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Hans-Ulrich Wehler

Deutsche Gesellschaftsgeschichte

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Hans-Ulrich Wehler
Deutsche Gesellschaftsgeschichte
5 Bände


Hier handelt es sich nach meinem Dafürhalten um das moderne Standardwerk zur neueren deutschen Geschichte. Nachdem ich schon den 5. und letzten Band der „Deutschen Gesellschaftsgeschichte” mit großem Gewinn gelesen hatte, habe ich mich entschlossen, mir die komplette Reihe vom ersten Band an vorzunehmen. [...]

Band 1 umfasst offiziell zwar den Zeitraum von 1700 bis 1815, jedoch holt Wehler zunächst weit bis in die frühe Neuzeit aus, um den Faden aufzunehmen.

„Weit ausholen” ist auch die richtige Bezeichnung für das, was Wehler methodisch macht. Um seine Herangehensweise und Methodik zu erläutern, werden zu Beginn des ersten Bandes rund 25 Seiten gebraucht. Am Anfang etwas lästig, aber man sollte dennoch nicht darauf verzichten, um das Opus auch richtig – und hier meine ich „völlig richtig” – zu verstehen.

Wehlers Ansatz ist multikausal. Er sieht die Gebiete Ökonomie, Politik und Kultur mit einer begrenzten Autonomie und der Fähigkeit, die historische Entwicklung voranzutreiben und auf die jeweils anderen Komponenten einzuwirken. Damit richtet sich Wehlers Ansatz gegen den vulgärmarxistischen Primat der Ökonomie. Auf dieser Grundlage entwickelt Wehler ein noch feineres Interpretationsmuster, das hier nicht weiter dargestellt werden soll, wie ich überhaupt nur auf die für mich wichtigsten Aspekte eingehe.

Umfang und Detailgenauigkeit des Werks sind überwältigend. Dabei verliert sich Wehler aber nie im Detail und webt immer wieder den Hintergrund der großen Zusammenhänge ein. Bei der ungeheuren Materialfülle fragt man sich nur, ob der Autor die Zehntausenden, wenn nicht Hunderttausenden Seiten der verwendeten Literatur alle selbst gelesen und verarbeitet hat und inwieweit wissenschaftliche Mitarbeiter und Doktoranden zugearbeitet haben.*

Wehlers Stil hält genau die Grenze zwischen Lesbarkeit und wissenschaftlichem Anspruch. Formulierfreude und Leidenschaft in der Auseinandersetzung mit anderen wissenschaftlichen Positionen sind überaus deutlich. Teils wird Wehler geradezu süffisant, vor allem, wenn es um die Abkanzelung wissenschaftlicher oder historischer Personen geht. Am „überschätzten” Freiherr vom und zum Stein lässt er z. B. kaum ein gutes Haar.

Dreh- und Angelpunkt dieses Teils der deutschen Geschichte ist für Wehler die Französische Revolution mit ihren massiven direkten als auch indirekten Auswirkungen auf Deutschland. Durchaus spannend wird die Aufholjagd Deutschlands in der nur teilweise gelungenen „defensiven Modernisierung” beschrieben.

Ohne weiteres lassen sich auch einzelne Kapitel des Buches separat lesen. Hochinteressant fand ich z. B. die Abschnitte, die sich der Entwicklung des Schul- und Hochschulwesens widmen, in denen Wehler, wie auch an anderer Stelle des Buches, mit einigen Mythen aufräumt.

Einzelne Abschnitt sind so gelungen, dass sie mit Fug und Recht eine eigene kleine Veröffentlichung verdient hätten. So ist etwa die Darstellung der Entstehung des deutschen Nationalismus als brillant zu bezeichnen. –

Noch einiges zur Edition. [...] Wehler verzichtet darauf, die Belegstellen direkt als Nachweis mit Fußnoten anzuführen (was jemand wie er sicher darf) und gibt stattdessen jeweils nach einigen Sätzen oder Absätzen seine Quellen nur summarisch an. Das gilt häufig auch für Zitate. [Edit 22. 2. 22: Das wird in mehreren Besprechungen teils scharf kritisiert und damit die „Wissenschaftlichkeit” des Werkes in Abrede gestellt oder relativiert. Wehler ging sonst mit den Anmerkungen und Belegen normalerweise nicht so um. Zum Beispiel in „Modernisierungstheorie und Geschichte”, was ich gerade lese, nehmen die wie üblicherweise bei ihm sehr genau und sorgfältig geführten Anmerkungen rund ein Viertel des gesamten Textumfangs ein. Das wären bei der „Deutschen Gesellschaftsgeschichte” 1200 Seiten nur für den Anmerkungsapparat. Wem sollte das zuzumuten sein? Ganz offensichtlich handelte es sich doch um einen editorischen Kompromiss, um die fünf Bücher für ein breites Publikum lesbar zu machen und den Umfang – auch aus Kostengründen – nicht vollends zu sprengen. Wenn man bestimmte Veröffentlichungen sieht, bei denen der Anmerkungsapparat umfangreicher ist als der Haupttext, versteht man das. Auch ich praktiziere diese Unart gelegentlich.]

Zum Abschluss des Bandes haben mich einige Passagen sehr nachdenklich gemacht, in denen Wehler beschreibt, wie die Menschen um 1800 herum die damalige Zeit wahrgenommen haben. Er zitiert u. a. Johanna Schopenhauer, die 1839 schrieb: „Mit verdreifachter und vervierfachter Schnelle gehen Leben und Reisen;... sogar die Stunden galoppieren” im Vergleich mit „jener alten ehrlichen Zeit” vor 1789, „deren Gebräuche und Lebensweise uns jetzt so fern zu liegen scheinen, als wären sie durch Jahrhunderte von uns getrennt, obgleich seit ihrem völligen Erlöschen kaum fünfzig Jahre vorübergezogen sind”.

Was würden Menschen der damaligen Zeit über uns heutige Bürger im Zeitalter des Internet und der „Social Media” zu Beginn des 21. Jahrhunderts sagen? Wahrscheinlich würden sie glauben, wir sind verrückt.

27. April 2010

Ergänzung 22. 2. 22:

Mit diesem Werk fand ich 25 Jahre nach Beendigung meines Geschichte-Studiums und beruflichen Tätigkeiten in völlig anderen Bereichen wieder den Anschluss an den wissenschaftlichen Stand.

Heute würde ich die Besprechung nicht weniger positiv, aber viel differenzierter schreiben. Im ersten Kapitel meiner entstehenden Dissertation diskutiere ich ausführlich die von Wehler repräsentierte Gesellschafts- oder Strukturgeschichte, auch im Vergleich mit anderen Strömungen der Historiographie.

* Dadurch beschäftigte ich mich auch mehr der Person Hans-Ulrich Wehler. Tatsächlich war dieser ein unglaublich ausdauernder und harter Arbeiter, verständlich auch vor dem Hintergrund seiner kalvinistischen Siegerländer Herkunft (Freudenberg). Als Beispiel für seine Disziplin, seinen Fleiß, aber auch seine intellektuelle Kapazität sei genannt, dass er mal eben Polnisch lernte, als er es für seine Dissertation brauchte – wohlgemerkt gut genug, um wissenschaftliche und historische Texte fehlerfrei verstehen zu können.

Wehler war nicht nur wissenschaftlich-publizistisch ungeheuer proliferant, sondern hatte noch ein erfülltes Familienleben mit Ehefrau, drei Söhnen und acht Enkelkindern, trieb regelmäßig Sport (Handball und Schwimmen) – und liebte den Jazz .

Von den zahlreichen Nachrufen auf Wehler sei die interessante Sicht eines Engländers genannt: David Blackbourn: Memorial Hans-Ulrich Wehler (1931–2014). In: Central European History 47 (2014). S. 700–715.

Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte.
Verlag C. H. Beck, München.

Erster Band. Vom Feudalismus des Alten Reiches bis zur Defensiven Modernisierung der Reformära. 1700–1815.
676 Seiten. 4. Auflage 2006 (Erstauflage 1987). 49,90 EUR.

Zweiter Band. Von der Reformära bis zur industriellen und politischen „Deutschen Doppelrevolution”. 1815–1845/49.
914 Seiten. 3. Auflage 1996 (Erstauflage 1987). 98,00 DM.

Dritter Band. Von der „Deutschen Doppelrevolution” bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges. 1849–1914.
1515 Seiten. 2. Auflage 2006 (Erstauflage 1995). 59,00 EUR.

Vierter Band. Von Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten. 1914–1949.
1173 Seiten. 3. Auflage 2008 (Erstauflage 2003). 49,90 EUR.

Fünfter Band. Bundesrepublik und DDR. 1949–1990.
2008. 529 Seiten. 34,90 EUR.

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Hochgeladen am 22. 2. 22.

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