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F. Scott Fitzgerald
Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald:
Zärtlich ist die Nacht


Am Nachmittag des letzten Studientages, nach der letzten Prüfung, es war am 10. November 1983, ging ich zu Karstadt, kaufte mir eine Flasche Rotwein und ein paar Rotwein-Gläser (welche leider im Laufe der Jahre alle zerbrochen sind, aber auf meinen Aquarellen verewigt wurden).

Dann, ich glaube fast, es war am nächsten Tag, ging ich zur Ferber’schen Universitätsbuchhandlung und kaufte mir folgendes Buch:

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht
Roman

Nun fand man mich in der WG anders vor. Nicht mehr immer nur lernen und kämpfen.

Jetzt saß ich am Küchentisch, die Beine hochgelegt, ein Zigarillo im Mundwinkel, die Flasche Rotwein auf dem Tisch, lesend.

In den ersten Jahren schrieb ich über jedes Buch, das ich las, meine eigenen Anmerkungen. Wie gefiel es mir, was löste es in mir aus? Was begeisterte mich? Was lernte ich dabei? Wie fand ich mich selbst darin wieder? In meinem für die damalige Zeit typisch gefühlsbetonten und selbstreflektiven Stil, den ich hoffentlich noch nicht ganz abgelegt habe.

Rezensionen in den Zeitungen lese ich bis heute (2021) praktisch nie oder in seltenen Fällen nachträglich zum Vergleich.

„Zärtlich ist die Nacht” hat ein Zitat auf dem Vorsatz. Es handelt sich um einen Auszug aus John Keats, „Ode to a Nightingale”. Im Folgenden die deutsche Übersetzung von Uwe Grüning:

„So zärtlich ist die Nacht;...
Kein andres Licht hier wacht
Als jenes, das die Brisen erdwärts wehn
Durch Blätterdüster und der Wege Moos.”

Ich kann die Zeilen auswendig, seit ich sie zum ersten Mal gelesen habe.

Nun meine Eindrücke: von damals:

Ich kann das Buch nicht so einfach aus der Hand legen und das nächste anfangen. Auch das Buch an sich ist nicht so einfach. Ich schwanke die ganze Zeit zwischen Langeweile, ausgelöst durch fehlende äußere Handlung [...], und Hochspannung, ausgelöst durch eine sensible, eindringliche und leidenschaftliche psychologische Beschreibung der Charaktere.

Unter allem ein unheilvoller, leicht depressiver Unterton, der ständig auf eine sich anbahnende Katastrophe deutet. Und einen Anflug von Sinnlosigkeit die ganze Zeit. Wohl das Zeitgefühl der Intellektuellen der middle und upper class der 20er Jahre, die, was die subjektive Seite betrifft, hilflos zutrieben auf die Katastrophen des Faschismus und des 2. Weltkrieges. Schon durch das mit hoher Beobachtungsgabe erfaßte Zeitgefühl macht dieses Buch interessant.

Seine besondere, betroffen machende Qualität gewinnt es jedoch durch die Beschreibung einer Begegnung eines Mannes und einer Frau, Dr. Richard „Dick” Diver, Psychiater von blendender Intelligenz und Verfasser eines bedeutenden psychologischen Buches, und Nicole Warren, schwerreiches und schizophrenes Mädchen aus der American upper class.

Zunächst ist sie seine Patientin in einer Klinik in der Schweiz gegen Ende des 1. Weltkrieges. Sie lehnt sich an ihn an, ein Bild von einem Mann, hochintelligent, athletisch, ein sprühendes Feuerwerk von einnehmendem Charme und Sensibilität. [Die Rezension folgt hier dem Stil von Fitzgerald.] Sie verlieben sich ineinander und heiraten. Nicole gesundet langsam, gestützt auf ihn und sich nährend von seiner Kraft.

Nach 5 Jahren Ehe beginnt sein Abstieg und ihr Aufstieg, zunächst kaum wahrnehmbar. Die Entwicklung dieser beiden Menschen verläuft wie ein ab- und eine ansteigende Kurve, die eine Zeitlang nebeneinander herlaufen.

Nach weiteren 5 Jahren (1930) hat Nicole so viel an Persönlichkeit gewonnen, daß ihr die Bindung an Dick lästig wird und sie den letzten, für sie befreienden Schritt der Trennung tut und sich in einen anderen verliebt und ihn auch heiratet. Während Dick immer mehr an Persönlichkeit verliert und verfällt, trinkt, zynisch wird, mit seiner Arbeit nicht mehr voran kommt, schließlich als kleiner Hausarzt in einem provinziellen Nest im Staate N. Y. endet, immer noch mit den Unterlagen für eine nie vollendete bedeutende Abhandlung auf dem Schreibtisch. Es ist, als hätte sie die Kraft für ihr Leben von seinem Leben genommen, unersetzlich.

Brillant hier die Erzähltechnik von Fitzgerald. Steht in neun Zehnteln des Buches Richard Diver im Vordergrund und nehmen seine Empfindungen und Ansichten den größten Raum ein, fast scheint es mir so, als hätte er das Buch in Ich-Form geschrieben, schwenkt auf den letzten 30 Seiten die Verteilung zunächst kaum merklich, dann plötzlich und drastisch um und die gesunde, starke Person Nicole ist der Hauptcharakter, während Dick zu einer nebensächlichen Figur verblaßt; die Nicole, die so lange so ein süßes, verrücktes Ding an seiner Seite war.

Mir fällt ein, die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern haben so etwas an sich. Die Kinder nehmen von der Kraft der Eltern auf in ihr Leben und die Eltern werden dabei alt und verschleißen. [...]

Trotzdem bleibt nur psychologisch betrachtet der steile Abstieg von Dick Diver etwas im Rätselhaften. Das luxuriöse, sinnlose und kurzweilige Leben an der Côte d’Azur hat seine Intelligenz abgestumpft, seine Stärke ausgelaugt und seine Spannkraft gelähmt. Er hat die Orientierung verloren und seine Ziele aufgegeben. Da haben wir wieder die 20er Jahre, und wir haben Amerika: ein junger, talentierter Mann wird aufgesogen von ausschweifenden, aber eigentlich nutzlosen upper class - Angehörigen, die die Talente des jungen Mannes brauchen, ihn aber nach Benutzung ausgebrannt wegwerfen. Da sieht Fitzgerald sich wohl selbst. Im Buch ist Baby Warren, Nicoles ältere Schwester, die Verkörperung dieser amerikanischen Oberschicht. „... sie empfand mit Genugtuung, daß sie (die Warrens) jetzt – ungeachtet dessen, was Dick bisher getan hatte – eine moralische Überlegenheit über ihn besaßen, solange er für sie noch von Nutzen war.” Wenn ich’s mir recht überlege, schreibt Fitzgerald mehr über dieses Thema, das Verhältnis Künstler / Wissenschaftler zur Oberschicht (schließlich seine Klientel, sein Publikum) als über das Thema Mann – Frau. Und da träufelt bei aller Tragik auch ein wenig vom Gift des Selbstmitleids. Dem entspricht auch der oft hinreißend, aber an etlichen Stellen manierierte, übersteigerte und selbstverliebte Stil.

Peter Eisenburger, 27. November 1983. (Einleitung 29. Dezember 2018.)

Zärtlich ist die Nacht

Abgebildete Ausgabe: Diogenes Taschenbuch 21119. detebe Klassiker. Diogenes Verlag, Zürich 1983. 387 S. Übersetzung von Walter E.Richartz, ergänzt und überarbeitet von Hanna Neves.

Deutsche Erstausgabe: Blanvalet, Berlin 1952.

Erstausgabe: Tender is the Night. Charles Scribner’s Sons, New York 1933.

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Hochgeladen am 10. Mai 2021.

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