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Urs Jaeggi
Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik

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Urs Jaeggi
Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik


Der Schweizer Urs Jaeggi (1931–2021) war Lehrstuhlinhaber für Soziologe an den Universitäten Bochum und Berlin. Sein Buch „Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik” wird hier einer Nachbetrachtung unterzogen. Interessant ist unter anderem die an den beiden Versionen, in denen es erschien, abzulesende Umorientierung des Verfassers, welche symptomatisch für die Entwicklung der bundesdeutschen akademischen Linken Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre ist.

Orientierte Jaeggi sich in der ersten, 1969 veröffentlichten Version unter dem Titel „Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik” noch an Ralf Dahrendorf und anderen liberalen Soziologen, die er hier und da um Vertreter der undogmatischen Linken wie Jürgen Habermas und Oskar Negt erweiterte, fährt er mit der 11. Auflage (136.–165. Tausend) vom Mai 1973, jetzt unter dem Titel „Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik”, voll im Fahrwasser eines dogmatischen Marxismus. 1972 und sicher in engem Zusammenhang mit dieser persönlichen Wende hatte die Berufung des Verfassers an die Freie Universität Berlin stattgefunden.

Erschütternd war schon in der ersten Auflage, dass ein Universitätsprofessor in Deutschland ein Buch über Eliten schreiben kann, die Macht und Herrschaft ausüben, ohne Max Weber, den bedeutendsten deutschen Soziologen des 20. Jahrhunderts, dessen Studien sich genau dieser Thematik widmen, in irgendeiner Weise einzubeziehen. Jaeggi kommt ohne ihn aus, hatte vielleicht auch nicht so viel Zeit, dessen umfangreiche und tiefgründige Analysen zu lesen, denn nebenbei malte der Schweizer noch und schrieb Romane. Außerdem war Max Weber „bürgerlich”, konnte also gar nicht das richtige Verständnis der Gesellschaft haben – dazu unten mehr.

In „Kapital und Arbeit” nimmt Jaeggi ausdrücklich Abschied von den Resten des „Elitenmodells”. Jetzt hat er sich dazu durchgerungen, den Klassenkampf als „fundamentalem Konflikt” der Gesellschaft herauszustellen und die „Herrschaft des Kapitals” als grundlegendes Strukturprinzip anzuprangern.

Die Änderung des Buches war allerdings in sich keineswegs konsistent und in sauber durchgeführter Operation geschehen – sonst hätte er das Erfolgsbuch komplett umschreiben müssen. Es war wohl mehr so, dass Jaeggi der damals an den Universitäten hochschwappenden radikal linken Ideologie erlag und durch die Umbenennung in das gewichtig und sehr marxistisch klingende „Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik” nicht nur ein paar Auflagen mehr verkaufen konnte. Ein schöner Zugewinn zu dem üppigen Gehalt eines „Ordinarius” (Lehrstuhlinhabers). Kalkulieren konnte der Professor, denn er war gelernter Bankkaufmann. (Die von der „bürgerlichen” Presse aus Anlass seines Todes bewundernd kolportierten 400.000 Exemplare sind allerdings falsch. Laut DNB erschien 1979 als letzte Auflage das 243.– 247. Tausend. Somit hat der Journalist, bei dem alle anderen abgeschrieben haben, nicht bemerkt, dass die Auflagenhöhe von „Kapital und Arbeit” nicht bei 1 anfing, sondern dass fortlaufend von „Macht und Herrschaft” gezählt wurde.)

Die Umorientierung von Professor Jaeggi aus Solothurn erkennt man auch an den Quellen und Literaturhinweisen, die im übrigen recht schlampig geführt werden. Da sind DKP-nahe Autoren wie Jörg Huffschmid noch die „rechtesten” Belege, ansonsten kommen sie aus dem Umfeld der radikalen „Neuen Linken” wie Elmar Altvater, Margaret Wirth oder des Trotzkismus wie Ernest Mandel. Auch im umfangreichen, fahrig geschriebenen Schlusskapital, in dem die Revolutionsstrategien der verschiedenen linken Gruppen besprochen (und allesamt für wenig tauglich befunden) werden, kritisiert Jaeggi die DKP eher von „links” und verweist unter Berufung auf den marxistischen Theoretiker Karl Korsch auf die Unvermeidbarkeit des „Endkampfes” (S. 361). Werde die Machtfrage nicht entschieden, wirkten noch so gute Reformen zur Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse „systemstabilisierend”. Das ist typisch ultra-linkes Gedankengut. Wie weit war es dann eigentlich noch zum „bewaffneten Kampf”?

An vielen, auch entscheidenden Stellen in den Hauptteilen des Werkes bewegt sich Urs Jaeggi jedoch im Umfeld der später hochtrabend so genannten „Marburger Schule der Politikwissenschaft”, die über Jahrzehnte als DKP-Kaderschmiede fungierte.

Aus den Ergüssen des weitgehend „marxistisch-leninistisch” und an der Theoriefindung der DDR-Kollegen orientierten Marburger Institutes für Politikwissenschaft zitiert der Verfasser manchmal seitenweise Platitüden, mit denen er meint, renommierte Soziologen „widerlegen” zu können.

So wirft er unter anderem Jürgen Habermas vor, „weder das politisch-ökonomische System noch die Sozialstruktur der Bundesrepublik theoretisch und empirisch hinreichend untersucht” zu haben. Das ist schon starker Tobak, wenn man es selbst nicht getan hat und sich auf die „Erkenntnisse” des DKP-nahen Marburger Ehepaares Tjaden-Steinhauer beruft, die von nur sehr geringem Tiefgang sind und in denen man die wissenschaftliche Substanz angestrengt suchen muss:

„Unter Sozialstruktur ist die Grundstruktur eines Systems der geschichtlichen Entwicklung gesellschaftlicher Verhältnisse zu verstehen. Der tatsächliche Zusammenhang von gesellschaftlichen Verhältnissen und gesellschaftlicher Entwicklung aber gründet im Prozeß der Produktion und Reproduktion des vergesellschafteten menschlichen Lebens. In diesem umfassenden gesellschaftlichen Prozeß gehen die Menschen bestimmte Verhältnisse zueinander ein und entfalten ihre materiellen und ideellen Produktivkräfte. Die Verteilung der Arbeitskräfte auf die Produktionsarten und der Produktionsmittel auf die Gesellschaftsmitglieder – der Ursprung ihrer Spaltung in Klassen – strukturiert die gesellschaftlichen Verhältnisse; deren Umverteilung kennzeichnet den gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß. Wir können daher die gesellschaftlichen Verhältnisse zwischen den Menschen, insbesondere die Klassenverhältnisse, als die Gliederung des Prozesses der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion betrachten. Mehrfach und mit Recht ist darauf hingewiesen worden, daß in Westdeutschland die private Beherrschung der gesellschaftlichen Produktionsbedingungen als Interessengegensatz von kapitalistischem Produktionsmittelbesitz und Lohnarbeit restauriert, ausgebaut und gesichert wurde. Die ökonomischen Herrschaftspositionen blieben unangetastet erhalten, ebenfalls Teile der politischen Organisation: Der Klasse der Kapitaleigentümer und ihrer politischen Funktionäre stand daher nach wie vor die Masse der lohnabhängigen Arbeiter, Angestellten und kleinen und mittleren Beamten gegenüber.” (S. 37)

So geht es in einem fort mit der Deklamation von hohlen Formeln und Lehrsätzen, die „beweisen”, dass die „bürgerlichen” Soziologen sich irren, denn diese verfügen nicht über das historisch überlegene methodische Instrumentarium des Marxismus, mit dem man die „Wahrheit” erkennt – und offenbar doch ohne große Mühe!

Ich erspare es mir hier, mehr von diesem grässlichen pseudowissenschaftlichen Kauderwelsch zu zitieren. Praktisch alle Autoren, auf die Jaeggi sich bezieht wie Jörg Huffschmid (DKP) oder Elmar Altvater (Neue Linke) et al., bewegen sich innerhalb eines engen und nach außen abgeschlossenen, von Marx entlehnten Gedankengebäudes aus Begriffen und Konzepten, in dem sie sich drehen und wenden und das sie nicht verlassen können oder wollen.

Die Zahlen, die Jaeggi präsentiert, sollen die Bundesrepublik als harten, repressiven Klassenstaat charakterisieren. Mehr noch: die Klassengegensätze in der BRD würden sich immer mehr verschärfen. Die Situation der Lohnabhängigen sei durch ihre „Erniedrigung und Verrohung” (sic) gekennzeichnet, wie gleich im Vorwort festgestellt wird (S. 10).

Die Realität passte nicht ganz dazu. Auch Jaeggi muss das an ein, zwei Stellen des Buches konzedieren. Die gigantische, noch in der Weimarer Republik unvorstellbare Verbesserung der Einkommen und des Wohlstandes der Arbeitnehmer durch die Wirtschaftsentwicklung der 50er und 60er Jahre, wird zaghaft mit einer einzigen Zahl angedeutet (aus einer DDR-Quelle in der unübersichtlichen Tabelle auf S. 66). Danach ist der durchschnittliche Nettolohn der westdeutschen Arbeiter und Angestellten von 1950 (=100) bis 1968 auf 492 gestiegen, hat sich also in nur 18 Jahren fast verfünffacht (daraus drohe übrigens die „Verbürgerlichung” der Arbeiterklasse, ein Horror für viele Linke). Der „Profit der Kapitalistenklasse” (was immer das nach gängigen volkswirtschaftlichen Kategorien sein soll), stieg aber noch etwas stärker. Berücksichtige man den steigenden Anteil der abhängig Beschäftigten an den Erwerbstätigen, ergebe sich eine noch krassere Ungleichheit, weil dann der Lohn noch stärker hätte ansteigen müssen.

Die Ungleichheit kann nicht bestritten werden, die Frage ist nur, wie sie erfasst wird und was sie bedeutet. Sauber nach Quintilen aufgeteilt, blieb die Einkommensverteilung in der BRD von 1960 bis 1990 stabil. Richtig ist, dass sich der Abstand des untersten Quintils (der untersten 20 % der Bevölkerung) zum obersten Quintil stark vergrößert hat. In der untersten Schicht befinden sich allerdings nicht die Industriearbeiter, um die es bei der marxistischen Klassenanalyse geht. Diese sind im Mittelfeld angekommen und profitieren vom sogenannten „Fahrstuhleffekt” der breiten mittleren Einkommen.

Die durchschnittlichen Bruttowochenlöhne kletterten von 1949 = 166 DM in ungeheurem Tempo bis 1969 auf 1080 DM. Die durchschnittlichen monatlichen Nettoeinkünfte (von allen Beschäftigten, auch Selbständigen) stiegen von 1950 = 357 DM bis 1975 auf 3705 DM, erreichten also gar eine Verzehnfachung (nach Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 1, S. 122–123).

Haben wir es also mit einer ständigen Zuspitzung der Klassengegensätze zu tun oder mit einer enormen, substantiellen und vor allem direkt spürbaren Verbesserung der Lebensverhältnisse der breiten Bevölkerungsschichten?

Ganz klassisch und typisch für die Engstirnigkeit dieser Art von Analysen waren und sind auch Aussagen wie: „x Konzerne besitzen xx Prozent des Umsatzes, haben xx Prozent der Beschäftigen der Branche etc. (S. 71).

Nehmen wir das Beispiel der Automobilindustrie. Jaeggi und seine Stichwortgeber aus der DDR machen gleich mehrere methodische Fehler: So ist es schon begrifflich nicht richtig, dass 1969 „5 Konzerne der Autoindustrie 92 % des Branchenumsatzes” machten und dies als Beweis für die Monopolisierung ausgelegt wird. Diese Konzerne sind keine „Monopole”, sondern Oligopole. (Es müssen aber Monopole sein, weil der Kapitalismus qua marxistisch-leninistischer Definition in sein „monopolistisches Endstadium eingetreten ist”.)

Und dann wird mit einem Trick gearbeitet. Denn es geht nicht um die „Autoindustrie”, sondern offenbar um Personenkraftwagen (PKW). Nimmt man die Kraftfahrzeugindustrie (hier die Zahlen von 2005), ergibt sich zunächst ein ähnliches Bild. Die 6 größten Hersteller haben einen Anteil von rund 65 % des Marktes. Das ist bei den riesigen Investitionen, die in dieser Branche erforderlich sind, bei den ständigen teuren Innovationen und dem erforderlichen Netz an Händlern und Werkstätten ganz normal und wohl auch unvermeidlich, wenn natürlich auch nicht ganz unproblematisch.

Sieht man in den Tabellen und Schaubildern (aus BRD-Quellen, hier der Monopolkommission und dem Werk „Wirtschaft heute” des Bibliographischen Instituts Mannheim) genauer hin, stößt man auf eine weitere interessante Zahlen: Auch die 100 größten Kraftfahrzeughersteller haben erst 92 % des Marktes. Es gibt also sehr zahlreiche Anbieter, auch für sehr kleine Marktsegmente, die sich am Markt etabliert haben und in der Regel wohl auch mit Profit arbeiten.

Aber auch bei den PKW, bei den „Autos”, bietet sich dem Kunden eine Auswahl, die auf jeden Fall groß genug für fast jeden Wunsch ist, zumal ja noch die ausländischen Hersteller hinzukommen, die in den DDR-Quellen einfach „übersehen” werden. Die Großproduktion bietet zudem riesige Kostenvorteile, die letzten Endes ebenfalls dem Verbraucher zukommen. Das alles will Professor Jaeggi aber nicht wissen, weil ihn nur die „antagonistischen Klassengegensätze” interessieren. Vom „Konsumenten” her denken (Jaeggi schreibt den Begriff in Anführungszeichen) ist in diesem Modell abwegig, denn es zählt nur seine Stellung in der Produktion.

Frappierend und ein Armutszeugnis für einen Lehrstuhlinhaber einer bundesdeutschen Universität ist es, wie Jaeggi nicht nur seine theoretischen Referenzen, sondern auch seine Zahlen fast ausschließlich aus DDR-Quellen oder aus dem Umfeld der DKP, wie dem von der DDR finanzierten „Institut für Marxistische Studien und Forschungen” in Frankfurt nimmt. Schnell ist auch herauszufinden, dass etwa das von ihm zitierte, von diesem Frankfurter Institut erstellte Werk „Der Imperialismus der BRD, Frankfurt 1971” in Wahrheit eine Lizenzausgabe des Ostberliner Dietz-Verlages war. Da kommt der Verdacht nicht nur einer ideologischen Schlagseite auf, sondern die Annahme, dass Jaeggi die Zahlen der bundesdeutschen Statistiken, etwa des Statistischen Bundesamt oder der Deutschen Bundesbank, entweder nicht lesen und interpretieren konnte – wahrscheinlich aber aus Borniertheit diese „bürgerlichen” Quellen grundsätzlich ablehnte. Selbst wo die Zahlen wahrscheinlich oberflächlich übereinstimmen, wie beim zitierten Konzentrationsgrad in der Wirtschaft, greift Jaeggi (S. 71) nicht zu den Veröffentlichungen der BRD-Monopolkommission, sondern zum „Imperialismus der BRD” (S. 145), wo selbst wiederum ausschließlich DDR-Quellen verwendet werden.

Höchst verwunderlich, wie der Staat es damals duldete, dass auf seinen eigenen Lehrstühlen zur Revolution bzw. Systemüberwindung aufgerufen und der akademische Nachwuchs entsprechend geschult wurde. Nahm man es nicht ernst? Die Folgen sind heute allenthalben sichtbar. Dazu ließe sich noch viel mehr sagen, was aber vielleicht an anderer Stelle geschieht.

Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik. Elemente einer gesamtgesellschaftlichen Analyse. Texte zur politischen Theorie und Praxis. 6510. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main Mai 1973. 406 Seiten. DM 5,80.

Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik. Fischer Bücherei. Informationen zur Zeit. 1014. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main September 1969. 239 Seiten. DM 3,80.

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Hochgeladen am 2. Januar 2022. Zuletzt aktualisiert am 8. Februar 2022.

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