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Virginia Woolf
Mrs. Dalloway und Die Fahrt zum Leuchtturm

Virginia Woolf: Mrs. Dalloway
Virginia Woolf: Die Fahrt zum Leuchtturm

Virginia Woolf:
Mrs. Dalloway und Die Fahrt zum Leuchtturm


Ein wahnsinnig schönes Buch. Von poetischer Dichte und Intensität (dadurch auch nur mit großer Konzentration lesbar).

Beschrieben wird der Ablauf eines einzigen Tages in London um 1920. Die Figuren des Romans gehören überwiegend, aber nicht nur, der Oberschicht an.

Ungewöhnlich der ständige Wechsel der Perspektive. Das Buch heißt zwar “Mrs. Dalloway”, aber genauso wie aus ihrer Sicht wird der Tag auch aus der Sicht der Personen, die diese wiederum treffen, geschildert. Diese verschiedenen Perspektiven werden gleichberechtigt nebeneinander gestellt, so daß ein faszinierend vielschichtiges, schillerndes Bild, vielleicht: Weltbild, entsteht. Es ist so, als könnte der Leser Gedanken lesen und in die Menschen hineinsehen.

Die Ergänzung und Erweiterung dieses Perspektivenwechsels wird auf geniale Weise hergestellt durch den ständigen inneren Wechsel des Empfindens und Erlebens der Personen. Deren Gedanken- und Gefühlswelt wird in einer unglaublich sensiblen Art geschildert. Daneben bewahrt sich die Verfasserin noch eine eigene Perspektive.

Sensibilität, Menschlichkeit, und das Leben in seiner ganzen Vielfalt, davon ist das Buch durchdrungen, und in ihm gibt es keinen Maßstab außer dem Leben und den Menschen selbst.

Und wie alles miteinander verwoben und verschachtelt ist, unauflösbar, und alles steht gleichberechtigt nebeneinander.

Und wie die Woolf z. B. beschreibt, wie jemand verrückt wird, ist ganz einfach toll. Verrückt werden hat hier Ursachen, einen Verlauf, und wie das Verrückt-sein als Zustand hat alles seine eigene Berechtigung. Der Leser denkt: wenn Septimus die Stimmen hört, sind sie dann nicht “da”? Jedenfalls für ihn? Aber trotzdem gelingt es der Woolf auch, die Gefahr dieses Sich-Absonderns, dieses Sich-Zurückziehens bewußt zu machen. Realität ist nicht beliebig, aber jede Realitätserfahrung ist gleichberechtigt, auch die “psychotische”, und sie zurechtzubiegen ist das Verbrechen der Psychiatrie, das von der Autorin in der gleichen poetischen Sprache, aber glasklar, hart und unmißverständlich abgeurteilt wird.

Überhaupt, diese Sprache, die immer eindringlich und anrührend, aber nie aufdringlich ist, macht das Buch zu einem Genuß. Den man sich allerdings erarbeiten muß. Die bisweilen stark verschachtelten Sätze verlangen einem viel an Konzentration ab. Dadurch aber die Übereinstimmung von Inhalt und Form: der verschachtelte Satz spiegelt eben auch die Vielschichtigkeit und Bedeutungsvielfalt eines Augenblicks, einer Regung, eines Gedankens, einer Situation wieder.

(Noch extensiver wird dieses Prinzip verfolgt in “Die Fahrt zum Leuchtturm”, zwei Jahre später, 1927, erschienen. Dieses Buch ist für mich übrigens so etwas wie eine “typisch weibliche Sicht der Welt”. Hier sind die Frauen die Sensiblen, Verstehenden, in gewisser Weise die Überlegenen?, aber auch die Dienenden, die Ausharrenden, die – vielleicht – alles in ihrer Gefühlswelt aufnehmen und umfassen können, aber auch die Passiven. Die Männer sind schwer verständlich, jähzornig, fast wie Kinder, irgendwelchen, letztlich – auch wenn es Philosophie ist – eng begrenzten Aktivitäten nachgehend, ständig über Politik debattierend, abhängig vom Wohlwollen und Einfühlungsvermögen der Frauen. Dadurch wirkt dieser Roman nicht so ausgewogen wie “Mrs. Dalloway”, denn im letzteren sind auch die Männer, Peter Walsh, sensibel und verletzlich.)

Warum das Buch eigentlich “Mrs. Dalloway” heißt. Weil alles in einem und eins in allem ist. Clarissa Dalloway spiegelt in sich die ganze Welt und sie ist die ganze Welt – wie jeder andere auch.

Peter Eisenburger, 1988.

Mrs. Dalloway

Abgebildete Ausgabe: Fischer Bibliothek. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1984. 239 S. Aus dem Englischen von Herberth E. und Marlys Herlitschka.

Deutsche Erstausgabe: Fischer Verlag, Frankfurt 1962.

Erstausgabe: Mrs. Dalloway. The Hogarth Press, London 1925.


Die Fahrt zum Leuchtturm

Abgebildete Ausgabe: Fischer Taschenbuch 2119. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 43.–45. Tausend 1987.  255 S. Übersetzung von Herberth E. und Marlys Herlischka.

Erstauflage dieser Ausgabe: 1979.

Erstausgabe: To the Lighthouse. The Hogarth Press, London 1927.
 

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Hochgeladen am 9. April 2021.

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