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Camel: Moodmadness
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„Moonmadness” von 1976 war nach meinem Dafürhalten das letzte insgesamt sehr gute Album von Camel.

Um das Thema „Mondsüchtig” herum wurden bereits ein Jahr nach dem riesigen Erfolg von „The Snow Goose” sieben neue Songs aufgenommen.

Die besten davon sind das kurze, lyrische und ganz berückende Stück „Spirit of the Water” (komponiert von Peter Bardens und immer eines meiner absoluten Lieblingslieder), weiterhin das darauf folgende, fulminante „Another Night”, in dem die Band röhrt und kracht, dass es eine wahre Freude ist, und mit Einschränkungen das abschließende, in eine phantastische (Mond-)Traumwelt entführende „Lunar Sea”, das stellenweise an die spannenden Klangeffekte von „The Snow Goose” erinnert. Überzeugend und typisch für Camel auch der dritte Teil von „Lunar Sea”, in dem sich Peter Bardens an der Hammond Orgel und Andy Latimer an einer schmutzig-bluesigen Leadgitarre wie in alten Zeiten wunderbar ergänzen.

Dann ist da aber das längere „A Song within a Song”, das nur noch im mittleren Teil an Camel erinnert, wie man die Gruppe kannte. In dieser Passage führt Peter Bardens am Synthesizer mit einer beschwingten Melodie, die er schön paraphrasiert, unterlegt von Andy Latimers leicht mit dem Wah-Wah bearbeiteten Rhythmusgitarre, geerdet von einem weichen Bass und flockig umspielt vom Schlagzeug. Der längere Teil dieses Tracks sowie das komplette „Air Born” und die restlichen Songs reißen einen aber nicht gerade vom Hocker.

Die Gründe, warum dieses Album nicht durchgängig an die hohe Qualität von „Mirage” und insbesondere von „The Snow Goose” anknüpfen konnte, sind im der remasterten Ausgabe (2002) beiliegenden Booklet nachzulesen.

Zum einen baute die Plattenfirma Druck auf, ein konventionelleres Album als „Snow Goose” zu machen.

Und zum anderen war da ein neuer Produzent, der Camel „more spatial” klingen ließ. Dieses „räumlicher” würde ich hier mit „sphärisch” übersetzen. Konventionell war das zwar immer noch nicht, aber in mehreren, längeren Passagen erklingt nun sphärische, elegische Musik mit langgezogenen Riffs und viel Synthesizer-Untermalung. Peter Bardens entlockt hier seinem Synthesizer, der wohl um neue Klangvariationen erweitert wurde, orchestrale Klänge und insbesondere die simulierte Geigenunterlegung hat etwas Süßliches abbekommen. Die Gruppe dringt gelegentlich in Regionen vor, in denen die Gefahr besteht, dass Monotonie kein Fremdwort bleibt. Zum sphärischen Sound passt, dass auf mehreren Songs das Schlagzeug stark herunter gemischt wurde und der Bass sehr warm und weich klingt.

Vielleicht liegen die von mir empfundenen punktuellen Schwächen auch an einer nicht mehr optimal funktionierenden Zusammenarbeit zwischen Andy Latimer und Peter Bardens. Mehrmals hatte ich den Eindruck, als seien die Songs nun mehr Solo-Arbeiten von einem der beiden.

Tatsächlich kam es nach „Moonmadness” in der Gruppe zu Auseinandersetzungen über die musikalische Richtung und zu ersten personellen Veränderungen. Peter Bardens verließ Camel nach dem nächsten Album „Rain Dances”.

Dennoch ist „Moonmadness” meisterlich eingespielt und hat Melodiebögen, die einen lange im Kopf herumgehen – vor allem, wenn man das Album mehrmals hört, und in der „Gefahr” bewegt man sich ständig.

Die remasterte Version von 2002 wurde unter der fachkundigen Leitung von Paschal Byrne vorgenommen, der das ursprüngliche Klangbild nicht durch eine Neuabmischung zerstörte, sondern erhielt und in neuer Klarheit aufleben ließ (anders sollte es auch niemals sein!).

Die CD enthält umfangreiches und qualitativ hochwertiges Zusatzmaterial, das meiste davon Live-Aufnahmen sowie eine als Demo aufgenommene Instrumentalversion von „Spirit of the Water”, die noch schöner als die 1974 veröffentlichte ist.

Das kleine Booklet informiert sehr instruktiv und sachlich über die Entstehungsgeschichte des Albums und den weiteren Weg von Camel.

Und dies könnte die Inspiration für „Moonmadness” gewesen sein:

Die Scheibe des Mondes stand seinem Kammerfenster gerade gegenüber, er betrachtete ihn mit sehnsüchtigen Augen, er suchte auf dem glänzenden Runde und in den Flecken Berge und Wälder, wunderbare Schlösser und zauberische Gärten voll fremder Blumen und duftender Bäume; er glaubte Seen mit glänzenden Schwänen und ziehenden Schiffen wahrzunehmen, einen Kahn, der ihn und die Geliebte trug, und umher reizende Meerweiber, die auf krummen Muscheln Lieder bliesen und Wasserblumen in die Barke hineinreichten. „Ach! dort! dort!” rief er aus, „ist vielleicht die Heimat aller Sehnsucht, aller Wünsche: darum fällt auch wohl so süße Schwermut, so sanftes Entzücken auf uns herab, wenn das stille Licht voll und golden den Himmel heraufschwebt, und seinen silbernen Glanz auf uns herniedergießt. Ja, er erwartet uns, er bereitet uns unser Glück, und darum sein wehmütiges Herunterblicken, daß wir noch in dieser Dämmerung der Erde verharren müssen.” (Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen.)

Peter Eisenburger, 15. April 2014.
 

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Hochgeladen am 6. November 2021.

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