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Eduard Bernstein
Die Voraussetzungen des Sozialismus

und die Aufgaben der Sozialdemokratie

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Eduard Bernstein
Die Voraussetzungen des Sozialismus
und die Aufgaben der Sozialdemokratie


Die erste politische Abhandlung, die ich las. Ich war 16.

Als aktives Mitglied der Jungsozialisten vertrat ich den „demokratischen Sozialismus”. Deshalb bereitete mir die Reihe „Texte des Sozialismus und Anarchismus” bei allem Interesse etwas Unbehagen. Von marxistischer Seite aus waren Anarchisten wildgewordene Kleinbürger. Abgesehen von den verrückten und abzulehnenden Methoden des individuellen Terrors konnte es eine Gesellschaft ohne irgendwie organisierte Herrschaft („An-archie”) nicht geben.

Die Reihe war von Rowohlt im Fahrwasser der Studentenbewegung 1969 aufgelegt worden und präsentierte sich in effektvoller roter Schrift auf schwarzem Grund.

Den guten Eduard Bernstein vom rechten Flügel der Sozialdemokratie hier einzuordnen, war wohl eher ein Versehen oder es fand sich kein anderer Platz. Denn weit überwiegend wurden in der Reihe tatsächlich Texte von kommunistischen und anarchistischen Theoretikern aufgelegt.

Genauso daneben lag man mit dem Portraitfoto, das Bernstein als alten Opa wenige Monate vor seinem Tod 1932 zeigte. Vielleicht sollte er als weiser Mann dargestellt werden. Das Buch erschien hingegen 1899. Realistischer ist das 1895 aufgenommene Bild, das ich auf dieser Seite zeige.

Wichtig war es allerdings, diese Schrift zugänglich zu machen, denn es war eine der wichtigsten, vielleicht *die* wichtigste, in der Entwicklung der Sozialdemokratie.

In der heftigen programmatischen Debatte der SPD um die Jahrhundertwende gab es drei Flügel.

Der theoretische Kopf der „Revisionisten” war Eduard „Ede” Bernstein. Im vorliegenden Buch analysierte er die Entwicklung des Kapitalismus in Deutschland in den drei Jahrzehnten nach der Reichsgründung und kam zum Schluss, dass zentrale Vorhersagen von Marx nicht eintrafen. Es kam nicht zu einer Verelendung der Arbeiterklasse, im Gegenteil, zu einer stetigen Verbesserung ihrer Lage. Es kam auch nicht zu einem Rückgang kleiner und mittlerer Unternehmen, sondern im Gegenteil zu einer verstärkten Gründung und Prosperität mittelständischer Firmen. Schließlich ließ sich auch kein „tendenzieller Fall der Profitrate” (das wichtigste Marx’sche Gesetz, das aber die wenigsten kennen) feststellen, sondern eher deren Steigerung.

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Eduard Bernstein im Jahre 1895. Quelle: dhm.

Somit müsse auch die politische Praxis der Sozialdemokratie an veränderte Gegebenheiten angepasst werden. Vor allem herrsche in Deutschland keine revolutionäre Situation. Das Ziel des Sozialismus behielt Bernstein aber in den Augen.

Der einflussreiche „zentristische” Flügel um den Österreicher Karl Kautsky ließ auf der einen Seite keine Veränderungen der Lehren von Marx zu, die wie eine Religion behandelt wurden. In der Praxis war diese breite Mitte der Sozialdemokratie aber reformorientiert und arbeitete in den Parlamenten, auch auf Länder- und kommunaler Ebene, erfolgreich an der schrittweisen Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse.

Der radikale linke Flügel um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hielt an der Vorbereitung und dem Ziel der Durchführung einer gewaltsamen sozialistischen Revolution fest. Rosa Luxemburg glaubte aber eher an die spontane Erhebung der Arbeitermassen, an Generalstreik (in diesem Punkt unterstützt von Bernstein) und Selbstorganisation und lehnte die putschistische Taktik einer kleinen Minderheit ab. Das unterschied sie von den Bolschewiki.

Dann passierte etwas Verblüffendes. Als die SPD die Kriegskredite zur Führung des 1. Weltkrieges genehmigen sollte, verbündeten sich die ehemals harten Kontrahenten. Die Kriegsgegner Eduard Bernstein und Rosa Luxemburg gründeten zusammen die USPD, die linke Abspaltung von der SPD, und verweigerten im Gegensatz zur großen Mehrheit der sozialdemokratischen Abgeordneten die Mithilfe an der Finanzierung des Krieges.

Als 1919 die KPD gegründet worden war und daraufhin die USPD zerfiel, kehrte Bernstein zur MSPD zurück. Seine Genossen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht lebten zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr.

Was ich lange nicht wusste: Eduard Bernstein erklärte bereits im März 1919 im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum 1. Weltkrieg während einer Diskussion mit dem Bankier Warburg ganz klar und unmissverständlich, dass Deutschland und Österreich die Schuld am Ausbruch des 1. Weltkrieges zukomme (Friedrich-Ebert-Stiftung, S. 31–32).

Damit bewies er wieder, was ihn auszeichnete: Analytisches Denkvermögen, innere Unabhängigkeit und Unbeugsamkeit.

Meine frühen politischen Richtungsentscheidungen gehen sehr stark auf diesen Mann zurück, auf Eduard „Ede” Bernstein.

Erstausgabe: J. H. W. Dietz, Stuttgart 1899. 188 Seiten.

Neuausgabe: Texte des Sozialismus und Anarchismus. rororo Klassiker 252–254. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1969 (14.-18. Auflage 1970). 252 Seiten. DM 4,80.

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Hochgeladen am 21. Dezember 2021. Zuletzt aktualisiert am 8. Februar 2022.

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