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The Story of Beat-Club. 1: 1965-1968
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Die erste Box der Beat-Club Kollektion enthält die kompletten von Radio Bremen ausgestrahlten Sendungen vom Start am 25. 9. 1965 bis zum 14. 9. 1968. Die einzigen Kürzungen betreffen Filmzuspielungen der Beatles, zu denen die ARD wohl die Lizenzen für die DVD-Veröffentlichung nicht erhielt.

Der Schnitt zur zweiten Box ist relativ willkürlich gewählt und alleine der Tatsache geschuldet, dass die Macher der DVD-Edition sich entschlossen haben, die Sendungen auf insgesamt drei Boxen mit je 8 DVDs zu verteilen, die jeweils drei Jahre umfassen. So befindet sich der Übergang zu Farbe mit der Sendung am 30.1.1970 mitten in der 2. Box und der Beginn der Kooperation mit dem WDR liegt gegen Ende der 1. Box.

Der Beat-Club dokumentiert umfassend, präzise und in einmaliger Art die Entwicklung der Popmusik der 60er und frühen 70er Jahre. Die Entwicklung in den drei Jahren der ersten Box ist atemberaubend und auch repräsentativ abgebildet, da praktisch alle bekannten Gruppen und Interpreten im Beat-Club auftraten. Meistens live, in wenigen Fällen auch mit Filmzuspielungen.

Beispielhaft für die Entwicklung seien zwei Gruppen genannt, die in der ersten und letzten Folge der ersten Box auftraten:

Im September 1965 gibt die Combo „The Yankees” ihr „Halbstark, oh Baby, Baby, Halbstark”. Uschi Nerke spricht züchtig im Kostüm. Junge Menschen tanzen sich vorsichtig bewegend, dabei die jungen Männer durchweg im Anzug und mit kurzen Haaren. Kameramänner fahren herum und fangen ruhige Aufnahmen ein, die mit wenigen Schnitten gesendet werden.

Im September 1968 zertrümmern „The Nice” (erstmalig Keith Emerson im Beat-Club) Leonard Bernsteins „America” und zerlegen musikalisch das heile Bild der Neuen Welt. Dabei dekonstruiert Mike Leckebusch mit schwindelerregenden Schnitten und Verzerrungen optisch das herkömmliche Fernsehen.

In der Sendung davor schockte Arthur Brown mit einer wilden und vorher nie gesehenen Bühnenshow die deutschen Teens und ihre Eltern (übrigens auch hier mit Schlagzeuger Carl Palmer ein späteres Mitglied von ELP dabei).

Zum Ende des Zeitraums der ersten DVD-Box tritt Uschi Nerke immer gewagter auf, einmal schulterfrei, einmal tief dekolletiert, oft im superkurzen Minirock. Die Moderatorin und Architekturstudentin ist eine Wucht und ein Sex-Symbol. Wie oft sie sich verspricht, wirkt zwar manchmal peinlich amateurhaft. Dennoch ist Uschi einfach zeitlos, eine Ikone. Hingegen nervt Dave Lee Travis mit seinen ständigen Faxen, arbeitet aber zugegebenermaßen absolut professionell und ist von den Produzenten geschickt als Kontrapunkt zu Uschi Nerke gesetzt. Leider moderieren seit ca. 1966 beide Sprecher ständig in die Titel hinein, teilweise sogar bis in das Einsetzen des Gesangs. Eine Unsitte!

Michael Leckebuschs Spielereien mit der Kamera, die manchmal kritisiert werden, empfinde ich hingegen als ästhetisch ansprechend und keineswegs störend. Das war damals höchst innovativ und unterstreicht bisweilen die Aussagen der Songs. Jedenfalls erhöht es den optischen und akustischen Genuss beträchtlich. Der Beat-Club wird ein Gesamtkunstwerk.

Aber was leider immer wieder vorkommt, ist, dass bei einem Gitarrensolo der Rhythmusgitarrist oder gar der Bassist gezeigt werden...

Zu erwähnen ist noch, dass zu Beginn der Sendung vielfach live gesungen und musiziert wurde. Das war in der weiteren Entwicklung nicht mehr möglich, da die fortgeschrittene Studio- und Bühnentechnik der späten 60er Jahre nicht für kurze Auftritte im Fernsehstudio reproduziert werden konnte. Und schließlich wollten die Zuschauer auch die aus dem Radio bekannte „Originalmusik” hören.

Leider gaben sich aber nicht alle Interpreten die Mühe, wenigstens so zu tun, als würden sie live singen. Vorbildlich z.B. Gene Pitney, eher erschütternd Eric Clapton mit The Cream.

Mit der letzten Sendung dieser Box begann die Erweiterung des Beat-Clubs um vom WDR beigesteuerte Filmbeiträge zum kulturellen Zeitgeschehen, wie z.B. „Junge Frauen heute” („Pucky, was machen Mädchen heute in ihrer Freizeit?”), oft in für damalige Verhältnisse avantgardistischer Manier in Szene gesetzt. Auf der ersten DVD der 2. Box gab es dann etwa die Sendung mit Filmen zur documenta 4 in Kassel. Der Beat-Club wurde endgültig zur hochwertigen zeitgenössischen Kultur-Dokumentation. Die Dauer der Sendung erhöhte sich –  nicht nur wegen der Filmbeiträge – von 30 bzw. 45 auf nunmehr 60 Minuten.

Die Aufmachung der DVD-Boxen ist aufwendig, hochwertig und mit einem Wort hervorragend. Das Booklet sagt nicht zu viel und nicht zu wenig. Bei den Texten ärgert bisweilen der etwas flapsige Ton von Torsten Schmidt, der stellenweise auch zu deutlich seine subjektiven musikalischen Vorlieben und Abneigungen durchscheinen lässt.

Die Filmqualität – in der ersten Box durchweg in schwarz-weiß – ist sehr gut. Der Ton wurde vorsichtig remastert, etwas basslastig, wie ich finde, ist aber dennoch näher am Original als so manche grässliche remasterte Wiederveröffentlichung. Mit jedem Jahr wird die Tonqualität besser. Die DVDs sollten zuhause unbedingt über den an die Musikanlage angeschlossenen Fernseher abgespielt werden!

Peter Eisenburger, 31. März 2010.

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Hochgeladen am 17. November 2021.

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