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The Story of Beat-Club. 2: 1968-1970
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In der Zeitspanne von Oktober 1968 bis September 1970 machte der Beat-Club eine tiefgreifende Metamorphose durch, die spiegelbildlich für die gesamte Pop-Musik dieser Zeit zu sehen ist.

Was da auf die Zuschauer zukam, davon gibt die Sendung Nr. 39 vom 25. Januar 1969 einen Eindruck. Da treten Bubblegum-Gruppen wie „Ohio Express” auf, und dann kommt Jimi Hendrix mit „All along the Watchtower”. Das mutet an wie Kindergarten versus Inferno.

Das Booklet verzeichnet aus unerfindlichen Gründen solche Filmzuspielungen wie die von Jimi Hendrix nicht. Würde man sich nur auf diese Broschüre verlassen, entginge einem auch „Sea of Joy” von Blind Faith, ein echtes Juwel, in der Sendung Nr. 47.

An dieser Stelle eine weitere Anmerkung zum Booklet bzw. den Texten von Thorsten Schmidt. Die kurzen Ausführungen zu den einzelnen Sendungen sind manchmal interessant, (wie es z.B. zu einer Gage von DM 7,50 bei den „Free” kam!).

Bisweilen sind die Texte jedoch schnoddrig und einseitig. Zu einer Phase Ende der 60er Jahre, als im Beat-Club kaum noch Interpreten live sangen und das Voll-Playback regierte, was Schmidt auch öfters kritisiert, mokiert er sich über die live singende Melanie (ob sie überhaupt singen könne). Wohlgemerkt war Melanie in dieser Sendung Nr. 42 vom 26.4.1969 die einzige, die überhaupt live sang – so wie sie jahrzehntelang auf den Bühnen der Welt stand und unter anderem in Woodstock auftrat.

Erstaunlich ist auch die Aussage von Herrn Schmidt: „John Kay blickte finster”. Warum? Wegen der Sonnenbrille? Dabei lachte John Kay von Steppenwolf die ganze Zeit.

Aber wieder zurück zur Sendung. Zunächst lief der alte Stil der netten Popgruppen mit Voll-Playback parallel zum neuen Stil, der innovative (wie man heute sagen würde) und ernsthafte Musikgruppen ins Studio brachte, die komplett live spielten und sangen.

Diese Gruppen kamen nun für einen ganzen Tag ins Studio. Es wurden ganze Sessions aufgezeichnet, die dann über mehrere Sendungen verteilt werden konnten.

Bis zum Sommer 1969 ist man zunächst noch nicht ganz stilsicher. Die Jazzrock-Vertreter Caravan wurden zunächst als typische „Blues”gruppe vorgestellt und dann auch noch mitten im Stück nach 3 Minuten abgewürgt (Nr. 44; unverzeihlich!), Nichtigkeiten wie „Family Dogg” durften ihren über mindestens 16 Spuren aufgenommenen, verhallten Gesang zum x-ten Mal vortragen.

Ganz gruselig die Auftritte der Beach Boys, in denen ein offensichtlich völlig neben sich stehender (um das mindeste zu sagen) Mike Love zu Surf-Songs in Kutte und Pelzmütze herumhampelt. Brian Wilson hingegen wirkt richtig frisch und gesund.

Uschi Nerke moderiert häufig bis in das Einsetzen des Gesangs hinein, manchmal, weil sie auf ihrem Spickzettel noch mal nachsehen muss, wie Gruppe und Titel heißen...  Dabei verspricht sich Uschi weiter häufig. Aber wer kann einer so schönen Frau böse sein?

In dieser Phase setzt Klatschen grundsätzlich vor dem Ende der Stücke ein, auch wenn es absolut unpassend ist, wie bei „Man of the World”.

Dave Lee Travis ist hingegen absolut professionell – leider lautet aber offenbar auch bei ihm die Regieanweisung, in die Titel hineinzusprechen. Später spricht er häufiger auch in den einsetzenden Gesang hinein.

Mit dem Beat-Club Nr. 46 v. 30. August 1969, auch die letzte Sendung mit Dave Lee Travis, ändert die Sendung endgültig ihren Stil. Die Moderatoren (Uschi, kurzeitig auch Dave Dee als Nachfolger von Dave Lee Travis) werden ernsthafter, sprechen weniger in die Titel, Uschi wird in Filmbeiträge einbezogen. Es gibt kein Zuschauerklatschen auf Kommando mehr.

Passend eingeläutet wird diese neue Ära durch das hymnische und mitreißende „Hallelujah” von Deep Purple, erstmals mit Ian Gillan.

Es wird nun endlich wie in der Anfangszeit der Sendung wieder weitgehend live musiziert und gesungen, in dieser Folge u.a. bei den aufregenden Auftritten von Tim Rose und Steamhammer. Und dann kam auch noch Humble Pie und spielte zwei Stücke, das zweite live: „Natural Born Bugie” in einer Langversion. Wenn man das heute sieht, kommen einem die Tränen vor Glück: Steve Marriot, eben noch bei Small Faces, auch mehrfach im Beat-Club, leider schon 1991 verstorben, Peter Frampton, vormals mehrfach mit „The Herd” im Beat-Club, und noch zwei weitere Supermusiker. Diese Spielfreude und diese Dynamik auf der Bühne!

Die Popmusik war erwachsen geworden und mit ihr der Beat-Club. Die Musik ging jetzt in Richtung anspruchsvoller Rock, Progrock und Jazzrock. Einzelne Stücke konnten nun schon mal 10 Minuten dauern wie Steamhammers „Oh Yeah”.

Mike Leckebusch hatte ein untrügliches Gespür für Interpreten, die rauskamen. Die Sendung Nr. 50 von Silvester 1969 sagte noch ausdrücklich: „keine Stars”, aber dann spielen Chicago „I’m a Man” live! Was für eine Performance! Es hält einen kaum auf dem Stuhl. Traurig nur, wenn man den fröhlich und hingebungsvoll spielenden Terry Kath sieht, einen der besten Gitarristen seiner Zeit, der sich acht Jahre später unabsichtlich erschoss, „russisches Roulett” mit einer Pistole spielend, von der er annahm, die Trommel sei leer. Eine Patrone hatte er übersehen.

Ab ca. der 50. Sendung ist der Klang auch durchweg hervorragend. (Da müssten im Archiv noch viele Schätze von den Sessions lagern?)

Es kamen wirklich fast alle aufregenden Gruppen der damaligen Zeit. Alleine die Sendung Nr. 51 vom 30. Januar 1970 (erstmals in Farbe) verzeichnete folgendes grandioses Programm: Humble Pie, Free, Renaissance, Spirit, Colloseum (Jon Hisemann spielt das erste Schlagzeugsolo des Beat-Clubs – umwerfend), John Mayall und Canned Heat.

Mit der Sendung Nr. 53 vom 28. März 1970 scheidet Dave Dee wieder aus und Uschi fungiert nun alleine als Moderatorin. Eigentlich tritt sie nun aber mehr als Model auf. U. a. posiert sie nackt in der Badewanne, wobei sie nicht geizt mit ihren Reizen. Nackte Brüste sind nun in den Sendungen überhaupt reichlich und immer häufiger zu sehen, und durchaus immer in ästhetischer Weise. Es war fast schon eine (schöne) Manie.

Uschi wird im weiteren Verlauf des Jahres 1970 fast zur Staffage. Sie moderiert nicht mehr und sagt ab und an ein paar strikt vom Zettel abgelesene Sätze zu den Filmbeiträgen. Wurde sie kaltgestellt?

Auf die Filmbeiträge des WDR gehe ich nur kurz ein. Zunächst gibt es eine Phase, in der hauptsächlich kleinbürgerliche Kultur und Lebenseinstellung durch den Kakao gezogen werden. Eine gewisse elitäre Haltung ist aus heutiger Sicht unverkennbar, genauso wie die ambivalente Einstellung zum Genuss von Drogen bedenklich ist (Nr. 53).

Später werden die Beiträge immer politischer und teilweise sehr provozierend. In einer schockierenden Fotomontage sieht man ein Bild aus dem Vietnam-Krieg. Eine alte Frau mit angstverzerrtem Gesicht wird gezeigt. Ihr wird ein Gewehrlauf an die Schläfe gehalten. Daneben wird ein Slogan aus der schönen, neuen Werbewelt eingeblendet: „Ein Hauch von Luxus”.

Mehrfach wird auch scharfe Kritik an der Kommerzialisierung der Popmusik geübt.

Die visuellen Effekte der Sendung waren umwerfend. Mike Leckebusch nahm Rythmus, „Farbe” und Texte der Musik auf und setzte diese kongenial um. Eine große Rolle spielte auch das Bühnenbild. Da wurde z. B. im Vordergrund ein aus einer Photographie des Auftritts erzeugtes Standbild der Musiker gezeigt, dahinter der Film des Auftritts. Dadurch entstand ein nie gesehener 3D-Effekt. Oder hinter der Gruppe lief ein gewaltiger Oszillograph, der die Schwingungen des jeweiligen Stückes zeigte. Dave Dee sagte: „Mike war seiner Zeit um 10 bis 15 Jahre voraus”.

Zusammenfassung: All die Lieblingslieder von damals, die Lieblingsgruppen, und das auch noch in Farbe und größtenteils live. Manches habe ich das erste Mal seit 30–40 Jahren wieder gehört, z.B ein Song wie „Beautiful Scarlet” (ich dachte immer „Beautiful Skylight”) von Rare Bird oder „Kings and Queens” von Renaissance mit einer wunderschönen Jane Relf.

Ganz berückend auch in der vorletzten Folge dieser Box, der Sendung 58 vom 5.9.1970, ein gegenüber den Auftritten der 60er Jahre gewandelter und kaum wiederzuerkennender Cat Stevens, der in melancholischer Schönheit live mit Alun White „Lady d’Arbanville” und „Hard Headed Woman” spielt. Dabei wurde für die zweite Stimme eine eigene Aufnahme gemacht und musikalisch und visuell perfekt über die erste gelegt.

Peter Eisenburger, 26. August 2010.

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Hochgeladen am 21. November 2021. Zuletzt korrigiert am 26. November 2021.

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