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John Updike
Hasenherz

John Updike: Hasenherz
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John Updike: Hasenherz

„Verantwortung ist das Thema dieses Buches. Und die Flucht vor der Verantwortung. (...)

[Rabbit ist] jemand, der so schwankend ist, so gern sich aus der Verantwortung stiehlt, so auf sich bezogen, so – letztlich auch – unreif ist. Aber auch sehr sensibel ist. Und Rabbit sieht in glücklichen Momenten das Wesen der Dinge, er sieht tiefer als andere.

Verantwortung heißt auch, und das ist eine der zentralen Thematiken: sich ins Alltagsleben einfügen mit seinen Langweiligkeiten, kleinen Konflikten und kleinen, stillen Schönheiten. Aber Rabbit ist immer auf der Suche nach dem großen Gefühl, dem Gigantischen, Umwerfenden. Dieses Großartige findet er in der Beziehung zu Ruth. Aber auch hier kehrt Alltäglichkeit ein – und vor allem: Sprachlosigkeit, das Unvermögen, sich mitzuteilen, und eine Menge Unheil wird dadurch angerichtet.

Für ihn, für Rabbit geht es darum, zu einer Beziehung, zu einem Menschen zu stehen, mit seinen ganzen Fehlern, aber auch seinen ganzen kleinen Schönheiten, einfach seiner ganzen Realität. Und seine eigenen Stimmungsschwankungen ertragen zu können, es ertragen zu können, daß sie einmal nicht schön ist, daß er sie gar häßlich findet, daß er wochenlang nicht viel mit ihr anfangen kann, ohne gleich wegzulaufen (auch: innerlich).

Auch, daß sexuelles Interesse an einer Person auf- und abschwillt, wieder da ist, wieder vergeht. Das muss er lernen.

Und daß jemand, den man klein und dumm findet, auch eine eigene Person ist, Gefühle hat, die man verletzen kann, und sich Gedanken macht. Das ist mit das Tollste an dem Buch, wie Updike das Wechselspiel zwischen Rabbit und Janice aus wechselnder Perspektive beschreibt. Beeindruckend. Unter anderem geht es dabei auch um den Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Sexualität. der Mann, der seinen genitalen trieb befriedigt, stolz ist auf seine Potenz, und die Frau, die dabei auch lieb gehabt werden will. Natürlich ist das vereinfacht, aber es scheint doch, daß das so ein Grundmuster ist: die Frau scheint ihre Sexualität mehr in ihre Person integriert zu haben.

Aber Rabbit (oder Updike) ist da in manchen Momenten noch sehr sensibel. Als Rabbit und Ruth das erste Mal zusammen schlafen, gelingt Updike so etwas wie die Schilderung einer Urszene zwischen Mann und Frau („ihre Nacktheit schwingt in Gezeiten aus Stein”). Zärtlich, eindringlich, sich-hingeben, das sich-ganz-nah-sein, aber auch die Erfahrung der Andersartigkeit des anderen. („Ihre Muskeln und Lippen und Knochen unter ihm pressen sich gegen seinen Leib wie ein neuartiges anatomisches System, wie das eines fremden Lebewesens. Sie wird durchsichtig für ihn, er sieht ihr Herz.”) Wenn Mann und Frau miteinander schlafen, ist es ein anderer Seinszustand.

Und frappierend dann die Schilderung, wie sich die sexuelle Beziehung zwischen Rabbit und Ruth ändert. Das Außergewöhnliche ihrer ersten Begegnung läßt sich nicht aufrechterhalten, weder was ihre Beziehung an sich betrifft, noch die sexuelle Seite. „Aber allmählich stellt sich heraus, daß er keineswegs so anders ist als all die andern, daß er genauso niedergeschlagen und liebeskrank an einem herumhängt und einen dann satt hat oder zumindest sich belästigt fühlt, wenn’s vorbei ist. Es geht auch immer schneller vorbei, es wird zur Gewohnheit, er wird regelrecht hastig”.

In einer Beziehung muss Sexualität auch ein Stück weit zur Gewohnheit werden, aber daß sie so entfremdet wird, und dann auch, wie für Ruth, entwürdigend, ließe sich wohl verhindern, wenn man sich auseinandersetzt und nicht nur sich selbst sieht. [...] –

Ein Meister ist John Updike übrigens in der Schilderung dessen, wie scheinbar tote, unbelebte Gegenstände unserer Lebensumwelt sich durch die Bedeutung, die sie für uns haben, beleben und verändern. Wie Dinge und Situationen ein Wesen, ein magisches Inneres haben, das wir Ihnen beimessen. – Das Beste, was ich seit langem gelesen habe.”

Peter Eisenburger, im November 1988.

Erstausgabe: Rabbit, Run. A. Knopf, New York 1960.

Abgebildete Ausgabe: rororo 5398. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1976 (41. - 45. Tausend 1984.) 266 Seiten. Damals 7,80 DM. Deutsche Erstausgabe: Fischer Verlag, Frankfurt 1962.


John Updike: Der Zentaur

„Der Stil von John Updike, er hat etwas Glitzerndes, etwas Schillerndes.

Er zeigt seine Figuren in ihrer ganzen Alltäglichkeit, ihrem verzweifelten Bemühen, ihrem Leben einen Sinn abzuringen, ihrem alltäglichen Kampf gegen die Widrigkeiten des Lebens,.

Es sind alles eigentlich kleine Helden, Helden wie du und ich. „Der Zentaur” (1963) bietet zu dieser Erkenntnis einen Schlüssel: die Wiederkehr der griechischen Sagenwelt im hier und jetzt, im Leben des kleinen Mannes. Er ist es, der dies alles durchkämpft und leidet, die Qual, die Pein, die Siege, der Triumph, die Tragik, die Niederlagen, alles in seinem kleinen Leben.

Aber es ist nicht nur das. Die Figuren, wie Peters Vater, sind nicht nur, nicht einmal vorwiegend tragisch, sie sind auch traurig, komisch und liebenswert.

Und wie Situationen geschildert werden, Situationen zwischen Menschen, aber einfach auch Erleben von Umgebung, von Natur und von gebauter und geschaffener Umgebung, z. B. von Räumen oder Straßen. Es sind die Bedeutungsschwere und -vielfalt des ganzen Universums und des ganzen Menschengeschlechts seit den archaischen Anfängen, die in seinen Geschichten mitschwingen und durchschimmern. Aber nicht auf eine Weise, die den Leser erschlägt oder Handlung und Personen überfrachtet, sondern Universum und all die archaischen Grundströmungen der Menschen (Angst, Begehren, Freude) sind eingebunden in die Handlung und die Ebene der Personen, auf eine schillernde Weise.

Es lebt alles auf im Leben und Empfinden der Personen, und so ganz alltäglicher Personen, die so ganz alltägliche Schicksale haben. Das ist vielleicht das Besondere an Updikes Personen, und deshalb sind sie so sensibel und, beinahe, hellsichtig.

Das andere ist die Sexualität. Schwer auszudrücken. Es ist die Differenziertheit. Und das mitschwingende Archaische, das Urerlebnis. Die gleichzeitige Reduktion auf „Mann und Frau” und die größte Differenzierung und Komplexität von Handlung und Erleben der Personen.

Es ist alles auch: das Göttliche, das Große im Kleinen, Unscheinbaren.”

Peter Eisenburger, 19. Februar 1990.

Erstausgabe: The Centaur. Alfred A. Knopf, New York 1962.

Abgebildete Ausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1966. Deutsche Erstausgabe.


Über John Updike

Wenn man John Updike vorstellen will, gibt es viele herausragende Werke, und ich habe alle gelesen. Einige der besten sind „Couples” (1968), „Roger’s Version” (1986) oder das famose Spätwerk „Villages” (2004). Oder eine der Sammlungen von wundervollen Erzählungen, am besten der bewegende und grandiose Band „My Father's Tears and Other Stories” (2009).
Jeder weiß, dass trotz allem nur die Rabbit-Romane in Frage kommen.

„Rabbit, Run” (1960) ist der erste Teil der im Laufe von drei Jahrzehnten entstandenen Tetralogie. Es folgten „Rabbit Redux” (1971), „Rabbit is Rich” (1981) und „Rabbit at Rest” (1990).
Der poetische Stil ist schwer ins Deutsche, das einen ganz anderen Klang als Englisch hat, zu übersetzen. Jahrelang dachte, dass die Übersetzerin Maria Carlsson hervorragende Arbeit geleistet hat. Aber ein Vergleich bei „Rabbit, Run” zeigt, dass sie sich doch einige Freiheiten herausgenommen hat. Einige Passagen sind geradezu entstellt. Das Zitat oben („Gezeiten aus Stein”) ist zum Beispiel frei erfunden und ersetzt mehrere, eigentlich viel schönere Sätze des Originals.

Bleibt also die Folgerung, Updike im Original zu lesen..
Dafür sind die kon-genialen Titelillustrationen der Rowohlt-Editionen, die Aquarelle von Hans Hillmann, besser als die der amerikanischen Originalausgaben.

Bleibt noch ein Nachtrag. Was Updike wie kein anderer Autor macht, ist die unerbittliche, gnadenlose Offenlegung der Schwächen und Fehler, der ganzen Erbärmlichkeit seiner Personen, aber auch wieder ihrer Liebenswürdigkeit. Ich glaube (im wahrsten Sinne), so sieht Gott die Menschen: voller Zorn, aber auch voller Barmherzigkeit und Liebe.

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Hochgeladen am 21. März 2021.

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