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The Story of Beat-Club. 3: 1970-1972
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Die 3. Box der Beat-Club-Sendungen zeichnet die wechselhafte, teils herausragende, am Ende eher traurige Geschichte der legendären Sendung auf.

Mit Sendung Nr. 60 vom 24. Oktober 1970 hielt der Krautrock Einzug ins Programm. Amon Düül II überzeugten keineswegs. Dennoch kamen in den folgenden Monaten immer wieder deutsche Rockgruppen. Die Elektronik-Gruppen wie Popol Vuh und Kraftwerk wirken im Nachhinein eher langweilig. Furios hingegen Lucifer’s Friend und Frumpy (68). Aufregender und besser, als ich es damals wahrgenommen habe: Can (70). Ja, und genau so waren Epitaph: tolle Gitarrenriffs, aber bekannt schwacher Gesang.

Die Filmbeiträge in dieser Phase, in der Uschi Nerke nur minimalistische Ansagen erlaubt wurden, beschäftigten sich neben Nordirland, dem Lebensstil weißer Jugendlicher und der Subkultur der Schwarzen in den Vereinigten Staaten (65), dem Vietnam-Krieg, häufiger dem kulturellen Geschehen in London und in Holland (Frankreich hingegen fast nie), auch einmal Schweden, dem Pop-Festival Landshut auch ein einziges Mal mit einem Ostblock-Land, nämlich Polen. Das wirkte exotisch, aber hochinteressant. Weitere interessante Filmbeiträge gab es zu Konsum- und  Modeterror („Brigitte”), amerikanischen Underground Comics (67) und Südstaaten-Rassismus („die Nigger sind mehr wie Tiere”) (69).

Bedenklich und bezeichnend für die Intoleranz von Teilen der damaligen Linken war das Interview mit der deutschen Schlagersängerin Ramona. Man will sich deutlich über sie lustig machen und sie vorführen. Ihre Lieder seien nicht „problemorientiert” genug. Die Antworten der (aus nachträglicher Sicht) sehr natürlich und sympathisch rüberkommenden Ramona sind deutlich intelligenter und lebensnäher als die hochnäsigen und in arrogantem Ton vorgetragenen Fragen (66).

Immer wieder zu beobachten ist die fragwürdige, weil nicht ganz eindeutige Einstellung zu (harten) Drogen „in einer Gesellschaft, in der vieles nicht ertragbar ist ohne einen Turn”(!).  sei Allerdings sei Drogenkonsum unter politischen (!) Aspekten abzulehnen. Nach Drogen war das zweite durchgängige Hauptthema Sex.

Einige Filmbeiträge waren - wahrscheinlich gewollt - grotesk. Da ging es um singende holländische Geflügelzüchterinnen, deutsche Tierschutzvorsitzende, japanische Pfadfinder und seit den 60ern immer wieder um skurrile holländische Exzentriker.

Zwischendurch einmal (63) ein Beitrag über eine Werbeagentur für Rüstungsgüter in für damalige Verhältnisse unerhörter politischer Schärfe.

Ansonsten wurden die politischen Aussagen immer seltener, so dass man sich fragt, ob den Filmbeiträgen der politische Zahn gezogen wurde. Der letzte Filmbeitrag kam dann im Dezember 1971. Die Zusammenarbeit mit dem WDR war beendet. Im Nachhinein sieht man, dass dem Beat-Club dadurch viel verloren ging.

Nun weiter zum Musikprogramm.

In den Jahren 1970 und 1971 war das Programm des Beat-Clubs überragend. Mit Psychedelic Rock, Jazzrock, Ethnorock brachte man einen Querschnitt zeitgenössischer Musik in allerhöchster Qualität. Einige Auftritte will ich herausgreifen.

Da trat zum Beispiel über 20 Minuten lang Ginger Baker’s Air Force auf. (Eine der Sängerinnen hatte ein geradezu atemberaubendes Dekolleté.)

Einer der Höhepunkte der 3. Box (diese Namen hätte auf die Box gehört und nicht „T. Rex, Alice Cooper, ...”) und der ganzen Beat-Club-Geschichte waren in der Sendung Nr. 62 vom 31. Dezember 1970 Emerson, Lake & Palmer. „Take a Pebble” war etwas intellektuell und neuartig. Nie gehört und gesehen hatte man, wie ein Musiker die Saiten im Inneren eines Klaviers spielte. Und dann das akustische Erlebnis und die Performance von Keith Emerson bei „Knifeedge”!  Absolut umwerfend! Die Klangqualität der DVDs ist hier hervorragend.

Weitere Höhepunkte waren Iron Butterfly (63), Ike & Tina Turner (64), Soft Machine (65). Es waren also tatsächlich die ganz großen Namen, die nach Bremen kamen.

Es kam auch Curved Air (65) mit einer sexy Sonja Kristina, exquisiten Musikern (in erster Linie Darryl Way, Francis Monkman), einem hinreißenden Auftritt und einer grandiosen Bildmischung, mit der das Cover des ersten Albums nachempfunden wurde. Solche Klänge hatte man nie gehört. Das war Nonplusultra. Noch 40 Jahre später Gänsehaut.

Weiter ging’s mit Santana (unverständlicherweise wurde zunächst in der Sendung 66 nur ein einziges Stück gesendet, ein weiteres von derselben Aufnahmesession wurde dann in der Sendung 74 vom 2. Weihnachtsfeiertag 1971 nachgeholt), Yes (66) und den Byrds (67).

Dann kam in der Sendung Nr. 68 Frumpy mit dem hinreißenden „Take Care of Illusion” und einer anturnenden und eindrucksvollen Inga Rumpf (aber was für eine kaputte Stimme...).

Kurz zum Booklet. Wie schon in Box 1 und 2 nervt der Autor Thor Schmidt, ungemein mit seinem wichtigtuerischen Ton. Wiederholt meint T. Schmidt, die Zusammenstellung des Beat-Clubs korrigieren zu müssen. Ob beispielsweise Iron Butterfly eine Gruppe war, die angeblich schnell wieder in Vergessenheit „geflattert” sei, wie Herr Schmidt zu verlautbaren meint, wusste Mike Leckebusch definitiv besser zu beurteilen.

Zur Moderation. Uschi Nerke war ein Phänomen. Selbst, wenn der Text auf’s minimalste reduziert ist, spricht sie ihn zunächst nicht richtig. Später wird die Moderation deutlich besser. 1972 fängt Uschi Nerke auf einmal an, ganz locker und fast souverän zu moderieren. Und wie dann zum Beispiel in der Sendung 67 im knallengen Minirock und mit offenem Haar in der Horizontalen liegt. Was für ein Sex-Appeal. Überhaupt, ihre Kostüme, ihre Mode - heute würde sie sicher als Model viel Kohle scheffeln.

Die Animationen sind mittlerweile (70) weitgehend beschränkt auf sachte wabernde psychedelische Hintergründe.

Die Soundqualität ist durchweg sehr gut - vor allem: hier hört man, wie diese Musik geklungen hat, bevor sich Soundingenieure daran machten, sie neu abzumischen und auf die „Hörgewohnheiten” des 21. Jahrhunderts zu trimmen.

Ab Herbst 1971 änderte sich die Sendung, zunächst kaum merklich, dann aber so tiefgreifend, dass sie Ende 1972 kaum noch wiederzuerkennen war. Es schien es nicht mehr zu gelingen, die großen und aufregenden Acts nach Bremen zu holen. Dafür waren vielleicht finanzielle Gründe ausschlaggebend oder auch die zunehmende bombastische Entwicklung solcher Gruppen wie Pink Floyd, Emerson, Lake & Palmer, Yes oder Genesis, deren Equipment sich nicht mehr kurz mal im Studio aufbauen ließ.

Mit den ab 1971 nun häufiger zu sehenden, zwar nicht uninteressanten, aber auf Dauer monotonen englischen Bluesrockgruppen wie Rory Gallagher deutete sich schon das Konzept für die Nachfolgesendung „Musikladen” an. Es kamen nun eben Gruppen, die noch bereitwaren, für eine kleine Aufwandsentschädigung nach Bremen zu kommen.

Klasse waren natürlich noch mal Steve Miller, Stephen Stills und Jeff Beck, der vielleicht beste Rock-Gitarrist mit einem inspirierten Auftritt (77), die Doors (78), die Stones  (Filmzuspielung) und Deep Purple (79).

Ganz berückend war Don McLean (79) mit „Vincent”, der anrührendste Auftritt seit Cat Stevens in der Sendung Nr. 58. DonMcLean hatte nur mit seiner akustischen Gitarre eine intensivere Bühnenpräsenz als viele Rockgruppen mit zwei elektrischen Gitarren, Bassgitarre und Schlagzeug, von der heutigen computergenerierten Musik ganz zu schweigen.

Es kamen aber auch teilweise völlig unbekannte Gruppen. Wie konnte man z.B. „Bell & Arc” Leonard Cohens „So long Marianne” so verhunzen lassen?

Die Sendung drohte, immer langweiliger zu werden. Radio Bremen versuchte, das mit politischem Anspruch wieder wettzumachen. Der langweilige, mit mädchenhafter Stimme vorgetragene Sprechgesang eines Curtis Mayfield wurde von Soziologen und „Bluesforschern” erläutert. Ausdrücklich wurde nun die „schiere Unterhaltung” des „Schnulzenherstellers Scott Walker” abgelehnt. Das war der erste sogenannte „Workshop” (75).

Schauderlich sind die von Soziologen vorgetragenen Thesen zur gesellschaftlichen Funktion von Rockmusik: „fortschrittlich” könne Rockmusik nur sein, wenn sie sich „in den Dienst des gesellschaftlichen Fortschritts” stellen würde. im Nachhinein entdecke ich hier totalitär schimmernde Ansätze. Bekanntlich gab es ganze Staaten, in denen die Regierung über so etwas wachte.

Die Art des Interviews mit der holländischen Progrock-Gruppe „Earth and Fire” (76) erinnert stark an ein Verhör. Mit allem Ernst und in maliziös-vorwurfsvollem Ton hält ein deutscher Soziologe den perplexen Musikern vor, sie würden in ihrer Musik nicht die zu verändernden holländischen gesellschaftlichen Verhältnisse berücksichtigen. Zwischendurch teilt der Soziologen-Staatsanwalt, der auch gut in einem stalinistischen Schauprozess hätte auftreten können, seine Verdikte mit, ohne dass die (bemüht und höflich deutsch sprechenden) Musiker der holländischen Gruppe dazu Stellung nehmen durften.

Wenigstens gönnte Mike Leckebusch Earth and Fire eines seiner schönsten „Bühnenbilder”.

Großartig - musikalisch und persönlich - war der Auftritt von Steve Miller im „Workshop” der Sendung Nr. 77. Der Vollblutprofi Steve Miller ließ den den arroganten Ton des Musiksoziologen-Interviewers schnell und nachhaltig abblitzen. Allerdings mussten die Soziologen nach dem Interview noch ein rechthaberisches Statement nachschieben.

Ab der Sendung 78 wurden die „Workshops”, die ja nie solche waren, weil verurteilt und nicht zusammen gearbeitet wurde, von der Reihe „Rock History” abgelöst, die letztlich aber denselben Duktus hatte (Chuck Berry wurde wörtlich als „kleiner Zulieferer der Musikindustrie” bezeichnet).

Nach insgesamt vier Folgen wurden gottseidank diese anmaßenden Ergüsse wieder abgeschafft.

Ab Januar 1972 waren (weißer und schwarzer) Blues und Soul, auch Country, nun im Beat-Club sehr angesagt.

Die Sendung Nr. 80, ausgerechnet die Jubiläumssendung zum siebenjährigen Bestehen, bestand ausschließlich aus der „Johnny Cash Show” - ein Armutszeugnis! Die erste Beat-Club-Sendung, die ich ausgeschaltet habe. Eine dreiviertel Stunde dieses Geschramme auf der Klampfe - unerträglich.

Im Booklet wird Uschi Nerke mit der Aussage zitiert, die rückläufigen Quoten seien auf die viele „psychedelische Musik” zurückzuführen gewesen. Mit dem tatsächlichen Programm stimmt das nicht überein. Es ist auch nicht klar, was sie mit „psychedelischer Musik” meint. Die progressiven Gruppen jedenfalls, so wird es im Booklet mehrmals erwähnt, lösten bei den Zuschauern Begeisterungsstürme aus. Hingegen waren Krautrock- und Elektronik-Gruppen in der Stilrichtung Guru Guru, Amon Düül, Popol Vuh und Kraftwerk tatsächlich langweilig, aber die musste Mike Leckebusch ja nicht einladen. In einer kompletten Sendung hingegen nur die Johnny Cash Show zu zeigen, war jedoch an Einfallslosigkeit nicht zu überbieten.

Die Folgen 81 und 82  vom Oktober und November 1972 brachten - wenn sich auch die Country-Einflüsse nicht mehr ganz zurückdrängen ließen, an denen Mike Leckebusch jetzt offenbar einen Narren gefressen hatte - teilweise noch mal super Musik. Um nur einige Interpreten zu nennen: Ike and Tina Turner, Everly Brothers, Byrds, James Taylor (in einer Filmzuspielung; mit Carole King als Backgroundsängerin). Besonders auffallend die Musikalität und das stimmige Arrangement von Stephen Stills’ Manassas.

King Crimson wurden brutal auf weniger als die Hälfte gekürzt. Dabei waren die Auftritte, die um dieses Stück herum lagen, weniger als belanglos.

Der „krönende Abschluss” sollte mit der Sendung Nr. 83 vom Dezember 1972 jedoch noch kommen: Michael Leckebusch wagte es, den Zuschauern als letzte Sendung ausschließlich einen kompletten Auftritt der Boygroup The Osmonds vorzusetzen. Das war die Beerdigung des Beat-Clubs. Mit Graus schaltet der Zuschauer, der noch den Slogan „Progressive Rock, Jazz, Blues” vor sich sieht, nach einer Viertelstunde das unwürdige Schauspiel ab.

Peter Eisenburger, 6. März 2011.

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Hochgeladen am 28. November 2021.

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