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Peter Hammill: Singularity
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Alle Alben von Peter Hammill reflektieren Persönliches. Neben „Over” (1977) ist „Singularity” (2006) das am meisten persönliche Werk.

Wie „Over” entstammt dieses Album einer Grenzerfahrung. Vor 30 Jahren beschrieb „Over” den Bruch einer langjährigen Beziehung. In „Singularity” verarbeitete Peter eine Herzattacke, die er im Jahre 2004 erlitt und die ihn fast ins Jenseits befördert hätte. Mit Absicht – so Peter auf seiner Homepage – schrieb er die 9 Lieder nicht unmittelbar in der Zeit nach dem Herzanfall, sondern ein bis zwei Jahre später. Wie ich finde, hat er aus einem gewissen Abstand heraus eine noch größere kreative Leistung vollbracht.

Dieses Album ist in höchstem Maße anrührend, erfordert aber wie immer bei Peter Hammill genaues Hinhören. Peter gelingt es, zu beschreiben, was in einem geschehen mag, wenn der Tod kommt, die Gedanken, die Stimmung und die Atmosphäre in diesen Minuten, auf dem Rücken liegend, auf dem Weg am Bach. Dabei bleiben sowohl Text als auch Musik nüchtern und unaufdringlich – bei den Themen, um die es hier geht, wichtig, wenn auch vielleicht nicht einfach zu erreichen.

Musikalisch produziert Peter eine sorgfältig arrangierte, dichte Atmosphäre, die von Keyboards und Gitarren dominiert wird, und natürlich von seiner unverwechselbaren Stimme. Auf diesem Album spielt Peter Hammill zum ersten Mal ausschließlich alle Instrumente selbst, auch Bassgitarre und Schlagzeug. Gerade an den Drums zeigt er sich gegenüber „In A Black Box” (1980) stark verbessert.

Meine Lieblingsstücke auf „Singularity” sind:

„Our Eyes Give it Shape”. Im gitarrenlastigen Opener geht es um den Moment, wo einem klar wird, dass man eine lebensgefährliche Situation überstanden hat und weiterleben kann. Man sieht die Dinge des Lebens gänzlich neu und ganz frisch. „I'm so glad I'm still here to see this”. Der dynamische, fetzige Song findet eine perfekte Balance zwischen der Euphorie und der fortdauernden Erinnerung an den Moment zwischen Leben und Tod. Ein Glanzstück.

In „Event Horizon” herrscht die gesetzte und ruhige Atmosphäre, die vielleicht entsteht, wenn jemand die Grenze überschreitet („it's time to cross the line”). Ganz köstlich die mittlere Passage mit den pulsierenden Saiten, welche das „in den Ohren rauschende Blut” imitieren.

„Meanwhile my Mother” handelt von Peters Mutter, die mit Alzheimer dahindämmert. Ein Lied, das eine schöne Melodie und eine hübsche Instrumentierung mit einer persönlichen Reflexion über eine in den Industrienationen unter älteren Menschen weitverbreitete Krankheit verbindet. „To recall a favourite memory”. Tun wir das nicht alle? – Bewegend finde ich die Parallelen zwischen jemandem, der alters- und krankheitsbedingt und mit nur noch geringen Bindungen zur Realität in seiner eigenen Welt lebt und jemandem, der mit einem Herzanfall am Boden liegt und an den das Unbekannte des Todes herantritt.

„Friday Afternoon” handelt vom unerwarteten Tod des Klavierstimmers von Peter Hammill. Der Mann starb bei einem Unfall, den ein betrunkener Autofahrer verursachte.

Alles in allem eine der besten Arbeiten von Peter Hammill.

Peter Eisenburger, 18. Mai 2007.
 

English version

This is no „progressive” and no „pop” music. You would come close to a description if All Peter Hammill albums are personal statements. Beneath „Over”, „Singularity” is the most personal one. Like „Over” (1977) its origin is a border experience. 30 years ago „Over” derived from a broken long-term relationship. Now „Singularity” was written as a contemplation of a heart-attack that nearly ended Peter's life.

This album is most touching and it's worth listening closely. Peter excels in describing the minutes and thoughts, the mood and atmosphere, when death might come. Words and music stay in a sober, serious and distinguished way, which might not have been easy to achieve–given the scope of the topics that Peter is into here.

Musically, Peter produces a carefully arranged dense atmosphere dominated by keyboards and guitars, and of course his unique voice. Literally all instruments including bass guitar and drums are played by himself. Compared to „In A Black Box” he has made big progress on drums.

My favourites on „Singularity” are:

„Our Eyes Give it Shape”. The guitar-driven opener describes the moment when someone realizes he can live on and takes a fresh look at the things of life. „I'm so glad I'm still here to see this”. The dynamic, edgy song holds a perfect balance between ecstatic feelings and the luring memory of having layed on the threshold of death. A gem.

In „Event Horizon” Peter produces a relaxed and calm atmosphere that might settle when „it's time to cross the line”. Splendid the middle piece with the pulsating strings imitating the „blood rush in the ears”.

„Meanwhile my Mother”. This song is about Peter's mother fading away with Alzheimer. A moving song that combines pretty tune and nice instrumentation with personal reflections about one of most spread diseases of elderly people in the developed countries. Touching to find the parallels between someone living in her own world with only small connections to reality and someone lying on the ground with an heart attack and (thank God only nearly) sinking to the unknown of death.

„Friday Afternoon” deals with the unexpected death of Peter's piano tuner who was killed by a drink driver.

One of Peter Hammill`s best works.

Peter Eisenburger, April 22nd 2007.

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Hochgeladen am 12. August 2021.

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