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Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Diesmal will ich nicht viele Worte verlieren. Wenn man kein Literaturwissenschaftler oder professioneller Rezensent der Feuilletons der großen Tageszeitungen ist, kann es leicht peinlich werden, zu diesem Werk etwas Kluges von sich geben zu wollen. Jedenfalls ein epochales Werk. Für mich das bedeutendste Stück Literatur des europäischen 20. Jahrhunderts.

Ich wollte „Á la recherche du temps perdu” schon immer lesen. Aber bei dem gewaltigen Umfang des Werkes (in meiner Ausgabe 5260 Seiten, meist sehr dicht und komplex geschrieben; es gibt Sätze, die über mehrere Seiten gehen) musste erst die richtige Lebensphase dafür anbrechen. Und das war wohl der Fall, als ich 2012 durch Paris lief, mit dem ersten von sieben Bänden unterm Arm.

Seitdem las ich für acht Jahre „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”.

Viele Leser scheitern schon am ersten Teil des ersten Buches „Unterwegs zu Swann” („Du côté de chez Swann”). Dieser Beginn des Werkes, „Combray”, ist etwas sperrig und muss einfach überwunden werden. Schon im zweiten Teil dieses Bandes, „Eine Liebe von Swann” („Un amour de Swann”) wird man dann voll und ganz entschädigt.

Für die Lektüre habe ich mich für die wunderschöne, rosafarbene (natürlich passend zur „Dame in Rosa”, i. e. Odette de Crécy; die ich übrigens prompt in anderer Gestalt kennenlernte, aber leider fehlten mir die finanziellen Mittel von Charles Swann) Suhrkamp-Edition in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens entschieden, herausgegeben und überarbeitet von Luzius Keller. Dieser hat allerdings die ungute Eigenart, in den Anmerkungen schon mal üble Spoiler unterzubringen. Ganz beiläufig erfährt man so mitten im Werk, welches Schicksal einige Protagonisten wie Albertine und Baron de Charlus am Ende der Handlung nehmen.

Der Text galt lange als unübersetzbar, mehrere Übersetzer sind gescheitert. Eva Rechel-Mertens und Luzius Keller haben sicher ihre Aufgabe mit Bravour gemeistert („in nur vier Jahren”), aber eine polyglotte, hochgebildete Freundin sagte mir, der Originaltext sei doch noch anders, wie eine eigene Sprache für sich. Es gibt jetzt nochmals eine neue Übersetzung, aber ich bleibe bei meiner Ausgabe.

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Ab und zu machte ich mir Notizen oder hielt Zitate fest, so nach der Lektüre des zweiten Bandes, „À l’hombre de jeunes filles en fleures” (“Im Schatten junger Mädchenblüte”):

Marcel Proust hat diesen Band in zwei Bücher unterteilt. Im ersten Buch „Autours de Madame Swann” folgen wir dem Leben von Odette de Crécy (jetzt Odette Swann) und ihrem früheren Geliebten und jetzigen angetrauten Mann Charles in der Pariser Gesellschaft des fin de siècle. Der kleine Marcel erlebt hier seine Liebesabenteuer mit Gilberte, der Tochter von Charles und Odette. Oh nein, was sie alles mit ihm anstellt!

Das zweite Buch „Nom de pays: Le Pays” führt uns in den fiktiven normannischen Küstenort Balbec (ich stelle mir Étretat darunter vor), wo in bezaubernder Weise das sommerliche Leben an einem solchen Badeort geschildert wird – mit allem, was dazugehört.

Hier lernt Marcel auch das Mädchen Albertine kennen. Ganz eindrücklich und unnachahmlich die subtilen, überaus sensiblen und facettenreichen Darstellungen der Gefühlswelt des Protagonisten. Ein Beispiel die Passage beginnend auf S. 748 (Suhrkamp 1995) mit „Es war mit Albertine wie mit ihren Freundinnen” bis zur S. 750 „von denen sich Albertine wie eine weitere Nymphe abzeichnete.”

Ganz köstlich und vielleicht die schönste und schriftstellerisch beste Stelle des ganzen Werkes ist die Passage in “La Prisonnière” (“Die Gefangene”), wo Marcel die schlafende Albertine beschreibt, ihre Körperhaltung im Schlaf, ihre Bewegungen beim Träumen, ihr Gesicht, das leichte Atmen, all das... (S. 94–99).

Der erste Band endet so (S. 616):

“Die Stätten, die wir gekannt haben, sind nicht nur der Welt des Raums zugehörig, in der wir sie uns denken, weil es bequemer für uns ist. Sie waren nur ein schmaler Ausschnitt aus den einzelnen Eindrücken, die unser Leben von damals bildeten; die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist nur wehmutsvolles Gedenken an einen bestimmten Augenblick; und die Häuser, Straßen, Avenuen sind flüchtig, ach! wie die Jahre.”

Der Schluss dieses Zitates wurde oft missverstanden. Es bezeichnet nur eine vorübergehende, momentane Verzweiflung. Aber nach Marcel Proust ist es gerade die beständige Erinnerung, oft unwillkürlich ausgelöst durch Gerüche, Geräusche oder sonstige unvorhersehbare Dinge des Alltags, die das Wesen des menschlichen Lebens (seine “Essenz”) und in gewisser Hinsicht auch seine Zeitlosigkeit ausmachen. Alles, was man erlebt hat, bleibt für immer da.

Die zweite Grundannahme der Proust’schen Psychologie ist die subjektive Erkenntnis von allem und jedem:

“Denn immer auf sie mußte ich wieder zurückgreifen, auf jene subjektiven Überzeugungen, die meist unsere Seelen unbewußt beherrschen und dennoch für unser Glück entscheidender sind als dieses oder jenes Wesen, das wir vor uns sehen; denn durch jene hindurch sehen wir es ja, sie und nur sie weisen diesem erblickten Wesen seine vorübergehende Bedeutung zu.”

Peter Eisenburger, 2013–2021.

Erstausgabe: Á la recherche du temps perdu. Bernard Grasset und Gallimard. Paris 1913–1927.

Die lange deutsche Editionsgeschichte nachzuvollziehen, ist an dieser Stelle zu langwierig. Die erste deutsche Übersetzung des ersten Teils von Rudolf Schottländer erschien 1926 im Verlag Die Schmiede, Berlin, unter dem Titel “Der Weg zu Swann” in zwei Bänden.

Abgebildete Ausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1994–2002. Zweite Auflage 2003. 7 Bände. Dünndruck. 5260 Seiten. 98,00 €. Aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens; revidiert von Luzius Keller.

Eine Liebe von Swann. Ein Film von Volker Schöndorff.

Eine Liebe von Swann. Ein Film von Volker Schlöndorff (1984).

Wie verfilmt man einen unverfilmbaren Stoff?

Man kann die Handlung raffen, Schwerpunkte bilden, Dialoge kürzen. Wichtiges von Unwichtigem trennen. Das ist alles klar.

Fragwürdig wird es aber schon, wenn Regisseur Schlöndorff Passagen, die an anderer Stelle des Gesamtwerks “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” vorkommen, in die Handlung von “Eine Liebe von Swann” einbezieht. Klar will der Regisseur hier etwas abrunden bzw. vielleicht ganz einfach filmbare Handlung einbauen, er verändert aber den Aufbau des Romans, bei dem sich Marcel Proust sicher was gedacht hat.

Dies alles mag man noch mit der künstlerischen Freiheit des Regisseurs erklären. Auch, dass er Charles Swann zum Ich-Erzähler macht, geht vielleicht noch an. Der viel schnellere Erzähl-Rhythmus – vieles kann man verstehen.

Und einiges ist ja auch gelungen. Insbesondere die Interieurs, die ganze Ausstattung, die Bildführung, die wunderbaren Farben und einige Szenen, in der in sensibler Weise eine Stimmung eingefangen wird, die der des Romans nahe kommt.

Ja, der Film hat seine Momente...

Aber sollte man die ganze Architektur des Romans umbauen? Das macht Volker Schlöndorff (auch am Drehbuch beteiligt), indem er nicht nur in Einzelfällen “umarrangiert”, sondern den zeitlichen Ablauf der Liebesgeschichte zwischen Charles Swann und Odette de Crécy massiv verändert.

Mehrmals plaziert Schlöndorff Szenen, die eigentlich Jahre auseinander liegen, auf denselben Abend. Madame Cottard, die Charles Swann den wahren Charakter von Odette de Crécys Beziehung zu ihm eröffnet, tut dies eben erst zum Abschluss des Romans und nicht an dem Opernabend, nachdem Odette Charles versetzt hat.

Und wenn eine entscheidende Szene (Odette wird als “Kokotte” decouvriert, die es auch mit Frauen treibt) an den Anfang gezogen wird, diese Konversation im Roman aber gegen Ende hin steht und der Geschichte zwischen den beiden erst dann die entscheidende Wende und den (vorläufigen!) Abschluss gibt und Protagonist Charles Swann ins Bodenlose stürzen lässt, dann hat der Regisseur den Stoff doch mehr als nur interpretiert. Er hat den Ablauf von Handlungssträngen verändert und dadurch die Aussage, wie ich meine, verfälscht. Die ganze Entwicklung einer Liebe, die Beschreibung der sich ständig verändernden und unaufhaltsam entwickelnden Gefühlswelt seines Helden, von Marcel Proust so unnachahmlich dargestellt und die Substanz des Romans “Un amour de Swann” bildend, kann überhaupt nicht zum Thema gemacht werden, soll es auch nicht, weil es Schlöndorff um andere Sachen geht.

Kann dann noch die Zeichnung der Charaktere und ihrer Beziehung zueinander gelingen?

Odette de Crécy habe ich mir zwar anders vorgestellt, jedoch ist diese Rolle nach meinem Dafürhalten mit der italienischen Schauspielerin Ornella Muti grandios besetzt, wobei mir die deutsche Synchronstimme mit ihrer heiser-brüchigen Anmutung besser gefällt als die französische.

Die Portraitierung von Charles Swann, besetzt mit dem britischen Schauspieler Jeremey Irons, ist hingegen nicht gelungen, was wohl am wenigstens an Irons selbst liegt. Zunächst ein guter Einstieg. Die Szene im Konzert, Charles erschüttert beim Klang der Violine, die erlöschende Flamme – das ist der Charles Swann von Marcel Proust.

Leider wird der Ansatz nicht durchgehalten. Charles, bei Marcel Proust ein melancholisch-sensibler und nachdenklicher Mensch, mutiert in Schlöndorffs Film zum ständig nach Ausschweifungen suchenden und teils linkischen, teils steifen Griesgram. Der Tiefe und Sensibilität, v. a. der Entwicklung des Charakters durch die Beziehung zu Odette, wird dies nicht gerecht.

Völlig vergriffen hat sich Schlöndorff bei der Darstellung der Sexualität der beiden Protagonisten.

Auch hier fing es so gut an. Die bebende Brust von Odette, das sinnliche Cattleya-Spiel (“faire cattleya”).... Dass aber Charles zwar nachts, doch in offener Kutsche auf einer beleuchteten Avenue im Paris des 19. Jahrhunderts die Brust einer Dame entblößen und liebkosen würde? Wohl kaum! Schon gar nicht in der Vorlage.

Dann gibt es eine für die Verhältnisse der 1980er Jahre äußerst freizügig dargestelle Szene im Bordell, wo Charles zynisch-gefühllos, lässig mit Zigarette im Mundwinkel eine Prostituierte von hinten nimmt. Auf dem Gesicht der Dirne zunächst der Anflug eines Schmerzes, dann Routine – das ist natürlich nicht der Charles Swann von Marcel Proust.

Im Original steht hier: "Und dann verbrachte er eine Stunde in melancholischem Gespräch mit einem armen Mädchen, das sich wunderte, daß er weiter nichts wollte". Was für eine Entstellung, Herr Schlöndorff.

Auch da, wo eine Bettszene gelungen, glaubhaft und an sich wunderbar gespielt (?) ist, hat es doch wiederum mit dem Roman herzlich wenig zu tun. So geht es in einem fort.

Und da Schlöndorff sich entschieden hat, in seinem Werk an Marcel Proust vorbei dem Sex in einer bestimmten Art eine prominente Rolle zuzuweisen, bezieht er dann noch völlig unpassenderweise Charles' Freund Charlus und dessen homosexuelle Abenteuer ein.

Und so bleibt aus dieser ganzen romantischen Proust'schen Welt, dieser Illustration, wie alles seine Bedeutung erhält durch Liebe und durch Beziehungen, dieser Beschreibung, was das eigentlich Menschliche an den Menschen ist, nicht viel vom ursprünglichen Sinn übrig. Aus Sensibilität und zarten Andeutungen werden Sex, Rohheit und platte Vordergründigkeit.

Auch in der Gesamtschau bleibt viel zu wünschen übrig. Wo Marcel Proust ein Sittengemälde mit all seinen Facetten und feinsten Schattierungen zeigt, geht es Volker Schlöndorff offenbar darum, in erster Linie Dekadenz, Verruchtheit und Zynismus der Pariser Oberschicht im fin de siècle darzustellen. Allzu sehr gehen die Zwischentöne verloren.

Sehr deutlich wird das zum Beispiel auch daran, wie Schlöndorff die Salongesellschaft der Verdurins in einer Weise lächerlich, boshaft und grotesk vorführt, wie Proust das in seiner feinen und ironischen Art gerade nicht tut (im Nachwort der Suhrkamp-Ausgabe von 1994 werden diese Passagen als "hinreißend komische Satire" bezeichnet). Bei Volker Schlöndorff bleiben davon nur noch Plumpheit und Abartigkeit übrig.

Ein übriges tut die düstere und unheilvolle Filmmusik, die sich ebenfalls in keiner Weise zu der zwar melancholisch gefärbten, aber doch auch immer wieder sinnlichen, heiteren und romantischen Vorlage fügen will.

Ich habe den Film bereits im Erscheinungsjahr 1984 gesehen und mochte ihn schon damals nicht. Heute weiß ich, dass das nicht Proust ist. Leider habe ich dafür fast 30 Jahre gebraucht.

* Edit 16. Mai 2016*
Dabei kann Schlöndorff es so viel besser. "Homo Faber" wurde zwar von der Kritik verrissen, ist aber doch ein wunderbarer Film. Nur, dass der Hauptdarsteller ein bisschen griesgrämig sein muss, gehört bei M. Schlöndorff scheinbar dazu.

* Edit 16. Juli 2021*
Noch viel schlechter ist die Verfilmung “Die wiedergefundene Zeit” des chilenischen Regisseurs Raúl Ruiz aus dem Jahre 1999. Da muss man sich fragen, ob Ruiz den Roman überhaupt gelesen bzw. verstanden hat oder ob er sich von einem Assistenten eine kurze Zusammenfassung hat schreiben lassen.

Peter Eisenburger, 3. April 2013.

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Hochgeladen am 17. Juli 2021.

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