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Thomas Pynchon
Mason & Dixon

Thomas Pynchon: Mason & Dixon

Thomas Pynchon: Mason & Dixon

Ein monumentales Werk, nicht nur wegen den über 1000 Seiten, nach deren Lektüre man erst mal gar nicht anfangen kann, was anderes zu lesen. Kann man überhaupt noch jemals was anderes lesen?

Und jetzt habe ich endlich verstanden, was Thomas Pynchon macht, nachdem ich vorher schon vier Romane von ihm gelesen habe (Die Versteigerung von Nr. 49, V., Die Enden der Parabel, Vineland).

Er legt ein Prisma an die „Wirklichkeit” an und lässt fast unendlich viele Wirklichkeiten hindurch schillern. Das was man dann sieht, was bei einem normalen Erblicken nicht erkennbar ist, ist das, was es alles gibt oder was es auch gibt. Deshalb auch der Originaltitel von Pynchons Opus magnum, „Gravity’s Rainbow” („Regenbogen der Schwerkraft”), aus dem der deutsche Verlag unverständlicherweise „Die Enden der Parabel” machte.

Zurück zu Mason & Dixon. Im Erzählstrang treten reale Personen auf und es gibt reale Begebenheiten, aber erweitert und gebrochen durch Einschübe von imaginärem Geschehen.

Auf der faktischen Ebene, wie ich es nennen möchte, geht es um zwei in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lebende englische Landmesser, eigentlich ein Astronom, Charles Mason, und ein Landmesser, Jeremiah Dixon, die nach einigen Zwischenstationen in Südafrika und auf St. Helena nach Amerika geschickt werden, um ausgehend von Philadelphia eine Grenzlinie nach Westen zu ziehen. Ein Abschnitt dieser Linie ist noch heute die Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland.

Ich fand, dass das Buch gut passt, weil meine Dissertation auch von einem Landmesser handelt, der wenige Jahrzehnte später tätig war. Auch dieser, Johann Georg Baldus, war mit der Grenze zwischen zwei Staaten in einem Staatenbund befasst: dem Herzogtum Nassau und dem Großherzogtum Hessen, zwei Staaten im Deutschen Bund, deren Grenze er prüfte und korrigierte.

Das tieferliegende Thema von Mason & Dixon ist eigentlich, wie beim das Eindringen der Europäer in den nordamerikanischen Kontinent magische Welterfahrung, wie sie die Indianer (und in Europa die Kelten) noch hatten, durch Rationalität, Mathematik und Technik verdrängt wird, was als ziemlich gewalttätiger Vorgang beschrieben wird.

Die Fabulierungskunst des Autors ist praktisch unermesslich, ein Phänomen. Im Prinzip macht er Folgendes: Er zertrümmert die bisher bekannte Geschichte der beiden Landmesser und setzt sie neu zusammen. Oft verschiebt er dabei die Geschichte ins Groteske, Verzerrte.

Was Pynchon vielleicht am Besten macht, ist die Stimmung eines anderen Jahrhunderts entstehen zu lassen, mit tausenden Einzelheiten, der Kleidung, der Gesänge, dem Essen, den Manieren, den Werkzeugen usw. und zuvörderst der Sprache. Das ist schwierig zu übersetzen und bekanntlich beschäftigte der Verlag bei den „Enden der Parabel” neben den beiden (!) Hauptübersetzern zwei weitere Experten, davon einen für die Übersetzung amerikanischer Slang-Ausdrücke der 1930er und 1940er Jahre. Aber jetzt sind wir in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Um die Übertragung zu beurteilen, fehlt mir schlichtweg das Expertenwissen, wenn ich auch manchmal etwas irritiert war. Die Übernahme der amerikanischen Art, Absätze in fortlaufender direkter Rede desselben Sprechers jedesmal mit einem Anführungszeichen beginnen zu lassen, erscheint jedenfalls nicht glücklich.

Literaturwissenschaftler finden sicher an allen noch so wahnwitzigen Stellen Anspielungen, „Konnotationen” (einer der Lieblingsbegriffe meiner Schüler), Zusammenhänge, aber jedem sollte klar sein, dass Thomas Pynchons Erzählkunst zwischen Genie und Wahnsinn schillert.

Die Kunst des Thomas Pynchon erschöpft sich aber nicht im Handwerk des Schriftstellers, dass er perfekt beherrscht wie wahrscheinlich kein zweiter lebender Autor. Notwendig für das Gelingen des Buches waren auch vertiefte Studien in der englischen, südafrikanischen und amerikanischen Geschichte, die genaue Geographie der Chesapeake Bay und der westlich angrenzenden Gebiete sowie die Einarbeitung in Technik und Jargon der Landvermessung, alles andere als trivial, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Als ein Professor in Wiesbaden mir einmal Triangulation erklären wollte (und das ist noch das Einfachste), habe ich nach wenigen Sätzen abgewunken: „Geben Sie sich keine Mühe. Ich versteh’s nicht.” Da musste jemand passen, der als zwei seiner vier Hauptfächer (heute „Leistungskurse”) bis zum Abitur Mathematik und Physik hatte. Pynchon musste aber noch viel mehr: die Werkzeuge der Landvermesser des 18. Jahrhunderts und deren Handhabung kennen, erweitert um Kenntnisse und Werkzeuge der Astronomie, die damals noch unabdingbarer Bestandteil der Geodäsie war.

Thomas Pynchon ist auch ein großer Humorist, eine Tatsache, der oft nicht die gebührende Beachtung geschenkt wird. Umwerfend komisch zum Beispiel die Szene, als Besucher eines amerikanischen Gasthauses sich über Sandwiches unterhalten, damals die neueste Erfindung aus England, und der französische Meisterkoch empört aus der Küche gestürzt kommt:

„Sond-wiiitsch-e! „Sond-wiiitsch-e!” Er gestikuliert. „Für das Sakrament des Essens ist es die allergrößte Insulte!” (S. 485)

Am Ende kehrt Charles Mason in das Gelobte Land Amerika zurück – trotz scharfer Attacken auf die Sklaverei und die nach Westen hin zunehmende Gesetzlosigkeit.

Dass es sich im Kern um wahre Begebenheiten handelt, war mir nicht klar, bis ich, nachdem ich zu Ende gelesen hatte (ich lese praktisch nie Besprechungen oder – das Schlimmste von allem – Klappentexte), mal die Namen nachschaute.

Dann hörte ich „Sailing to Philadelphia” von Mark Knopfler, bei dem es um die beiden geht, um Charles Mason und Jeremiah Dixon, und bekam minutenlange Gänsehaut. Ich kannte das Lied schon vorher und fand es immer schön. Aber dass es darum ging... Wahnsinn, 20 Jahre später weiß man, was etwas bedeutet... Nach monatelanger Arbeit über den Sommer und Frühherbst 2021, als Charles Mason & Jeremiah Dixon mich auf all meinen Wegen begleiteten, die ich beschritt ...

I am Jeremiah Dixon
I am a Geordie boy
A glass of wine with you, sir
And the ladies I'll enjoy
All Durham and Northumberland
Is measured up by my own hand
It was my fate from birth
To make my mark upon the earth.

He calls me Charlie Mason
A stargazer am I
It seems that I was born
To chart the evening sky
They'd cut me out for baking bread
But I had other dreams instead
This baker's boy from the west country
Would join the Royal Society.

We are sailing to Philadelphia
A world away from the coaly Tyne
Sailing to Philadelphia
To draw the line
A Mason-Dixon Line.

[...]

Die romantische, ja zärtliche Stimmung des Liedes findet allerdings im Roman kaum eine Entsprechung. Von wenigen, wenn auch für die Balance der Geschichte wichtigen Momenten abgesehen, geht es rauh und wild zu.

Peter Eisenburger, 10. Oktober 2021.

Erstausgabe: Mason & Dixon. Henry Holt and Company, New York 1997.

Abgebildete Ausgabe: Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1999 (3. Auflage 1999). Deutsch von Nikolaus Stingl.
1023 Seiten. 58,00 DM.
 

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Hochgeladen am 12. Oktober 2021. Zuletzt aktualisiert am 16. Januar 2022.

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