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Die schönsten Bücher 1978

1978 war das erste Jahr seit Beginn der terroristischen Aktivitäten der “Roten Armee Fraktion”, in dem man deutlich das Gefühl hatte, dass die selbsternannte “Stadtguerilla” besiegt war. Die erste Führungsriege war tot und alle Nachfolge-”Generationen” konnten die Staatsorgane nicht mehr ernsthaft in Verlegenheit bringen.

Bis weit hinein in die legale linke Szene brach Trauer aus über ein nun angeblich herrschendes “repressives Klima”. Angesehene Schriftsteller wie Heinrich Böll wirkten beim Filmprojekt “Deutschland im Herbst” mit, an dem die linken Intellektuellen sich berauschten. Im Abspann erklang zum Trauermarsch anlässlich der Beerdigung der Top-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die erbarmungslos Menschen getötet hatten, ein Lied von Joan Baez. 

Regisseur Volker Schlöndorff bedauerte es ausdrücklich, dass es “sogenannte Terroristen nicht mehr viel gibt” (kein Tippfehler). In Italien schon. Die “Roten Brigaden” entführten und ermordeten den mehrfachen Ministerpräsidenten Aldo Moro.


Völlig andere Probleme hatte die deutsche Fußballnationalmannschaft. Bei der “Schmach von Córdoba” schied der amtierende Weltmeister schon in der Zwischenrunde ausgerechnet gegen das bis dahin belächelte Österreich mit 2:3 aus. Die österreichische Post gab aus diesem Anlass sogar eine Sondermarke mit dem entscheidenden Tor des zum Nationalhelden avancierten Stürmers Hans Krankl heraus.

Die schönsten deutschen Bücher 1978

Die fünfzig Bücher 1978
Stiftung Buchkunst, Frankfurt am Main


Dass sich etwas geändert hatte, erkannte man sofort beim Erblicken des Kataloge. Nicht mehr der zweifarbige Tunneleffekt in Neonfarben, sondern ein graublau metallisch schimmernder Umschlag, auf dem abstrahiert aufeinandergestapelte Bücher zu erkennen sind.

Am Layout änderte sich sonst wenig, außer dass die bibliographischen Angaben zu den Buchtiteln nun mit einem mittleren Grau hinterlegt waren, was nicht unbedingt zur Lesbarkeit beitrug.

Der Katalog wurde nun nicht mehr vom Ehepaar Willberg gestaltet, sondern von Rainer Winter, der schon – wie könnte es anders sein – für die Büchergilde gearbeitet hatte und praktischerweise auch in Frankfurt wohnte. Hans Peter Willberg war aus der Stiftung Buchkunst ausgeschieden, weil er eine Professur in Wiesbaden angenommen hatte. Sein Nachfolger als „Sekretär des Wettbewerbs” wurde Philipp Bertheau.

Die Jury wurde zu etwa zwei Dritteln ausgewechselt, wobei man sich bemühte, mit Vertretern einer Bibliothek, eines Museums, eines Antiquariats und einer Hochschule auch Personen von außerhalb der Branche hereinzuholen.

Aber nach wie vor wurden nicht die Unternehmen (Verlage, Druckereien etc.) benannt, aus denen die Branchenvertreter (die Mehrheit der Jury) kamen (Insidern waren sie natürlich bekannt), sondern nur ihr Name, so als wären sie als Privatpersonen da und würden ihre Firmen nicht auch die 4 Arbeitstage der Sitzungen bezahlen. Dabei war jetzt auch ein „Gastjuror” (was immer das bedeutete). Die einflussreiche 3-köpfige Vorjury, der auch weiterhin Professor Willberg angehörte, blieb unverändert.

Was sich vor allem nicht änderte, war das Konzept des Wettbewerbes, wie er seit Jahren lief, seit die Stiftung Buchkunst die Regie hatte.

Aber ein Novum gab es doch: zum ersten Mal seit der Umbenennung wurden tatsächlich 50 Bücher als *die* 50 Bücher ausgezeichnet. 513 Titel (Vorjahr 479) waren eingereicht worden.

Das Vorwort zeichnete neben Bertheau noch mal Willberg mit. Der Stil war aber schon spürbar anders. Weniger ausufernd, jetzt sachlicher. Mehr Statistik, fast stakkatoartig, als Feuilleton.

Auf den meisten Gebieten habe es erfreuliche Qualitätsverbesserungen gegeben, aber auch ein weiterhin wachsender qualitativer Abstand zur „Masseproduktion normaler Bücher”. So schrieb es die Jury eigentlich jedes Jahr. Man fragte sich, wie groß der Abstand noch werden sollte.

Zum ersten Mal erfuhr man, dass nicht nur Verlage Bücher einsendeten, sondern auch Einzelpersonen wie Grafikdesigner, Studenten, ja sogar Schulklassen, Stadtverwaltungen, Galerien usw. – mit welchem Erfolg, ist allerdings fraglich.

Eingangs des Kataloges findet man eine umfangreiche, kommentierte Fotodokumentation mit seriös und gewissenhaft aussehenden Personen (meist vorgerückten Semesters), die um Bücher herumstehen, sich offenbar ernsthafte Gedanken machen, diskutieren und abstimmen. Die Jury bei der Arbeit, erstmals dabei auch zwei Frauen.

An der Auswahlpolitik hat der Rezensent in den Vorjahren so häufig (und heftig) Kritik geübt, dass es müßig und zunehmend langweilig ist, diese immer wieder zu repetieren. Einiges gibt es noch in den Einzelbesprechungen zu lesen.

Zeitgeschichtlich interessant ist das plötzlich aufflammende Interesse der intellektuellen Elite an Hölderlin. Schon 1977 (Link) wurde eine ganze Hölderlin-Edition ausgezeichnet. Und auch dieses Jahr tauchte der Dichter wieder auf der Auswahlliste auf.

Bereits 1976 war bei Luchterhand der sehr einflussreiche, biographische Roman „Hölderlin” von Peter Härtling erschienen, von Germanisten und professionellen Literaturkritikern verrissen, vom Publikum aber so geliebt, dass viele, kaum noch zu überschauende Neuauflagen erschienen.

Leider wurde auch hier nicht die Erstausgabe auserwählt, sondern die von Juergen Seuss in seiner üblichen plakativen Art ausgeschmückte Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg.

Aber was bedeutete dieses zunehmende Interesse an Lyrik, an Innerlichkeit? Wieso befassten sich Intellektuelle, die sich eben noch der sozialistischen Revolution gewidmet hatten, nun mit den Poeten?

Die Gründe scheinen auf der Hand zu liegen. Die „Revolution” gescheitert, ein konservatives Roll-back hatte begonnen. Die Kanzlerschaft von Helmut Schmidt und die RAF-Prozesse waren untrügliche Zeichen dafür.  Auf der anderen Seite hatten die „68er” bereits lukrative Positionen in Hochschule, Schule, SPD, Gewerkschaften und im Kulturbetrieb ergattert. Da konnte man sich nach Feierabend schon ein bisschen Lyrik statt Klassenkampf gönnen.

Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre
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Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre

Reiner Kunze (*1933) gehört den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Bis 1976 veröffentlichte er in der DDR. Dass er wie andere Kunstschaffende den “real existierenden Sozialismus” 1977 wegen seiner systemkritischen Haltung verlassen musste, ist symptomatisch für den Verlust an Geist und Kultur, den die DDR in diesen Jahren erlitt und den sie auch nie mehr wettmachen konnte.

Der Band “Die wunderbaren Jahre”, in denen Kunze, oft kaum noch verschlüsselt, Kritik an den politischen und gesellschaftlichen Zustanden der DDR übte, erschien zuerst 1976 bei S. Fischer und war über den ganzen Sommer 1977 sage und schreibe 4 Monate auf Platz 1 der “Spiegel”-Bestsellerliste. Fraglich, ob das ein Lyrik-Band heute im Zeitalter der “feuchten Gebiete” und “grauen Schattierungen” noch schaffen würde.

Leider ging die Jury der Stiftung Buchkunst an der Fischer-Edition vorbei (falls sie überhaupt vorgelegt wurde, denn Fischer hatte das nicht nötig) und zeichnete die zwei Jahre später erschienene Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg aus, die jetzt ebenfalls DDR-Dissidenten publizierte, da der linke, gewerkschaftseigene Buchclub nach langer Weigerung an dieser Szene nicht mehr vorbeigehen konnte. Dafür war die Resonanz in Ost und West zu groß geworden.

Juergen Seuss, Chefdesigner der Büchergilde, hatte sich wieder die Ausgabe vorgenommen.

Für die Umschlagbilder solcher Werke aus der DDR verwendete Seuss gerne mit einer allzu deutlichen Absicht die Symbolik von heruntergekommenen Hausfassaden (siehe auch “Die neuen Leiden des jungen W.” aus 1974), diesmal noch mit einem unansehnlich wirkenden Himmelblau übertüncht, so dass hier eines der hässlichsten Cover entstand, das der Rezensent jemals in Händen hielt. Dazu gab es auf den ersten Seiten immer ein paar Schwarz-Weiß-Fotos, diesmal Kunze beim Interview und schlecht reproduziert.

Für den Textteil an sich war es immer am besten, wenn Juergen Seuss sich möglichst zurückhielt mit seinen kreativen Einfällen. Diesmal hatte er sich überlegt, die Seitenzahlen kursiv in eckige Klammern zu setzen und die Paginierung der rechten Seiten an den linken unteren Rand zu rücken.

Kann man natürlich alles machen, aber passen diese feinen Schnörkel zum abstoßenden Einband? (Passt der Einband zu den Gedichten?)

Immerhin war die Bindung eines Büchergilde-Buches jetzt einmal so praktisch und “locker”, dass man das Buch gut aufschlagen und lesen konnte – und das war und ist immer noch lohnend.

Ambrose Bierce: Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen

Ambrose Bierce:
Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen


Ambrose Bierce (1842–1914) ist einer der bekanntesten und besten amerikanischen Erzähler. Welcher Schüler hat im Englisch-Unterricht nicht seine famose Kurzgeschichte “An Occurrence at Owl Creek Bridge” gelesen? Wie dieser ist allen Geschichten ein überraschendes, gar frappierendes, tödliches Ende gemein (und oft ein kleiner Bruch mit der Logik).

Mit der vorliegenden Ausgabe hatte die Büchergilde eigentlich ein wunderbares Buch gemacht, wieder von Juergen Seuss gestaltet.

Wie beim “Großen Beispiel” handelte es sich um eine Original- und nicht Lizenzausgabe. Zeitgleich erschien der Titel auch mit anderem, monochromem Schutzumschlag als “edition büchergilde” bei der EVA.

Was aus den Erzählungen von Ambrose Bierce auch als handwerkliches Produkt “Buch” ein Kunstwerk machte, waren die 32 Radierungen von Klaus Böttger (1942–1992), einem der profiliertesten Graphiker der Bundesrepublik. Jede Geschichte erhielt eine oft aus ihr herausgegriffene Szene vorangestellt, von Böttger illustriert. Offenbar nahm der Künstler zumindestens bei einigen seiner Illustrationen Fotos aus dem amerikanischen Bürgerkrieg als Vorlagen. Im Sinne einer künstlerischen Redlichkeit wäre es zu erwarten gewesen, die Fotografen auch zu nennen.

Die Pluspunkte: gute Bindung, sehr schönes Paper (110 g), mit Garamond 14 pt für die Büchergilde ungewohnt konventionelle, auch recht große, aber augenfreundliche Schrift, die zum Format des Buches passt. Brauner Kopfschnitt.

Störend aber wieder die Spielereien mit zwei horizontalen Linien auf jeder Seite. Die Seitenzahl ist zu hoch an die untere Linie gerückt. Sie darf natürlich keinen kleineren Abstand zur Linie haben als die Zeilen selbst voneinander. Ärgerlich die Fehler im Satz, vor allem die leidigen zu kleinen oder gar auf einer Zeile unterschiedlich großen Wortabstände. Auf der Seite mit der Titelei wird eine Silbentrennung untergebracht. Das Inhaltsverzeichnis wird wieder im Fließtext gesetzt.

Ein doch nicht unerheblicher Makel ist die Behauptung des Titels “Erzählungen von Soldaten und Zivilisten aus dem amerikanischen Sezessionskrieg” – denn die Hälfte der kurzen Geschichten haben mit dem Sezessionskrieg gar nichts zu tun. Die amerikanische Originalauflage blieb mehr bei der Wahrheit: “Tales of Soldiers and Civilians” (1891).

Barthel Hrouda (Hg.): Methoden der Archäologie

Barthel Hrouda (Hg.):
Methoden der Archäologie


Ja, das war ein Buch. Hier ging es nicht um “Kreativität”, sondern um Stimmigkeit und Lesbarkeit. Auf jeder einzelnen Seite steht ein perfekter Satz (wie man es bei Seuss und Hillberg, den Koryphäen der Jury, eigentlich nie sah) auf idealem, wertigen Papier in einem passenden Format. Mit 9 pt wurde vielleicht eine etwas kleine, aber noch lesbare Schrift gewählt.

Der farbige Überzug des Einbandes ist empfindlich und für das Feld nicht unbedingt geeignet. Da wäre Hardcover besser gewesen. Als Paperback kostete das Werk 35 DM

Die Herstellung muss unglaublich aufwendig gewesen sein, denn das Buch wimmelt nur so von Formeln und Grafiken, die ebenfalls tadellos wiedergegeben werden.

Man kann davon ausgehen, dass mit diesem Band auch die gesamte Reihe “Beck’sche Elementarbücher” ausgezeichnet wurde. Welcher Student, der in den 70er und 80er Jahren Fächer der Geisteswissenschaften (zu denen die Archäologie allerdings nicht gehört) belegte, kannte diese Reihe nicht?

Die Behauptung des Verlages, das hier vorgestellte Buch sei auch “für Laien” gedacht, kann man allerdings bei dem fast durchgängig hochgradig wissenschaftlichen Duktus getrost vergessen.

Hans Reuther: Die Museumsinsel in Berlin

Hans Reuther: Die Museumsinsel in Berlin

Schöner, ansprechend gemachter Band, von Hans Peter Willberg, dem langjährigen “Chef” der Stiftung Buchkunst, persönlich gestaltet.

Willberg hatte schon im Vorjahr für den Propyläen Verlag den fast identisch aufgemachten Band “Bäume” verantwortet, womit mal wieder gegen das beim Wettbewerb angebliche geltende Verbot verstoßen wurde, Reihen auszuzeichnen. Diese Regel schien für bestimmte Verlage und Buchgestalter außer Kraft gesetzt.

Gleiches “Prinzip” gilt wohl für die “kleinen Fehler”, die ansonsten rundum gelungene Bücher aus dem Wettbewerb rausfliegen lassen. Die falschen Wortabstände auf dem Umschlag dieses Buches hat man dann wohl übersehen.

Einen riesigen Seitenrand zu lassen (z. B. unten bis zu 50 % des beschriebenen Bereiches!) war ein geeignetes Mittel, um langweilige, trockene Texte lesbarer zu machen. Willberg machte das auch deshalb, weil er die zahlreichen (und hervorragenden) Abbildungen horizontal auf die Seiten legte, so dass man das Buch nicht drehen musste. Da die meisten Abbildungen Längsformat hatten, ergab sich dadurch ein großer weißer Rand oben und unten. So konnte er die Gestaltung der Seiten in allen Teilen des Buches (Text, Abbildungen, Biographien, Anmerkungen) gleich oder ähnlich halten.

Bezahlt wurde dies allerdings damit, dass die im Hochformat liegenden Zeichnungen kleiner waren als nötig. Bei den Abbildungen, die in einem starken Panoramaformat vorlagen, hätte man zudem überlegen sollen, sie auch im Buch quer zu legen.

Gar keinen Sinn machen übergroße Seitenränder, wenn der größte Teil des Textes, nämlich die über 2/3 des Textumfangs ausmachenden Biographien und Anmerkungen eine kleinere Größe erhalten als es bei einem herkömmlichen Layout machbar gewesen wäre. Die Walbaum-Antiqua in 10 pt. (sieht fast nach 9 pt. aus) liest sich nicht gerade leicht.

Wohl weder der Autor des Buches, der Berliner Architekturhistoriker Hans Reuther (1920–1989), noch sonst jemand hätte sich wohl bei Erscheinen des Buches träumen lassen, dass die Gebäude der Museumsinsel und das in nur als barbarisch zu bezeichnenden Aktionen 1950/51 von der DDR gesprengte Stadtschloss eines Tages wieder aufgebaut würden.

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Der Wettbewerb in der DDR

Die schönsten Bücher der DDR 1978

Die schönsten Bücher der DDR 1978

Ausgewählt wurden 54 von 231 Büchern (1977: 50 von 250). Die Buchproduktion der DDR insgesamt belief sich auf 5906 Titel und 139,5 Mio Exemplare (1977: 6015 Titel und 137,8 Mio Exemplare). Siehe dazu den Vergleich der nationalen Buchproduktion von BRD, DDR, Österreich und Schweiz im Vorjahr.

Weitere interessante und aufschlussreiche Ergebnisse erhält man, wenn man die Durchschnittszahlen von Einzelhandelspreis und Auflagenhöhe der verschiedenen Staaten vergleicht. Die DDR-Zahlen gibt die Jury im Katalog bekannt, für die anderen Länder hat der Verfasser sie aus deren Katalogen des Jahres 1978 ermittelt.

Durchschnittliche Auflagenhöhe 1978:

DDR: 18.000; BRD: 8.087; Österreich: 3.693; Schweiz: 9.717.

Durchschnittlicher Verkaufspreis 1978:

DDR: 15 M (entsprach auch etwa 15 DM); BRD: 59,71 DM;
Österreich 854,33 öS (etwa 122 DM); Schweiz: 77,95 SFr. (etwa 93,50 DM).

Die Zahlen aus nur einem Jahrgang sind vorsichtig zu bewerten. Sie sind unter anderem davon beeinflusst, wie viele Schulbücher (riesige Auflage, niedriger Preis), Taschenbücher  (hohe Auflage, niedriger Preis), Buchclubausgaben (hohe Auflage, niedriger Preis), wissenschaftliche Bände (kleine Auflage, hoher Preis, da feste Abnahme durch Bibliotheken) im jeweiligen Jahr ausgezeichnet wurden. Insbesondere in der BRD wurden seit Jahren ungewöhnlich viele Schulbücher ausgewählt, was das Gesamtbild verzerrte. Immerhin dürften sich die vom Chronisten häufig kritisierten Exzesse des bundesdeutschen Wettbewerbes (Prämiierung von vielen Kleinstauflagen zu Höchstpreisen) im Jahr 1978 abgemildert haben.

Am auffälligsten – um die Stichprobe von einem einzigen Jahr nicht überzustrapazieren – ist die Sonderstellung der DDR, die trotz aller Kritik an ihrem staatlich gelenkten Buchmarkt ihren Bürgern wertvolle Bücher zu kleinen, erschwinglichen Preisen ermöglichte.

Auch Österreich fällt mit der Auswahl extrem teurer, repräsentativer Werke aus dem Rahmen. Diese Bücher sind auch auf dem antiquarischen Markt heute nur hochpreisig zu erlangen.

Die viel geringere, durchschnittliche Auflagenhöhe auf dem österreichischen Buchmarkt (soweit es sich vom Wettbewerb der „schönsten Bücher” rückschließen lässt) ist nicht alleine aus der niedrigeren Bevölkerungsanzahl zu erklären, da es dann bei der Schweiz ebenso der Fall sein müsste, sondern eher dadurch, dass sehr kostspielige Bücher auch nur einen kleinen Leserkreis finden.

Im Vorwort taucht nach Jahren mal wieder der Begriff des sozialistischen Realismus auf, den der Vorsteher des Börsenvereins vor der Jury verwendete. Die schönsten Bücher sollten repräsentativ für die „sozialistisch-realistische Literatur und Kunst” der DDR stehen.

Ansonsten änderte sich gegenüber dem Vorjahr wenig Entscheidendes.

Es hätte in einigen Bereichen der Buchproduktion wieder deutliche Fortschritte gegeben.

Ähnlich wie in der BRD wurden allerdings „Qualitätsschwankungen“ bei der Herstellung kritisiert. Dabei werden vor allem wieder die leidigen Probleme beim Lichtsatz genannt.

Aufschlussreich für die damalige kulturelle Entwicklung der DDR war, was im Bereich der Belletristik passierte. Der Anteil der Belletristik-Titel sei „erfreulich hoch” (20 von 54 Titeln), aber darunter seien „kaum Arbeiten der zeitgenössischen Autoren der DDR” zu finden. Wenn man seine besten Autoren auch ins Ausland jagt...

Ein Unterschied, der zwischen DDR und BRD immer größer wurde, ist bei den Kinderbüchern zu finden. In der DDR wurden nach wie vor realistische Techniken bei den Illustrationen verwendet, die auch immer besser und wirklichkeitsgetreuer wurden. Bei der BRD-Auswahl lässt sich schon seit mehreren Jahren ein Trend der Abkehr von realistischer Darstellung feststellen, der die für heute (2019) typischen minimalistischen Darstellungen vorwegnimmt.

Herbert Langer: Hortus Bellicus

Herbert Langer: Hortus Bellicus. Der Dreißigjährige Krieg.

Die Edition Leipzig war einer der besten und renommiertesten Verlage der DDR. Im Wettbewerb der “schönsten Bücher” hatte er alleine 1978 vier Treffer. In seiner historischen Reihe war zum Beispiel schon 1976 ein Band über die Kreuzzüge ausgezeichnet worden.

Die Edition Leipzig gewann die bekanntesten Historiker der DDR dafür, verständliche Werke für ein historisch interessiertes Publikum zu schreiben. Die ganz großen Auflagen waren das nicht und billig waren die Bücher auch nicht gerade. Hortus Bellicus zum Beispiel wurde in 7500 Exemplaren (für DDR-Verhältnisse wenig) gedruckt und kostete in der Erstauflage teure 68 Mark. Es gab aber zahlreiche, günstigere Nach- und Lizenzauflagen, auch in der BRD sowie in anderen westlichen Ländern.

“Marxistisch-leninistische” Ideologie spielte hier nur eine beiläufige Rolle, wenn überhaupt. Es kam auf Anschaulichkeit und Lebendigkeit an. Darunter litt nicht die Wissenschaftlichkeit. Hortus Bellicus ist bis heute eines der grundlegenden Werke über die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Das Wissen von Herbert Langer (1927–2013) und was er hier leistete, erregt Bewunderung. Dabei schreibt er keine Ereignisgeschichte, sondern eine Geschichte der deutschen Kultur in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit all ihren Facetten, die Langer wie mit einem Füllhorn über den Leser ausgießt. Entstanden ist die Arbeit als Habilitation (DDR-Jargon: “Promotion B”) an der Universität Greifswald.

Man kann das schwergewichtige Werk mit über fachkundig ausgewählten und erläuterten 200 Illustrationen nicht aus der Hand legen, bis man am Ende ist.

Druck, Papier, Bindung und Layout sind so gediegen und eigentlich fehlerfrei, wie man es erwarten konnte. Wie damals noch üblich, wechseln sich Buchdruck- und Kunstdruckseiten ab.

Benno Pludra / G. Ruth Mossner: Trauermantel und Birke

Benno Pludra / G. Ruth Mossner: Trauermantel und Birke

Handwerklich schön gemachtes, leider etwas kleinformatiges Buch über den traurig ausgehenden Waldspaziergang enes Geschwisterpaares.

Düsterer Text für Grundschulkinder vom bekannten DDR-Jugendschriftsteller Benno Pludra (1925–2014). G. Ruth Mossner (*1947) steuerte nicht unbedingt überzeugende Illustrationen bei, deren Interpretation selbst einem Erwachsenen bisweilen Rätsel aufgibt.

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Ein Blick nach Österreich

Die schönsten Bücher Österreichs 1978

Die schönsten Bücher Österreichs 1978

Beim Auswahlband war man vom Schwarz des Vorjahres Gottseidank wieder abgegangen und blieb jetzt für viele Jahre beim cremefarbenen, später zu weiß werdenden Rahmen um einen aufgeklebten Druck, der seit 1975 einem der Preisträger entnommen wurde.

Die Beteiligung hat sich gegenüber dem letzten Jahr positiv entwickelt. Es wurden 96 Titel vorgelegt (Vorjahr: 79), von denen wieder 12 ausgewählt wurden.

Bei der unter dem Vorsitz von Gerhard Prosser vom Verband des österreichischen Buchhandels tagenden 16-köpfigen Jury fällt auf, dass alleine die “Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt” (sic) acht Juroren stellt. Die anderen Juroren kommen von den einschlägigen Branchenverbänden (Papierhersteller, Buchbinder, Druckereien, Druckformenhersteller, Buchhandel), der Nationalbibliothek, der Kunstakademie und dem Bundesministerium für Unterricht und Kunst. Das Bundesministerium für Handel, Gewerbe und Industrie vergibt die drei Staatspreise (deren Dotierung allerdings seit 1966 nicht mehr mitgeteilt wird).

Somit besteht im Wettbewerb ein starkes Übergewicht von öffentlichen Institutionen unterschiedlichster Ausrichtung. Dass – wie in der Bundesrepublik – am Wettbewerb teilnehmende Designer selbst in der Jury sitzen, ist somit ausgeschlossen und bei der Gesamtzusammensetzung der Jury dürften auch Geschäftsverbindungen zwischen Repräsentanten der großen Verbände und ihren sie entsendenden Unternehmen kaum eine Rolle spielen.

Entscheidungsprozesse über Zusammensetzung des Gremiums und Optierung der Mitglieder werden  nicht mitgeteilt.

Heinrich Günter Thülemeyer / Armin Wolf: Die Goldene Bulle
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Heinrich Günter Thülemeyer / Armin Wolf: Die Goldene Bulle

Die Akademische Druck- und Verlagsanstalt aus Graz ist bis heute auf Faksimile-Ausgaben wertvoller alter Handschriften spezialisiert. Welche Expertise notwendig ist, solche Werke fachgerecht herzustellen, kann man sich wahrscheinlich nicht mal in allen Details vorstellen.

Die berühmte Goldene Bulle, das “Grundgesetz” des Mittelalters wurde in diesem Folio-Band im Überformat tatsächlich meisterlich wiedergegeben. Grundlage ist eine wohl kurz nach 1400 angefertigte Handschrift.

Dieses Exemplar wird zum einen komplett nach einer 1697 entstandenen Faksimile-Ausgabe von Heinrich Günter Thülemeyer reproduziert. Zusätzlich werden (wohl aus Kostengründen leider nur) auf 240 g schwerem Papier 20 Seiten des ursprünglichen, in Farbe wiedergegeben Dokumentes abgebildet und damit die Hälfte der Seiten, die mit wertvollen Miniaturen verziert sind.

Ein umfangreicher Anhang bringt eine ebenfalls 1697 entstandene Abschrift in lesbarer Antiqua. Es folgen umfangreiche wissenschaftliche Erläuterungen des Historikers Armin Wolf, der nicht nur die Entstehungsgeschichte der vorliegenden Handschrift und die Kapitel der Goldenen Bulle verständlich erläutert, sondern auch jede einzelne Miniatur genauestens beschreibt und erklärt.

Die Abbildung zeigt das Titelblatt. Farbenpracht und verschwenderischer Goldglanz kommen leider nicht zum Ausdruck.

Der Schutzumschlag imitiert den originalen Ledereinband.

Ueberreuter Lesebuch 8
Ueberreuter Lesebuch 8 Teil 1

Ueberreuter Lesebuch 8

Sechs einfach mit (rostenden) Klammern geheftete Broschüren liegen hier in einer Mappe.

Die einzelnen Hefte widmen sich verschiedenen Gebieten wie Literatur des 20. Jahrhunderts, Österreichische Literatur, Interpretation von Literatur usw., die zweifelsohne mit großer Sorgfalt und Expertise ausgewählt und in ein übersichtliches Layout gebracht wurden.

Aber was wollte die Jury auszeichnen? Eine “moderne Form” des Buches? Beim besten Willen lässt sich die Sammlung doch nicht als “Buch” bezeichnen.

Wie ist es mit der Werthaltigkeit dieser Mappe als materieller und ideeller Gegenstand? Ist sie höher oder niedriger als bei einem gebundenen Buch?

Hinzu kommt ein grundsätzlicher kultur- und bildungskritischer Aspekt. Wir sind gegen Ende der 70er Jahre voll in eine Phase eingetreten, in der “Materialien” und “Texte” den Unterricht bestimmten und nicht komplette Bücher und Werke.

Die Mappe enthält nur für ein einziges Schuljahr (das 8. Schuljahr des Gymnasiums ist in Österreich der Abschlussjahrgang, also entsprechend dem 12. oder 13. Schuljahr in Deutschland oder – wie man früher sagte – der  Oberprima) und nur für ein einziges Fach bzw. nur ein Teilgebiet dieses Faches sage und schreibe 257 Texte (meistens nur Textausschnitte) und zusätzlich Dutzende von Kurzzitaten.

Was sollen die Schüler dabei lernen? Dass man vor einem so unübersehbaren Wust an “Literatur” nur kapitulieren kann? Und die Lehrer? Beherrschen die alle hier dargebotenen Stile von Kaiser Maximilian I. über Schiller und Proust bis hin zu Dada und Handke?

Das Abenteuer des Lesens liegt hingegen darin, ein einziges Buch wirklich zu lesen und mit seiner Bedeutung, seinen Hintergründen, Verbindungen und Andeutungen zu verstehen.

Wie vielen Schülern ist die Freude am Lesen durch derartige “Texte und Materialien” in der Schule ausgetrieben worden?

Am Rande bemerkt verdeutlicht die Veröffentlichung, wie eng Österreich zum deutschen Sprach- und Kulturraum gehört.

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...was macht die Schweiz?

Die schönsten Schweizer Bücher 1978

Die schönsten Schweizer Bücher 1978

Die 1971 “vom Eidgenössischen Department des Innern auf Vorschlag der interessierten Verbände und Gesellschaften ernannte Jury” tagte 1978 in dieser Zusamensetzung zum letzten Mal.

Man konnte mitteilen, dass die Zahl der Einsendung wieder auf 268 angestiegen war (1977: 218, 1976: 324). Man habe aber nur 21 Titel für auszeichnungswürdig gehalten (1977: 31, 1976: 36). Damit ist innerhalb von 2 Jahren fast eine Halbierung eingetreten. Die Mutmaßung des Präsidenten der Jury, Professor Dietrich Schwarz, die Verlage hätten wohl “schärfer kalkuliert und auf kostspielige Experimente verzichtet”, erscheint unbefriedigend. Die Ursache dürfte eher darin liegen, dass Werke in nur “bewährter Aufmachung” nicht berücksichtigt werden. Die Möglichkeiten, ein Buch immer wieder anders und immer wieder neu zu gestalten, sind doch begrenzt.

Von den prämiierten Titeln kamen 14 aus der deutschsprachigen Schweiz, 6 aus der französischsprachigen Schweiz, 2 aus der italienischsprachigen Schweiz. Aus dem raätoromanischen Bereich wurde kein Titel zugesandt. Auch dies wurde von Professor Schwarz als Grund für die kleine Anzahl der Preisträger angeführt. Die Aussage erstaunt, da bisher nie ein Buch “aus dem Bereich der vierten Landessprache” ausgezeichnet wurde.

Dem Rezensenten fiel es diesmal schwerer als sonst, beim schweizerischen Wettbewerb etwas Passendes zu finden.

Monika Laimgruber: Von dem Fischer und seiner Frau

Monika Laimgruber: Von dem Fischer und seiner Frau

Monika Laimgruber, hier schon 1975 vorgestellt, ist eine der besten Kinderbuchillustratorinnen im deutschsprachigen Raum. Warum, beweist sie wieder beim “Fischer und seiner Frau”, einer Parabel über den Schaden der Gier (und tyrannische Ehefrauen).

Farbenfreude, Bildaufbau, Linienführung, Detailreichtum und Vorstellungskraft bringen eine ungeheure Dynamik in diese großformatigen, meist eineinhalbseitigen Aquarelle. Geschickt lässt Frau Laimgruber auch Objekte über den Rahmen hinausragen, was eine zusätzliche Lebendigkeit in die Szenen bringt. Sicher eine ihrer besten, wenn nicht die beste Arbeit.

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Hochgeladen am 13. Mai 2019.

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Die auf dieser Seite vorgestellten Bücher wurden geliefert von: Buch-Galerie Silvia Umla (Auswahlhefte BRD und DDR),
Antiquariat Hecht, Leer (Bierce),
Der Philosoph (Museumsinsel und Goldene Bulle), Bücheroase Jens Neumann, Niesky (Trauermantel),
Buchantiquariat Clerc Fremin (Lesebuch)
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