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The Beatles Box Set
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Die remasterte Beatles-Gesamtausgabe höre ich in streng chronologischer Reihenfolge und mit gebührendem, mehrwöchigen Abstand zwischen den einzelnen Alben. Entsprechend begann ich mein Hör-Abenteuer (als solches stellte es sich heraus) mit den beiden ersten Alben. „Please Please Me” und „With The Beatles” hatte ich bisher nicht besessen, da ich auf Vinyl erst mit „A Hard Day's Night” einstieg. Natürlich waren mir (Jahrgang 1956) fast alle Tracks auch dieser ersten beiden Beatles-LPs bekannt.

In „I Saw Her Standing There”, dem ersten Stück des ersten Albums der Beatles, heißt es „My heart went boom”. Und auch mein Herz tat einen Satz, als ich diese Alben hörte, deren Remastering man nur als grandios bezeichnen kann.

Der Klang der Aufnahmen wurde so herausgearbeitet, als wäre man live im Cavern Club. Die Stimmen und Instrumente sind absolut klar, getrennt und transparent.

Die Gitarren lassen sich so gut vernehmen, dass man am Ende einiger Tracks geradezu die Saiten noch schnarren hört, bis das Band heruntergefahren wird.

Sehr stark vom Remastering profitiert hat die Rhythmussektion. Pauls stets kongenialen und in hochmusikalischer Art eingesetzten Bass kann man nur genießen und Ringo beweist sich als besserer Schlagzeuger als oft behauptet. Vor allem unterstützt Ringo die Band und spielt sich nicht in den Vordergrund.

Das Remastering wurde insgesamt mit Fingerspitzengefühl vorgenommen. Gottseidank wurde der Versuchung widerstanden, die Aufnahmen auf „heutige Hörgewohnheiten” zu trimmen, indem man neu arrangiert, eine Unsitte, die mich immer wieder das Radio abschalten lässt.

Allerdings hat der Gesang bei vielen Aufnahmen im Verhältnis zu den Instrumenten ganz leicht an Volumen verloren. Möglicherweise hat dieser Umstand unabweisbare technische Gründe, wenn man die Instrumente besser hörbar machen will. Weiter hätte man aber auch auf keinen Fall gehen dürfen, ohne die für die Beatles charakteristische Dominanz des Gesangs empfindlich zu beeinträchtigen.

*Edit 25. Juni 2011*

Nachdem ich mit der Kollektion durch bin, muss ich einigen der Kritiker teilweise recht geben. Bei manchen Aufnahmen ab ca. 1967 fällt mir unangenehm auf, dass beim Remastering zu stark eingegriffen wurde.

Das wirkt sich zum Beispiel so aus, dass eher zarte Songs nun durch Betonung der Rhythmussektion offenbar härter klingen sollen, sehr auffällig zum Beispiel bei „Here comes the Sun”. Das empfinde ich aber als unpassend. Grässlich auch bei „Let it be”, zu hören etwa bei 1:30 bis 1:50. Die Hi-hats dürfen doch nicht lauter sein als Pauls Stimme!

Weiterhin wurde – offenbar durch Komprimieren – die Dynamik an einigen Stellen entschärft. In „Hey Jude” klingt Pauls schreiendes „Yeah yeah yeah yeah yeah” zwischen den beiden Teilen des Songs nicht mehr so dramatisch wie ich es aus der Zeit in Erinnerung habe, als solche schönen Lieder noch im Radio gespielt wurden.

* Ende Edit 25. Juni 2011*

Meine Lieblingslieder der ersten beiden Alben sind:

„I Saw Her Standing There”. Hier wird einer vorwärtstreibenden, remastert fast hart wirkenden Rhythmussektion ein beschwingter bis melancholischer Gesang gegenübergestellt. Das Ergebnis ist umwerfend. Ganz köstlich das kehlige „staaanding” in der Titelzeile. Erinnerungen der frühen Jugend werden wieder wach. Die von der Kirchenjugend organisierte Fahrt in diesen Ort im Unterwesterwald (Nentershausen?), wo am späten Sonntagnachmittag in einem Saal ein Tanz stattfand. Da stand sie, das Traummädchen, unglaublich real und sah mich auffordernd und einladend an. „The way she looked was way beyond compare.” Ich war geschockt und perplex.

Die Beatles liebten es in ihrer Frühzeit, Lieder von amerikanischen Gesangsgruppen zu „covern”, wie man heute sagt, und ihre Fähigkeiten im mehrstimmigen Chorgesang unter Beweis zu stellen. Eines dieser Beispiele ist „Please Mister Postman”. Nach dem erschrockenen und aufrüttelnden einleitenden Trommelschlag (huch, ist der Briefträger schon weiter?) wird in eindringlicher, geradezu flehentlicher Weise ein Lebens- und Liebeszeichen der Freundin erbeten. Wirklich verstehen kann die Bedeutung des Postboten nur, wer dieser Generation angehört. In den 60er Jahren gab es natürlich weder E-Mail noch SMS. Auch Anfang der 70er hatten hatten in meiner Gegend nur die wenigsten Familien ein Telefon im Haus. So gab es zu einem Mädchen, das nicht am selben Ort wohnte, nur den Briefkontakt, wenn die Schule aus war oder Ferien hatte.

Verzweifelte Liebe ist das Thema von „You Really Got a Hold on Me”. Nach einem bezaubernden, zwar simplen, aber doch irgendwie vertrackt klingenden Riff setzt Johns in seiner Eindringlichkeit glaubwürdig erscheinender Gesang ein. Für mich eine große Wiederentdeckung und eine der schönsten Nummern der Beatles überhaupt.

Ein Wort zur Herstellung und Verpackung: besser kann man es nicht machen.

Box und Einzel-CDs sind absolut perfekt und liebevoll gestaltet, und zwar bis ins kleinste Detail. Der einzige, ganz kleine Punkt wäre, dass man beim Einstecken der tollen und ausführlichen Booklets in die CD-Hüllen immer an die untere Lasche stößt – aber das ist nun wirklich nicht so schlimm!

Peter Eisenburger, 22. Dezember 2009 / 25. Juni 2011 / 11. November 2021.
 

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Hochgeladen am 11. November 2021.

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