

Das Buch gewinnt einen besonderen Reiz durch die hübschen Bleifstiftzeichnungen des Schweizer Künstlers Berndt Höppner. Und der für die Reihe übliche pink-farbene, auffällige Rahmen des Covers passt natürlich sehr gut zur durchgängig linken Programmatik von „das neue buch”.

Vom Handwerklichen her (auf das es der Jury im Auswahlprozess ja angeblich ankam) handelt es sich um ein völlig normales Paperback. Allerdings ist der Buchblock so schlecht mit dem Umschlag verbunden, dass sich die ersten Seiten leicht lösen – eines „der” Bücher des Jahres? Schwer zu glauben. Ganz klar sollte mit der Auswahl die neue literarische Richtung der "Alltagslyrik" gefördert werden (wie schon im Vorjahr mit der Prämierung einer Veröffentlichung von Wolf Wondratschek).

Aber dann passiert etwas. Das mir vorliegende Exemplar wird durch eine schöne, sehr persönliche Eintragung des Vorbesitzers auf S. 84 doch noch zu etwas ganz Besonderem, das beim jetzigen Besitzer tiefe Erinnerungen auslöst und das Jahr 1974 wieder aufleben lässt...

Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W.

Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W.

“Die neuen Leiden des jungen W.” vom DDR-Autor Ulrich Plenzdorf (1934–2007) machte in den 70ern einige Furore, auch oder sogar vor allem in der BRD, weil soziale und persönliche Konflikte nicht mehr aus der dogmatischen “marxistisch-leninistischen” Perspektive gesehen oder gar geleugnet wurden, sondern offenbar wurde, dass Probleme zwischen den Generationen auch im “real existierenden Sozialismus” möglich waren und in einer frischen und neuen Form dargestellt wurden. Eine neue Offenheit der DDR-Kulturpolitik erlaubte die Publikation bzw. die Aufführung solcher Texte auch. Im Prinzip wurde von der DDR der Versuch gemacht, die 60er Jahre partiell nachzuholen. Und das war dann schon aufregend.

So erschienen eine Reihe von Buch- und Filmveröffentlichungen, die das Leben junger Leute und ihre Schwierigkeiten, sich in die Gesellschaft einzufügen, thematisierten. Da erschien die DDR plötzlich als kleinbürgerlicher, miefiger Staat mit autoritären Strukturen, die überhaupt nicht anders, vielleicht eher schlimmer als die der BRD waren.

Unter diesen Buch- und Filmwerken wurden “Die neuen Leiden” zum “Kult”, sicher auch durch den von Plenzdorf geschickt hergestellten Bezug auf den Klassiker von Goethe.

Die Editionsgeschichte des Textes ist reichlich verworren. Es gibt mehrere Versionen, aus denen leider die DDR-Bezüge immer mehr herausgenommen wurden. Der Text existiert als Filmszenarium, als Bühnenstück und als Prosa.

Die Story ist interessant und wird im Verlauf geradezu spannend. Und neben dem Plot gefällt das Werk auch als Milieustudie. Ungemein störend ist jedoch die künstliche und gezwungene Art, mit der Plenzdorf versucht, die Sprache der proletarischen Jugend zu simulieren. Hat irgend jemand wirklich so gesprochen?

Die beste Arbeit von Ulrich Plenzdorf war übrigens das Drehbuch zu “Die Legende von Paul und Paula” (1973).

Zum Buch als handwerkliches Produkt. Die Büchergilde Gutenberg brachte immer gut gemachte Bücher heraus. Man ging auch mit der Zeit. Mittlerweile war es technisch problemlos möglich, einen Pappband mit einem festen, illustrierten Einband zu fertigen. Man hatte den empfindlichen Schutzumschlag gespart und das Buch hatte etwas Praktisches von einem Taschenbuch.

Die Ästhetik des Buches macht bewusst auf Hässlich bis Verfallen, angefangen schon vom Cover. An den Beginn sind einige Fotos gesetzt, die das Aufbegehren des Titelhelden gegen die Konventionen der Gesellschaft dokumentieren sollen. Dabei posiert der Protagonist (ein junger Mann) mehrmals in lasziv-herausfordernder Weise mit der Hand in unmittelbarer Nähe seiner Geschlechtsteile, teils in der schon leicht geöffneten Hose. Das wird vielleicht den Erwartungen des links-kleinbürgerlichen Leserkreises der Büchergilde gerecht, dem Inhalt von “Die neuen Leiden des jungen W.” wohl kaum.

Was Juergen Seuss mit dem Schriftbild macht, ist schwer nachzuvollziehen. In ständigem Wechsel lässt er die Times in 13 pt und die Helvetica, die wegen den hohen Mittellängen eh schon eine sehr große Anmutung hat, in 20 pt (!), und manchmal gar noch eine Frakturschrift folgen. Was kann man anderes darin sehen als eine sinnlose Spielerei? Der Text wird dadurch jedenfalls nicht leichter zu lesen.

Kritisches Lesen 1. Lesebuch für das 5. Schuljahr.

Kritisches Lesen 1.
Lesebuch für das 5. Schuljahr.


Kritisches Lesen war jetzt angesagt. So richtig und wichtig dieses ist, stellt sich die Frage, ob hier Kritik nicht vor dem Verständnis kommt. Man befindet sich im 5. Schuljahr.

Typisch für die damalige Zeit ist auch, dass im umständlich und bemüht geschriebenen Vorwort die Schüler mehrmals dazu aufgefordert werden, auch das Buch selbst einer kritischen Bewertung zu unterziehen sowie intensiv über die Texte zu diskutieren. Köstlich, aber in den langfristigen Folgen einer solchen antiautoritären Erziehung fatal, wie es dann heißt: „Den Lehrer solltet ihr ruhig mitdiskutieren lassen!“

Nach dem Vorwort folgen Portraitfotos der Herausgeber des Lesebuches. Man will keine Anonymität mehr. Es ist ein Buch von Menschen für Menschen. Leider aber befindet sich unter den 18 Herausgebern nur eine einzige Frau: Ingrid Witzel.

Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat von Bertolt Brecht, auf den häufiger zurückgegriffen wird. Soweit war die Linke auf ihrem „Marsch durch die Institutionen” bereits vorgedrungen, dass man teilweise eine Angleichung an Lehrwerke der DDR erkennen konnte. Tatsächlich war die „Konvergenz der Systeme“ eine damals gängige Theorie.

Die antiautoritäre Grundhaltung (dies ein Unterschied zur DDR) schimmert überall durch. Zum Beispiel sollen die Kinder anhand einer Gedichtinterpretation (natürlich wieder Brecht) lernen, selbst zu entscheiden, welche Regeln sinnvoll sind und welche nicht. Ein Text von A. S. Neill lässt natürlich nicht lange auf sich warten und die „Hausordnung” eines Berliner Schülerladens wird als positives Gegenbeispiel zur üblichen autoritären Schulordnung herausgestellt.

Aber wenn man diesen ideologische Überbau, der damals wohl einfach sein musste, einmal außer Acht lässt, erscheint ein ungemein schönes und abwechslungsreiches Lesebuch. Bei sehr guter Druckqualität ist es auch graphisch sehr gelungen (Design: Reinhard Schubert). Insgesamt wirkt das Buch locker, lustig und stetes interessant. Unkonventionell für die damalige Zeit war sicher auch der Abdruck eines kompletten Superman-Comics. Das dürfte die Schüler aber mal so richtig erfreut haben.

Einige der Texte scheinen bisweilen zu anspruchsvoll für die Zielgruppe, wie z. B. die Dada-Gedichte. Auch die Kurzgeschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“ von Peter Bichsel dürfte Fünftklässler an die Grenze ihres Textverständnisses gebracht haben. An der Aufnahme dieses Textes lässt sich auch sehr schön das in den 70er Jahren festzustellende Vordringen kommunikationstheoretischer Konzepte in den Unterricht aufzeigen.

Typisch für die frühen 70er auch der visuell moderne, in Orange gehaltene Einband. Ob aber ein Paperback für ein Schulbuch so geeignet war? Eher nicht.

Was weiterhin vom Handwerklichen her negativ auffällt, ist der viel zu schmale innere Rand der Seiten. Um den Text gut lesen zu können, muss man den Buchrücken förmlich aufbrechen – doch ein schwerwiegender Mangel, der eine Auszeichnung eigentlich verboten hätte.

Diercke Weltatlas

Diercke Weltatlas

Der Diercke Weltatlas war sicher ein würdiger Preisträger. Das umfangreiche und nach den modernsten fachwissenschaftlichen sowie didaktischen Gesichtspunkten vielfach aufbereitete Kartenmaterial wird den Schülern die Gelegenheit gegeben haben, mit Freude ihre geographischen Kenntnisse zu verbessern. Im "Vorspann" erfährt man die ungeheure Anzahl an Personen und Institutionen, die zur Erstellung des Werkes beigetragen haben. Kein Wunder ist es aber auch, dass bei einer solchen Detailfülle manches verwirrend erscheint ist und auch einige Redundanzen vorliegen.

Gerne hätte man auch erfahren, was dieses Lehrwerk von anderen vergleichbaren Atlanten positiv hervorgehoben hat. Waren es Umschlag, Papier, Druckqualität? Eine Beurteilung der fachlichen Aufarbeitung etwa der Themen Raumordnung oder Beziehung Mensch-Umwelt wird die Jury sich nicht zugemutet haben.

Keine gute Idee ist das Weglassen des linken und rechten Seitenrandes. Teilweise werden sogar die ersten Buchstaben der Beschriftungen leicht angeschnitten. Und das beständige Drucken in den mittigen Falz hinein ist bei solchen Werken nie optimal.

Duane Hansen. Eine Retrospektive des amerikanischen Bildhauers.

Duane Hansen.
Eine Retrospektive des amerikanischen Bildhauers.


Mit der Retrospektive von Duane Hanson (1925–1996) war dem Württembergischen Kunstverein Stuttgart erneut eine bahnbrechende Ausstellung gelungen.

Duane Hanson war einer bekanntesten Vertreter des aus den USA herüberschwappenden „radikalen Realismus“. Einzigartig war die Technik des Künstlers, mit der er Personen täuschend echt nachbildete, die er vor allem im Alltagsleben der amerikanischen Mittel- und Unterschicht vorfand. Sehr auffällig ist die große Traurigkeit, die diese Menschen ausstrahlen, nachdem sie aus ihrer Umgebung quasi „herausgeschnitten“ wurden: vereinzelte, einsame Individuen in den kulturlosen Steppen der amerikanischen Städte. Eine radikalere Kritik ist kaum vorstellbar. Aber auch die vier aus Hansens Aufenthalt in der BRD stammenden „deutschen“ Exponate („Putzfrau”, „Der Maurer”, „Lesender Mann”, „Sekretärin”) fallen da kaum aus dem Rahmen. Immerhin ist die Sekretärin die einzige der vielen „Skulpturen”, die lächelt.

Die mit tiefem psychologischem Einfühlungsvermögen und großer Detailtreue entstandene Galerie ist ungeheuer aufschlussreich. Jeder möge den Typ finden, der ihm am meisten ähnelt, und ein wenig über sich nachdenken.

Ein schwerwiegender Mangel des Buches ist, dass der in der 1. Person schreibende Verfasser der Einleitung nicht mit Namen genannt wird. Erneut fragt man sich, wie genau die Jury sich die prämierten Bücher bei ihren tagelangen Sitzungen eigentlich ansah. (Derselbe nicht identifizierte Kunsthistoriker schaut der Reproduktion einer schwangeren Frau „unter den Rock“ und stellt fest, dass „alles echt“ ist.)

Leider hat man der Ausstellung nur einen kleinen Katalog mit Schwarz-Weiß-Abbildungen gegönnt. Der schlichte Einband in englischer Broschur ist aus einem sich schnell verfärbenden Material. Ob der Effekt gewollt war, sei dahingestellt.

Anita Albus: Der Garten der Lieder

Anita Albus: Der Garten der Lieder

Unter dem Titel „Der Garten der Lieder” veröffentlichte die phänomenale Künstlerin Anita Albus (*1942) ein wahrhaft berückendes Bilderbuch mit einer Sammlung von Kinderliedern aus früheren Jahrhunderten.
Den Reiz dieses Albums machen die bezaubernden Illustrationen aus. Alle Seiten haben an den Rändern ornamentale Bordüren, in denen im mittelalterlichen Stil gehaltene Miniaturen die Themen der Lieder aufgreifen und veranschaulichen.

Die 11 Lieder selbst seien im Grunde keine „Kinderlieder”. Darin bleiben Verfasserin und Verlag jedoch etwas unentschlossen. Es heißt im Untertitel: „Ein Buch für Kinder und andere. Darin elf alte Volkslieder.” Im Nachwort führt Frau Albus (nicht sehr überzeugend) aus, dass es „Kinderlieder” im eigentlichen Sinne auch „nicht gibt”.
Schon gar nicht sind die meisten der Lieder für Kinder von heute ohne weiteres verwendbar. Die Sprache ist oft ungewöhnlich, ja absonderlich und derb, die Anspielungen, teilweise auch der Wortschatz, bisweilen schwer verständlich.

Zu jedem Lied hat Frau Albus im Anhang den historischen Hintergrund mitsamt ideologiekritischer Wertung vermerkt. Der (teils etwas bemühte) Hinweis auf sexuelle Zusammenhänge und Anspielungen im Text so einiger „Kinderlieder” darf Anfang der 70er Jahre natürlich nicht fehlen.

Das beste Lied ist „Großmutter Schlangenköchin”.

Maria, wo bist du zur Stube gewesen?
Maria, mein einziges Kind!
„Ich bin bei meiner Großmutter gewesen,
ach weh! Frau Mutter, wie weh!“

Was hat sie dir denn zu essen gegeben?
Maria, mein einziges Kind!
„Sie hat mir gebackene Fischlein gegeben,
ach weh! Frau Mutter, wie weh!“

Wo hat sie dir denn das Fischlein gefangen?
Maria, mein einziges Kind!
„Sie hat es in ihrem Krautgärtlein gefangen,
ach weh! Frau Mutter, wie weh!“

Womit hat sie denn das Fischlein gefangen?
Maria, mein einziges Kind!
„Sie hat es mit Stecken und Ruthen gefangen,
ach weh! Frau Mutter, wie weh!“

Wo ist denn das Übrige vom Fischlein hinkommen?
Maria, mein einziges Kind!
„Sie hats ihrem schwarzbraunen Hündlein gegeben,
ach weh! Frau Mutter, wie weh!“

Wo ist denn das schwarzbraune Hündlein hinkommen?
Maria, mein einziges Kind!
„Es ist in tausend Stücke zersprungen,
ach weh! Frau Mutter, wie weh!“

Maria, wo soll ich dein Bettlein hinmachen?
Maria, mein einziges Kind!
„Du sollst mirs auf den Kirchhof machen,
ach weh! Frau Mutter, wie weh!“

Die Illustrationen dazu sind wahrhaft meisterlich. Die Schlangenmahlzeit, der umgestoßene Becher mit rotem Wein (oder Blut), der von einer Fledermaus umflatterte Grabstein mit der Inschrift „Hier ruht Maria. Einziges Kind.”

Dazu zitiert Anita Albus Goethe: „Tief, räthselhaft, dramatisch vortrefflich behandelt.”

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Der Wettbewerb in der DDR

Die schönsten Bücher der DDR 1974

Die schönsten Bücher der DDR 1974

Der DDR-Katalog hat fast dieselbe unansehnliche Farbe wie das BRD-Pendant. Der Umschlag ist auch sonst schlecht gearbeitet. Traurig bei seinem Inhalt und seiner Bedeutung.

Im Vorwort werden zunächst einige Zahlen angeführt. 51 Bücher mit einer Gesamtauflage von 1,6 Millionen wurden ausgewählt. Die meisten der Bücher seien sehr preiswert, womit der Grundsatz erfüllt werde, schöne und ästhetisch ansprechende Bücher nicht für eine „kleine elitäre Schicht“ herzustellen, sondern für einen „weiten Leserkreis“. Dies sei auch ein Grundsatz der „sozialistischen Kulturpolitik“. Immerhin ist man mittlerweile doch weit vom „sozialistischen Realismus“ entfernt.

In dem der Praxis des Buchgewerbes geltenden Hauptteil des Vorwortes hat sich gegenüber den Vorjahren wenig geändert. Man kritisiert hier und da Einzelaspekte der Buchproduktion, hebt bestimmte Fortschritte hervor, wie die zunehmende Verwendung des Lichtsatzes (20 von 51 Titeln) – dieser Anteil wurde in der BRD 1971 erreicht – und des Offsetdrucks (24 plus 5 in Kombination mit anderen Verfahren) – in der BRD wurden 1971 bereits 40 von 49 ausgewählten Büchern im Offset gedruckt.

Ein weiteres Gebiet, auf dem die Buchproduktion der DDR sich auf einer „Aufholjagd“ befand, war der Umschlagtyp. Auch in der DDR gewann der broschierte Umschlag (später Paperback genannt) an Bedeutung und brachte es jetzt auf einen Anteil von einem Drittel der ausgezeichneten Bücher.

Lustigerweise stimmen jetzt auch die Anzahl von exakt 51 Preisträgern überein. Diese Zahl wurde in diesen Jahren beim BRD-Wettbewerb bevorzugt gewählt.

Bei den prämierten Büchern haben wir wieder die bunte und recht hochwertige Auswahl mit dem üblichen etwas biederen und „klassizistischen“ Einschlag. Im Bereich der Gesellschaftswissenschaften findet sich natürlich ausschließlich die offizielle DDR-Doktrin wieder wie „Compañeros. Im sozialistischen Amerika“. Ein anderer typischer Titel lautete: „Wehrdienst. Warum? Wann? Wo? Wie? 125 Antworten“. In der BRD hingegen war seit 1972 ein „Handbuch für Kriegsdienstverweigerer” auf dem Markt, das viele Auflagen erfuhr, wenn es auch nie als einer der „schönsten” Bücher ausgezeichnet wurde, alleine schon deshalb, weil der Pahl-Rugenstein Verlag nichts einreichte – aber im Übrigen von der DDR finanziell unterstützt wurde.

X. Festival

X. Festival

Ein großes Ereignis, das auch in der BRD erhebliche Resonanz fand, waren die „X. Weltfestspiele der Jugend”, die 1973 zum ersten (und dann auch letzten) Mal nach 1951 wieder in Ostberlin stattfanden und immerhin acht Millionen Besucher anzogen.

Es kamen zwar überwiegend Teilnehmer aus den sozialistischen Staaten, aber auch linke Gruppen aus dem Westen, insbesondere aus der BRD, schickten Vertreter zu der Mammut-Veranstaltung, wie die Jungsozialisten oder die Jungdemokraten. Der damalige Juso-Vorsitzende Wolfgang Roth konnte ungehindert auftreten und eine Rede halten.

Der DDR gelang es damals, durch die perfekte und aufwendige Organisation der riesigen Veranstaltung ein positives Image zu vermitteln. Man zeigte sich offen und gastfreundlich. Viele glaubten damals an eine weitere Öffnung und Liberalisierung der sozialistischen Staaten. Die „Konvergenz der Systeme” war eine vielfach beachtete Theorie. Das im Dezember 1973 veröffentlichte Werk „Archipel Gulag” von Alexander Solschenizyn fügte dann dieser  wohlwollenden Sicht des real existierenden Sozialismus schweren und irreparablen Schaden zu.

Die Begleittexte des Bandes sind viersprachig: Deutsch, Russisch, Französisch und Arabisch, nicht hingegen Englisch. Das ist zwar die Weltsprache Nr. 1, aber auch die Sprache der USA, des Feindes Nr. 1,

dem der „antiimperialistische Kampf“, den die Jugend der Welt in „kampfentschlossener Stimmung“ und in „sieghaftem Optimismus“ auf ihren „Solidaritätsmeetings“ führte, wie es in der deftigen, immer etwas hölzern wirkenden Propagandasprache heißt.

Leider ist auch das Bildmaterial ideologisch angehaucht. Vielfach sieht man wehende Fahnen, bei denen selten die Farbe Rot fehlt, und geballte, in den Himmel gereckte Fäuste. Typisch dazu ein Text wie: „Erprobte Befreiungskämpfer aus Guinea-Bissau“. Man feiert sich selbst und die Epigonen des Sozialisnus, wie etwa: „Gladys Marin und die erste Kosmonautin der Welt, Valentina Nikolajewa-Tereschkowa aus der Sowjetunion.” Gladys Marin, die Vorsitzende des Jugendverbandes der Kommunistischen Partei Chiles, war neben der amerikanischen Kommunistin Angela Davis einer der Stars des Festivals. Oft fehlen aber auch erklärende Texte.

Im weiteren Verlauf des Bandes werden aber doch zunehmend ganz normale junge Menschen gezeigt, beim Diskutieren, beim Feiern – und auch beim Küssen. Die Qualität der Fotos ist mäßig bis sehr gut. Am gelungensten sind durchgängig die Schwarz-Weiß-Aufnahmen.

Alles in allem aber eine bewegende Dokumention für diejenigen, die diese Zeit und gerade das Jahr 1973 politisch bewusst erlebt haben.

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Ein Blick nach Österreich

Die schönsten Bücher Österreichs 1974

Die schönsten Bücher Österreichs 1974

Der österreichische Wettbewerb gestaltete seinen Katalog neu. 1974 war dabei ein Übergangsjahr, wenn auch ein gelungenes. Schon jetzt hatte man das schönste Cover aller vier hier vorgestellten Länder, und das erste mehrfarbige überhaupt.

Das Vorwort besteht nur aus ein paar wenigen Sätzen. Erstaunlicherweise wird nicht erwähnt, dass erstmals seit Jahren wieder mehr Bücher eingereicht wurden, nämlich 88 (Vorjahr: 71). Davon wurden 15 (Vorjahr: 12) ausgewählt.

Die Mischung war bunt, aber auch etwas wild. Dabei wurden fast ausschließlich Kunstbände und Bilderbücher ausgezeichnet, eine Besonderheit des österreichischen Wettbewerbs.

Karl Korab: Das Waldviertel

Karl Korab: Das Waldviertel

Der Maler und Grafiker Karl Korab (*1937) stammt aus dem Übergangsgebiet zweier österreichischer Regionen. Während viele seiner Arbeiten in ihrer Gelöstheit und farbenfrohen Anmutung eher vom Weinviertel inspiriert sind, setzte er mit diesem Band dem Waldviertel ein Denkmal.

Das Buch erhielt den 1. Staatspreis. Es ist durchaus interessant, darin zu blättern und sich über die für Österreich untypische, vergleichsweise flache Gegend mit vielen dunklen Fichtenwäldern zu informieren. Grundtendenz des Bandes ist eine gewisse Verherrlichung des Lokalkolorits.

In mehreren Abschnitten werden Bilder (davon am besten die Tuschezeichnungen und oft nicht gelungen die Farbfotos mit kaum durchzeichneten, flächigen Schattenpartien) und Impressionen einer Landschaft dargeboten, die man beim besten Willen nicht als „schönste der Erde“ bezeichnen kann, wirkt sie doch unwirtlich, unkultiviert und auch kaum besiedelt. Vielfach stehen Ruinen herum. Der Haupterwerbszweig scheint eine bereits darniederliegende Forstwirtschaft zu sein.

Leider sieht man auf den Bildern keine Menschen. Nur das letzte Foto des Bandes zeigt eine Gruppe von im Gegenlicht vor sich hin dämmernden alten Männern beim Zechen. Nicht sehr vorteilhaft für das Waldviertel, diese Stellungnahme des Fotografen.

Die 103 aus den unterschiedlichsten Quellen entnommenen Texte sind wie in einem Lesebuch zusammengestellt und entbehren nicht einer gewissen derben, aber auch volkstümelnden Poesie.

Bei Gestaltung und Herstellung des Buches wurden mehrere falsche Entscheidungen getroffen.

Beim Layout gilt natürlich die Regel: je größer die Schift (20 pt) ist, desto größer müssen auch alle Abstände werden: zwischen den Zeilen, zwischen den Spalten und an den Rändern. Abstände zwischen Absätzen und Abschnitten gibt es aber gar keine. Stattdessen wurde ein dichtgedrängter Satzspiegel gewählt, der das Lesen zu einer Qual macht.

Eine noch schlechtere Idee war es, für ein Buch über das Waldviertel auch holzhaltiges Papier zu nehmen. War das wirklich so naheliegend?

Susi Bohdal: Der schöne Vogel Adalbert

Susi Bohdal: Der schöne Vogel Adalbert

Susi Bohdal wurde, auch im englischsprachigen Raum, am bekanntesten durch ihr Bilderbuch „Selina, Pumpernickel und die Katze Flora“.

„Der schöne Vogel Adalbert” ist hingegen enttäuschend. Zwar ist es ganz köstlich, wie die hier mit Aquarellstiften arbeitende Künstlerin die selbstgefälligen Posen des Vogels trifft, vor allem auf dem Cover
(Vor- und Rückseite) und der ersten Doppelseite.

Traurig und pädagogisch zweifelhaft ist es aber, dass die Moral der Geschichte darin besteht, seine bunte Andersartigkeit abzulegen und grau wie die anderen zu werden, damit man anerkannt und zufrieden wird.

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...was macht die Schweiz?

Die schönsten Schweizer Bücher 1974

Die schönsten Schweizer Bücher 1974

In der Schweiz konnte erstmals seit Jahren der Rückgang der Einsendungen an den Wettbewerb gestoppt und sogar eine deutliche Steigerung verzeichnet werden. 1974 wurden 33 aus 263 Büchern ausgezeichnet (Vorjahr: 20 aus 201).

Ohne die gesamte Produktion überhaupt vorliegen zu haben, glaubt die Jury unter Bezug auf ihre im Vorjahr definierten “kreativen und neuen Lösungen”, “dass in den graphischen und verlegerischen Kreisen die neuen, den modernen Erfordernissen dieses Sektors besser entsprechenden und von der Jury angewandten Beurteilungskriterien gut aufgenommen worden sind.” Ob man da den eigenen Einfluss nicht ein bisschen überschätzte?

30 der 33 prämierten Werke kamen aus der deutschsprachigen Schweiz, ein krasses Ungleichgewicht,  möglicherweise daher rührend, dass es viele Kopproduktionen mit dem vergleichsweise gigantischen bundesdeutschen sowie dem österrechischen Markt gab. Das wäre allerdings analog auch für die französischsprachige Schweiz möglich gewesen.

Der Schweizer Buchmarkt war mit nur 6000 Neuerscheinungen sehr klein, aber wie das Auswahlheft erneut belegt, sehr niveauvoll. Die Zahl “6000” sollte dabei nicht überbewertet werden. Die Schweizer Bürger konnten jederzeit auf die Produktion der großen deutschen, französischen und italienischen Buchverlage zurückgreifen.

Hans May / Astrid Jacobs: Unser Haus

Hans May / Astrid Jacobs: Unser Haus

Das Heft zur “Religiöse Vorschulerziehung” beinhaltet einige Bildergeschichten, die stellenweise verwirrend und ohne das beiliegende Heft schwer verständlich sind – und dieses können die Vorschulkinder ja nicht lesen.

Als Leitmotiv lässt sich erkennen: Alle sollen friedlich sein und sich vertragen.” Ob aber folgendes Klischee dazu beiträgt? “Colombos waren Italiener. Herr Colombo und seine Frau waren klein und schwarzhaarig”.

Es erschienen im selben Jahr zwei weitere Hefte in der Reihe, die aber nicht fortgesetzt wurde, was einigermaßen verständlich ist.
 

Fernand Rausser / Hans Wallhof: Der liebe Gott schaut uns an

Fernand Rausser / Hans Wallhof:
Der liebe Gott schaut uns an


Hier wurde zu recht ein wunderbares Leporello mit eindrucksvollen Kinderportraits des Fotografen Fernand Rausser (1926–2016) ausgezeichnet.

Der Text des Pallottiner-Paters Hans Wallhof (1931–2004) ist stellenweise etwas religiös überhöht, stellt aber insgesamt ein kongeniales Pendant zu den meisterhaften Kinderfotos dar.

Das Buch war Teil einer kleinen Reihe von drei Veröffentlichungen und erschien im Traber Verlag Bern sowie im Lahn-Verlag Limburg. Ob das Heft auch im bundesdeutschen Wettbewerb angemeldet wurde, ist ungewiss. Sicher wäre es in den 70er Jahren wegen seiner zwar aufwendigen, aber traditionellen Machart sowie seiner religiösen Tendenz chancenlos gewesen. Genauso wenig war 1974 die Auszeichnung eines „Gebet- und Gesangbuches für das Bistum Limburg“ nicht mehr vorstellbar, das 1957 noch ausgezeichnet wurde.

Ähnlich war es auch in der DDR, wo religiöse Bücher ab Mitte der 60er Jahre konsequent an den Rand gedrängt wurden.

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Die auf dieser Seite vorgestellten Bücher wurden geliefert von: Antiquariat Ballon + Wurm (Auswahlheft BRD), Antiquariat Fetzer (Duane Hanson), Armebooks (Lieder), Ralfs Bücherkiste (Auswahlheft DDR), partes antiquares, Wittenberg (X. Festival), Antiquariat Terrahe & Oswald, Gankhofen (Auswahlheft Österreich), Sammlerstube Memmingen (Adalbert), Steinmader, Henstedt-Ulzburg (Unser Zimmer),  tante minuscole (Der liebe Gott).

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