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Fritz Fischer
Griff nach der Weltmacht

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Fritz Fischer
Griff nach der Weltmacht.
Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918.


„Griff nach der Weltmacht” ist  das vielleicht wichtigste und einflussreichste, „wirkungsmächtigste” Buch der deutschen Geschichtsschreibung. Sein Autor, der Hamburger Historiker Fritz Fischer (1908–1999), wurde verfemt und überall ausgeschlossen (was man heute „Cancel Culture” nennt), als das Buch 1961 erschien, hatte er es doch gewagt, mit unbestreitbaren Dokumenten die überwiegende Schuld des Deutschen Reiches am „Ausbruch” des Ersten Weltkrieges zu belegen. Planmäßig. so die schwerwiegenden Indizien, wurde dieser vorbereitet und in einem günstigen Augenblick „vom Zaun gebrochen” (wie Fischer es in der „Zeit” formulierte), um die lange gehegten Pläne zur Weltmachtstellung umzusetzen.

Die These der deutschen Kriegsschuld war bisher nur von Sozialdemokraten angeführt worden. Fritz Fischer war aber ein Mitglied der bürgerlichen deutschen Historikerzunft – das war ja gerade das Ungeheuerliche. Ein Nestbeschmutzer.

Seit der „Fischer-Kontroverse”, einer der zahlreichen, mit besonderer Verbitterung geführten Historiker-Streits, ist in bestimmten Abständen auch immer wieder die deutsche Kriegsschuld diskutiert worden, zuletzt zum hundertsten Jahrestag des „Ausbruchs” des Ersten Weltkrieges, als unter anderem der australische Historiker Christopher Clark in den „Schlafwandlern” behauptete, Europa sei 1914 wie im Traum, ohne dass es irgend jemand wirklich wollte, in den Krieg „hineingeschlittert”.

Alle diese neueren Schriften vermögen das meines Erachtens zentrale Dokument der Vorgeschichte des Krieges nicht zu entkräften, das Fischer vorlegte, nämlich den sogenannten „Blankoschecks” (S. 56-72), mit dem das kaiserliche Deutschland seinen engen Bündnispartner Österreich-Ungarn nicht nur ermächtigte, sondern geradezu drängte, Serbien mit einem Ultimatum unerfüllbare Forderungen zu stellen – wohl wissend, dass sich Deutschland daraufhin im Krieg mit Serbiens Verbündetem Russland und mit Russlands Verbündetem Frankreich befinden würde. Dass wiederum Frankreichs Verbündeter England stillhalten würde, war nicht mehr als eine tollkühne – und trügerische Hoffnung.

In einem weiteren, 1969 vorgelegten Werk mit dem Titel „Krieg der Illusionen” vertiefte Fischer seine Forschungen mit dem Nachweis, dass die deutsche Außenpolitik bereits Jahre vor dem „Kriegsausbruch” 1914 systematisch daraufhin gearbeitet hatte, ein Großdeutsches Reich mit Weltmachtstellung aufzubauen und den Krieg vorzubereiten.

Als Student las (hatte) man natürlich die Taschenbuchausgabe. Dass dabei mehrere aufklappbare Karten, zahlreiche Portraitfotos der handelnden Personen und das Literaturverzeichnis weggefallen waren, wusste man nicht.

Erstausgabe: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Droste Verlag, Düsseldorf 1961. 896 Seiten. DM 34,80.

Taschenbuchausgabe: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18.
Athenäum-Verlag, Kronberg/Ts. 1979. Athenäum-Droste-Taschenbücher Geschichte 7203. 575 Seiten. DM 16,80.

Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911–1914. Athenäum-Verlag, Kronberg/Ts. 1978. Athenäum-Droste-Taschenbücher Geschichte 7208. 806 Seiten. DM 16,80. (Erstausgabe: Droste Verlag, Düsseldorf 1969.)

Text des Blankoschecks in:
Winfried Baumgart (Bearb.): Die Julikrise und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Auf der Grundlage der von Erwin Hölzle herausgegebenen „Quellen zur Entstehung des Ersten Weltkrieges. Internationale Dokumente 1901–1914”. Quellentexte zur neueren und neuesten Geschichte. Texte zur Forschung. Band 44. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983. 241 Seiten. Hier S. 50–51. DM 43,00.

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Hochgeladen am 8. Februar 2022. Zuletzt aktualisiert am 17. Februar 2022.

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