pe
bibliothek

17
Michael Schneider
Neurose und Klassenkampf

neurose_und_klassenkampf

Michael Schneider
Neurose und Klassenkampf. Materialistische Kritik und Versuch einer emanzipativen Neubegründung der Psychoanalyse.


Das Buch ist – was unüblicherweise vom Verlag nicht vermerkt wird – eine 1974 eingereichte Dissertation an der Freien Universität Berlin. Die Arbeit wurde im Fach Religion abgenommen, wohl weil kein anderer Fachbereich diesen Text akzeptiert hat. An sich wäre diese Promotion von daher schon anfechtbar, weil der Inhalt mit Religion rein gar nichts zu tun hat.

Trotzdem war es eine staatliche und angesehene Universität, und wie schon an anderer Stelle vermerkt, kommt man im Nachhinein aus dem Staunen nicht heraus, wie der bundesdeutsche Staat Dissertationen hat schreiben lassen, diese annahm und wohl in vielen Fällen auch auszeichnete, in denen zu seinem Sturz und der Etablierung einer radikalen sozialistischen Ordnung aufgerufen wurde.

Ausgangspunkt des sprachlich und inhaltlich eigentlich ungenießbaren Elaborats ist die nicht sehr schwer zu gewinnende Erkenntnis, dass es ganz offenbar in der Bundesrepublik nicht zu einer Verelendung der Arbeitermassen kam. Das bereitete den Vulgärmarxisten arges Kopfzerbrechen, weil es nach der von ihnen so verstandenen überlegenen und unangreifbaren, wissenschaftlichen Weltanschauung des Marxismus so sein musste. „Hört auf die Wissenschaft!”

Auch Urs Jaeggi bereitete die Tatsache der ausbleibenden Verelendung und damit auch der ausbleibenden Revolution erhebliche Schwierigkeiten, die er nur anders zu umgehen glaubte, indem er die relativen Unterschiede betonte.

Michael Schneider aber kam eine geniale Idee. Er verschob das Ganze einfach in den psychischen Bereich. Es kam in der BRD angeblich zu einer „psychischen Massenverelendung”. Irgendwelchen Überprüfungen auf Sinngehalt und Faktizität hielt und hält das nicht stand – für eine Doktorarbeit und den Grundstein einer glänzende Karriere reichte es im Berlin der frühen 70er Jahre allemal.

Im Prinzip bezieht Schneider mit seinen Thesen den vulgär-sozialistischen Standpunkt, den er vorgeblich ablehnt. Er verteidigt zwar die Psychoanalyse gegen die Exzesse der stalinistischen Angriffe der 20er Jahre, die Behauptungen einer angeblich existierenden Psyche als bürgerlich, „idealistisch” und „zersetzend” komplett ablehnte. Damit wurde nach Michael Schneider das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, weil nicht alles an der Psychoanalyse falsch sei. Dennoch sei die Freud’sche Theorie über die Triebnatur des Menschen weitgehend verfehlt, da der Vater der Psychoanalyse nicht erkannt habe, dass die Menschen nicht an familiären Erfahrungen der Kindheit, sondern am Klassencharakter der Gesellschaft litten.

Jede psychische Erkrankung stelle eine Form „des Widerstands gegen die kapitalistischen Arbeits- und Sozialisierungszwänge dar”. Eine „emanzipative Psychoanalyse” müsse daher die Patienten befähigen, „in den aktiven politischen Widerstand gegen eine kranke Gesellschaft” einzutreten. Und dies sei erforderlich, weil in der Bundesrepublik eine fortschreitende „psychische Massenverelendung” festzustellen sei mit alleine „600.000 Schizophrenen”, d. h. mit über einer halben Million Schwerstkranken, die akute psychiatrische Hilfe brauchen. 600.000? Hinzu kämen dann die vielen anderen psychischen Erkrankungen und Suchtabhängigkeiten, so dass man tatsächlich von einem Bestand an mehreren Millionen dringend Behandlungsbedürftigen sprechen müsste.

Schneider bewegt sich in seinen tatsächlich heillosen Versuchen, die Psychoanalyse „weiterzuentwickeln”, ausschließlich im in sich abgeschlossenen Gedankengebäude marxistischer Thesen und ergeht sich in einer eigenartigen, verstiegenen Sprache, die man sonst häufig im Umfeld der Frankfurter Schule fand. Aber selbst diese ist ihm zu bürgerlich, weil sie die Kapitalverwertung als allein ausschlaggebenden Faktor der Gesellschaftsstruktur und damit der Psyche der Menschen nicht erkennen wolle. So wendet er sich gegen den „neoadornitischen Interaktionspsychologismus” – diese Begriffsfindung ist typisch für den gesamten Text.

Was sich in der Arbeit als abwegiges und rein theoretisches Fabulieren liest, hatte tatsächlich eine gefährliche Nähe zum von Schneider mehrmals zustimmend zitierten „Sozialistischen Patientenkollektiv” (SPK) – und dessen Parole war: „Aus der Krankheit eine Waffe machen”. Bekanntlich gab es zwischen der RAF und dem SPK eine offene Grenze und einen regen Personalaustausch.

Welches System dem Verfasser vorschwebte, geht deutlich genug aus dem letzten Absatz hervor. Schneider will „eine neue kollektive Ich-Struktur, eine Art Gruppen-Ich-Struktur (...). „Die ‚freie Assoziation’ der vielen ‚ich-schwachen’ Individuen schafft so die Voraussetzung für eine kollektive ‚Ich-Stärke’, für eine kooperative Triebstruktur, die das psychosexuelle Pendant zur kollektiven Aneignung der Produktion ist.” Als 18-Jähriger verstand man nicht ganz, was hier gemeint war. Jetzt schon: die Schaffung eines „neuen Menschen”, der seine Autonomie, seine Freiheit, ja sogar seine Triebe (alles bürgerlich und kapitalistisch) zugunsten des Kollektivs aufgegeben hat. Mit anderen Worten: ein Volk von Staatssklaven, wie es in der Volksrepublik China unter Mao Tse-tung geschaffen wurde, und zwar unter den furchtbarsten Gewaltexzessen der neueren Geschichte, vielleicht der Geschichte überhaupt.

Und Mao war Michael Schneiders großes Idol zur Studentenzeit. Dass er sich zur Zeitpunkt der Entstehung der Dissertation von seinem Helden schon so ganz abgesetzt hatte, kann man nicht annehmen, wenn man dieses Passagen liest. Völlig unglaubhaft ist, dass diese Thesen irgendetwas mit dem zu tun haben, was Sigmund Freud anstrebte. Diesem ging es um das autonome Subjekt.

Noch etwas zur Reihe.

„das neue Buch” bei Rowohlt brachte das, was man „Avantgarde” oder „cutting edge” nennt, neue, oft auf ihren jeweiligen Gebieten innovative Konzepte und Schriften. Meine Nr. 1 bei der Reihe „Aus meiner Bibliothek”, Thomas Pynchon’s „Gravity’s Rainbow”, erschien unter „das neue Buch” oder auch ein Werk, das ich bei den „schönsten Büchern” 1973 vorgestellt habe: „Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde” von R. Buckminster Fuller.

Alle Titel hatten den effektvollen, pinkroten Rahmen, der sogleich symbolisierte, dass es hier etwas Besonderes und auch etwas eher Linkes gab – oder was dafür gehalten wurde. Nur Thomas Pynchon wurde eine edle, graue, glänzende Englische Broschur verpasst.

das neue buch 26. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg Juni 1973 (9.-13. Auflage Dezember 1973). 360 Seiten. DM 12,00.

linie

Hochgeladen am 20. Januar 2022. Zuletzt aktualisiert am 8. Februar 2022.

linie