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Günter Grass
Die Blechtrommel

Günter Grass: Die Blechtrommel

Günter Grass
Die Blechtrommel


Günter Grass war neben Heinrich Böll das moralische Gewissen der alten Bundesrepublik. Unvergessen seine Wahlkampfauftritte für Willy Brandt und die „EsPeDe”.

Viel an Achtung, für manche jede Achtung verlor er durch sein erst 2006 und damit sehr spätes und zu spätes Eingeständnis, sich als junger Mann freiwillig zur faschistischen Terrororganisation Waffen-SS gemeldet zu haben. Er habe aber nicht selbst geschossen, sondern nur „nachgeladen”.

Dennoch ist die „Blechtrommel” ein epochales, ganz unvergleichliches Werk. Danach kam allerdings nicht mehr viel. Das zweite Werk der „Danziger Trilogie”, die Novelle „Katz und Maus”, hatte noch was, aber die „Hundejahre”, wie vieles, was Grass danach veröffentlichte, sind für mich fast unlesbar.

Hier meine Aufzeichnungen:

So viel Leben in diesem Buch. Familienleben (Grass blickt hinter die Fenster des kleinbürgerlichen Lebens), politisches Leben.

Genial die Konstruktion des „Oskar”. Mit ihm gelingt es Grass, das Verborgene, das Triebhafte, das Tabuisierte aufzudecken.

Oskar, der Kleinwüchsige, erlebt Geschichte. Für den Roman vereinigt er in seiner Person mehrere Funktionen:

– Er ist das ewige Kind, aber (schon von Geburt an?) begabt mit Erwachsenenverstand, und kann in einer eigentümlichen Doppelrolle als kindhafter Erwachsener oder erwachsenes Kind die Welt der Erwachsenen als Teilnehmer, aber trotzdem aus kritischer und ironischer Distanz betrachten. Dazu paßt die ironische Sprache des Buches.

– Er erlebt Dinge und vollzieht Handlungen, die tabuisierte Phantasien betreffen. Z. B. mitschwingende Homosexualität in der Verehrung nackter Jesusgestalten in der Kirche bzw. homosexuelle Handlungen von Kindern: Oskar befühlt das „Gießkännchen” des nackten Jesuskindes und spürt daraufhin deutlich sein eigenes. Oder Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen: die tolle Passage mit dem Brausepulver; und dabei geht es nebenbei auch um Sexualität zwischen „Normalen” und „Behinderten”. In dem Roman werden Tabus gleich reihenweise gebrochen. Auch Wünsche wie zerstören zu können, mächtig zu sein, kindliche Wünsche, kommen ja im Glaszersingen zum Vorschein.

– Oskar steht auch für den Schriftsteller, ja für den Künstler schlechthin. Der Künstler will dem Menschen und der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, Unbewußtes, Verdrängtes bewußt machen. Das macht Oskar mit seiner Trommel. Er trommelt sich selbst immer wieder Erinnerungen zurück, so wie man es auch durch das Schreiben machen kann. Und er weckt bei anderen durch sein Trommeln die Erinnerungen. Aber auch immer wieder Ärger. Oft genug wird sein Trommeln als Ärger empfunden.

Mit Oskar hat Günter Grass sich ein Mittel geschaffen [...], 30 Jahre deutsche Geschichte aus der Sicht des „kleinen Mannes” (in doppelter Wortbedeutung) auf ironische, persiflierende, vielfach gebrochene Weise zu erzählen. Das Leben aus der Sicht eines „zu kurz Gekommenen”, der trotzdem seine Lebenschancen nutzt. Geschichte nicht verkürzt als politische Geschichte verstanden, sondern Geschichte von Lebensverhältnissen, von Alltagsleben, mit seiner ganzen Sinnenfreude, seiner Komik, aber auch seiner Banalität, Brutalität und Tragik.

Sprachlich ein absolutes Meisterwerk.

Peter Eisenburger, 30. Mai 1989.

Die Blechtrommel

Abgebildete Ausgabe:

Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main o. J. (ca. 1988). 792 Seiten.

Erstausgabe dieser kommentierten Auflage: Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied 1987.

Erstausgabe: Luchterhand Verlag, Neuwied 1959.  736 S.

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Hochgeladen am 12. Juni 2021.

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