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Die grandiose Rockoper „Jesus Christ Superstar” von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice aus dem Jahre 1970 ist wohl das beste Werk der beiden, mit dem sie sich quasi „unsterblich” gemacht haben.

Jesus wird hier dargestellt als Sozialrevolutionär, der der herrschenden jüdisch-römischen Oberschicht gefährlich wird, und als Pop-Star, der Opfer einer Massenhysterie wird, die er selbst mit seinen Visionen und Heilungen entfacht hat.

Damals hat das Album, das aus drei LPs bestand, einem als jungen Menschen einen ganz neuen Zugang zum Neuen Testament und zum christlichen Glauben eröffnet. Ich höre es seit Jahren wieder jedesmal in der Karwoche. Sozusagen meine Matthäus-Passion.

Sehr gelungen z. B. die Rollenverteilung zwischen Judas, gesungen von Murray Head mit einer rauen, bluesigen Stimme, und Jesus, interpretiert vom damals groß herauskommenden Ian Gillan mit seiner klaren, hellen und doch kraftvollen Stimme.

Einer der besten Songs ist „The Temple”, wo Jesus zunächst die Händler und Schacherer hinauswirft und dann vor drängenden, immer zahlreicher und fordernder werdenden Menschen kapituliert, die alle von ihm geheilt werden wollen. Alle wollen, dass er sie berührt, küsst, heilt. Sie drängen ihn so in die Enge, bis er sie anschreit: „Heal yourselves!”

Und damals ganz neu, unglaublich und geradezu revolutionär die Liebesgeschichte zwischen Jesus und Maria Magdalena, welche von der unvergleichlichen Yvonne Elliman gesungen wurde. Sowas hatte man noch nicht gehört. Jesus und eine Frau! Und auch noch eine Prostituierte!

Maria Magdalena:

„I've had so many men before
In very many ways
He's just one more. (...)
Yet if he said he loved me
I'd be lost, I'd be frightened. (...)
I love him so.”

Bei jedem Hören von „Jesus Christ Superstar” entdeckt man eigentlich etwas Neues.

Immer mehr fällt auf, dass wie überragend die oben erwähnte, zum Grundgerüst der „Rock Oper” gehörende Zeichnung der beiden Charaktere Jesus und Judas als Antipoden gemacht ist. Judas ist hier nicht einfach ein Verräter, sondern jemand, der ebenfalls etwas Gutes will, nämlich Unheil vom jüdischen Volk abwenden, das er durch Jesus heraufziehen sieht. Nur macht er den im wahrsten Sinne unverzeihlichen Fehler, dafür Jesus an Kaiphas, den Hohen Priester, zu verraten.

„Ich mache das für Israel”, so Judas. „Nur eins: sag bloß nicht, dass ich nun für alle Zeiten verdammt bin.” („Just don’t say I am damned for all times.”) „Und euer Blutgeld will ich nicht.” Darauf Kaiphas: „Das ist doch nur für deine Auslagen. Und es ist kein schlechtes Geld.” Judas weigert sich nach wie vor. Dann Kaiphas: „Jetzt nimm es doch! Und wenn du es selbst nicht gebrauchen kannst – verteilst du es eben an die Armen.” Schließlich begeht Judas den Verrat, nimmt auch das Geld und verfällt dem Wahnsinn.

Genial und so dramatisch, dass ich all nach all den Jahren, seitdem ich das höre, immer noch Gänsehaut bekomme (auch jetzt, wo ich das schreibe: Kloß im Hals), die Passagen, wo Jesus mit Gott diskutiert und hadert, der in gewisser Hinsicht sein anderer Antipode ist. Nach Andrew Lloyd Webber und Tim Rice will Jesus nämlich gar nicht sterben.

„Von wem hast du jemals so viel gefordert wie von mir? Habe ich nicht schon genug gelitten? Diese drei Jahre waren für mich wie dreißig.”

Schließlich ergibt sich Jesus in sein unweigerliches Schicksal. Denn dieses ist von Gott bestimmt.

„God, thy will is hard. But you hold every part.” Er kennt den Ablauf: „Dann lass sie mich hassen, schlagen, mir weh tun und mich ans Kreuz schlagen.”

Das Drama wird unterstützt von einer bedrohlichen, surrealen Geräuschkulisse.

Jesus haucht sein Leben aus mit den Worten: „Father, in your hand I command my spirit.”

Als es vollbracht ist, bricht alles ohne Nachhall schlagartig ab. Gesang, Musik, Geräusche. Plötzliche, unwiderrufliche Stille.

Sozusagen Totenstille. Eine Auferstehung kommt hier nicht vor.

Peter Eisenburger, 2016/2022.

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Hochgeladen am 18. Juni 2022.

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