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Francesca Woodman
San Francisco Museum of Modern Art

Francesca Woodman. San Francisco Museum of Modern Art.

Francesca Woodman.
Ausstellungskatalog San Francisco Museum of Modern Art.


Der vorliegende Band erschien anlässlich der Werkschau der amerikanischen Fotografin Francesca Woodman (1958–1981) in San Francisco und New York im Jahr 2012. Die Fotografien sind nach ihrem Entstehungsort und chronologisch in vier Kapitel unterteilt (Providence, Italien, New Hampshire, New York) und umfassen einen Schaffenszeitraum von 10 Jahren. Die Künstlerin starb im Alter von 22 Jahren durch Selbstmord.

Beeinflusst wurde Francesca Woodman vor allem durch den Surrealismus. Ihr Werk ist mehr als beeindruckend und erfährt nun die ihm gebührende Aufmerksamkeit. Die Diskussion, ob wir es bei digital aufgenommenen und manipulierten Fotografien noch mit „Kunst” zu tun haben, mag müßig sein. Die analogen Fotografien von Francesca Woodman erfüllen jedenfalls diesen Anspruch in hohem Maße.

Die Arbeiten, fast ausschließlich in Schwarzweiß und zumeist Selbstportraits, stellen eine Mischung aus Fragilität, Erotik und Morbidität dar. Gleich die erste Tafel zeigt ein in seiner Offenheit, Verletzlichkeit und Radikalität für Menschen meiner Generation zutiefst verstörendes Foto.

Blättert man weiter durch den Band, zeigt sich Francesca Woodman immer wieder als ein Wesen auf der Schwelle zwischen Leben und Tod. Die Künstlerin portraitiert sich selbst als im Übergang begriffen, als „dazwischenstehend” – zwischen den Menschen mit ihren lebendigen, warmen Körpern und einer verrottenden Welt der Dinge, der verlassenen Häuser, der Wände mit bröckelndem Putz, den zerrissenen, verblichenen Tapetenbahnen, den staubigen, von Abfall übersäten Böden.

Gruselig die Umarmung des Schaukastens mit dem fossilen Tierschädel (20). Hier umarmt sie den Tod, dem sie sich wenige Jahre später hingeben wird.

In dieselbe Kategorie fällt das Bild mit dem verkohlten Umriss eines Menschen auf dem Boden (27).

Die Aufnahmen aus Italien.

Neben einigen Außenaufnahmen wieder ein schmutziger, aber diesmal enger Raum (66), der wie ein Stall wirkt und die Künstlerin darin wie ein nacktes, gefangenes Tier. Blut an der Wand (86), verschüttete Milch auf dem Boden (88). Wieder diese Verlorenheit.

Dann Arbeiten aus den USA. Manchmal denkt man, Francesca ist nicht mehr in dieser Welt und schaut schon aus dem Jenseits herein (122). –

Die Fotos sind handwerklich meisterhaft inszeniert. Francesca Woodman, die vorzugsweise Mittelformate verwendete, arbeitete unter anderem mit sehr langen Belichtungen, um die gewollten Effekte zu erzielen. Gegen Ende ihres Schaffens experimentierte sie mit Belichtungszeiten von mehreren Stunden.

Der vorliegende Band (in englischer Sprache) ist vorzüglich gedruckt und editiert.
Dankenswerterweise hat man auf Hochglanzpapier verzichtet. Ebenso war es die richtige Entscheidung, die Schwarz-Weiß-Fotografien im Originalformat abzubilden und keine Vergrößerungen vorzunehmen.

Der Band schließt mit zwei kunstgeschichtlichen Essays, von denen vor allem der erste von Corey Keller vom San Francisco Museum of Modern Art sehr lesenswert ist.

Empfehlenswert ist auch der Artikel „The Long Exposure of Francesca Woodman” von Elizabeth Gumport in „The New York Review of Books” aus dem Jahr 2011. Auszug (Übersetzung PE):

„Selbstportraits, einst eine Herausforderung, sind nun die am einfachsten herzustellenden Bilder. Wir sehen nur unser Laptop an und es macht einen Schnappschuss oder nimmt ein Video auf. So gesehen ist Fotografieren dasselbe wie nicht Fotografieren, und aufgenommen zu werden, geschieht einfach so, wir lehnen uns zurück oder tippen oder stehen auf und gehen weg. Zunehmend werden wir unfähig, die Herstellung eines Bildes als besonderen, für sich stehenden Moment wahrzunehmen, und viele der Bilder, die wir sehen, sind es so wenig wert, sich an sie zu erinnern, wie die Begleitumstände ihrer Entstehung. Vielleicht findet Woodman, die in ihrem ganzen Leben weniger Fotos machte, als heute in einer Sekunde auf Facebook hochgeladen werden, deshalb in der letzten Zeit unsere Beachtung.”

Doch wieder zurück zum vorliegenden Band.

Corey Keller gebraucht in seinem Essay den Begriff „dematerialisation” für das, was auf den Fotos der Francesca Woodman geschieht. Ich würde es etwas anders formulieren: nicht Dematerialisierung, sondern Übergang von der lebenden in die tote Materie.

Alle kunsthistorischen und soziologischen Erörterungen kommen aber, wie ich finde, über eines nicht hinweg: die tiefe Trauer im Werk der Francesca Woodman.

Peter Eisenburger, 12. Juni 2012.

Francesca Woodman. Museum of Modern Art, San Francisco 2012. 224 Seiten. £ 22,75. Antiquarischer Wert heute: über EUR 200.

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Hochgeladen am 7. März 2022. Zuletzt aktualisiert am 12. März 2022.

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