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Westerburg

Das Stadtbild von Herborn

Das Städtchen Herborn liegt reizvoll zwischen Westerwald und Lahn-Dill-Bergland.  Schon vor 100 Jahren warb man als “Nassauisches Rothenburg”. Heute ist nach einer 40 Jahre währenden Sanierung ein Stadtbild wiederhergestellt worden, das sicher zu den schönsten in Deutschland zählt.

Herborn ist aus allen Himmelsrichtungen sehr gut erreichbar. Empfehlenswert ist der Parkplatz an der Kallenbachstraße. Von dort geht man aber nicht auf dem kürzesten Weg direkt in die Stadt, sondern zunächst rechts zum Schulberg hoch. Von dort gelangt man zur Evangelischen Pfarrkirche. Weiter geht es dann die lange Treppe hinunter in die Altstadt. Rechter Hand sieht man den grandiosen Gebäudekomplex der Hohen Schule. Links um die Ecke kommt dann der Marktplatz, von dem aus man alle anderen Plätze und Straßen sehr gut erreicht.

Es gibt ein riesiges Angebot an Cafés, Bistros und Restaurants. Man wird nach persönlichem Geschmack und Lage des Etablissements entscheiden. So der so: in Herborn herrscht eine himmlische Ruhe.

Anzahl und Zustand der Häuserzeilen und Gebäude sind überwältigend, auch in ihrer Vielfalt. Sehr effektvoll und überlegt wurden einzelne Bäume gesetzt, die sehr zum stimmigen Bild beitragen. Typisch für Herborn ist der Wechsel zwischen offenem Fachwerk und schieferverkleideten Fassaden. Schiefer ist ein typisches Baumaterial des Westerwaldes, der bekanntlich zu den Rheinischen Schiefergebirgen gehört. Hohe Anforderungen werden vom Denkmalschutz auch an die Eingangsbereiche der Läden und Cafés gestellt. Die Anpassung an das Ortsbild ist hier im Allgemeinen hervorragend gelungen.

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Herborn und die Geschichte

Herborn gehörte zur bedeutenden Grafschaft Nassau-Dillenburg. Diese Dynastie brachte Persönlichkeiten hervor wie Wilhelm I. (“der Schweiger”) von Oranien (1533–1584), den Helden des epochalen Freiheitskampfes der Niederlande, oder auch den englischen König Wilhelm III (1650–1702). Für die regionale Entwicklung am bedeutendsten war der als sehr fortschrittlich geltende Johann VI. von Nassau-Dillenburg (1536–1606).

Die Grafschaft hatte neben der Hauptresidenz in Dillenburg zwei weitere städtische Zentren: Siegen und Herborn. Herborn wurde durch die Nassauer Grafen gezielt zum Bildungszentrum ausgebaut und erlangte insbesondere durch die Hohe Schule europäische Geltung. Bedeutend war auch die Corvin’sche Druckerei, damals eine der wichtigsten in Deutschland.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts verlegte die Dynastie von Nassau-Dillenburg ihren Sitz nach Den Haag und nannte sich fortan “Oranien-Nassau”. Für die nassauischen Gebiete nördlich der Lahn wurde nur noch eine Bezirksregierung in Dillenburg unterhalten. So ging auch die Bedeutung von Herborn zurück. Die Hohe Schule hatte schon vorher an Strahlkraft verloren.

Literatur:

Heinrich Schlosser:
Die Bedeutung der Hohen Schule Herborn für die Geschichte des deutschen Geistes.
Nassauische Annalen 1935, S. 101-112.

Karl Pagenstecher:
Jugenderinnerungen des Dr. med. Heinr. Karl Alexander Pagenstecher (1799–1868).
Nassauische Annalen 1935, S. 113–138.

Rüdiger Störkel: Zur Geschichte von Schloß Herborn.
Nassauische Annalen 1999, S. 96–156.

Dehio. Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Hessen I.
Deutscher Kunstverlag. München 2008.

Rüdiger Störkel: Die Hohe Schule Herborn als Bildungsstätte einer reformierten Elite.
Nassauische Annalen 2017, S. 147–190.

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Die Hohe Schule Herborn:
einst eine Universität von europäischer Geltung


Johann VI. von Nassau-Dillenburg, unterstützt von Wilhelm dem Schweiger, gründete die Hohe Schule im Jahr 1584. Es war das Zeitalter der Glaubenskämpfe.

Die Protestanten hatten sich in zwei Richtungen gespalten: die Lutheraner und die Calvinisten, die sogenannten “Reformierten”. Nassau-Dillenburg wurde neben der Kurpfalz und dem Niederrhein eine der Hochburgen des Calvinismus in Deutschland. Von hier aus wurde auch maßgeblich der von Wilhelm dem Schweiger angeführte Unabhängigkeitskrieg der Niederlande unterstützt.

Zur Förderung der reformierten Lehre gründete Johann VI. die Hohe Schule als hochrangige Bildungsstätte der Calvinisten. Gleichwohl wurde die Hohe Schule nie von einem Kaiser als reguläre Universität anerkannt, weil die Reformierten nicht unterstützt sollten.

Dennoch gab es einen regulären Lehrbetrieb mit vier Fakultäten. Im Laufe der Jahre studierten hier 5700 Studenten aus ganz Europa. Unterbau der Hochschule war das “Pädagogium”, Vorläufer des heutigen Gymnasiums Johanneum.

Ab dem 18. Jahrhundert ging die Bedeutung der Hohen Schule stark zurück. Nassau-Dillenburg (jetzt: “Oranien-Nassau”) wurde inzwischen von Den Haag aus regiert und dort hatte man sicher andere Vorhaben. Als dann Napoleon kam (und somit Herborn zum Großherzogtum Berg gehörte), wollte er lieber in Düsseldorf eine Universität errichten.

Schließlich fand man sich 1815 im neugebildeten Herzogtum Nassau wieder, dessen Regierung in Wiesbaden der Förderung einer Universität im peripheren Nordosten desinteressiert gegenüberstand, um das Mindeste zu sagen.

Hinzu kam der Bedeutungsverlust der calvinistischen Strömung bei den Protestanten, denn die Reformierten schlossen sich 1817 in Nassau mit den Lutheranern zur Unierten Evangelischen Kirche zusammen. Wohl nicht aus reinem Zufall wurde die Hohe Schule Herborn in eben diesem Jahr geschlossen.

Heute beherbergt der vorbildich restaurierte Gebäudekomplex Hotel, Restaurant und das städtische Museum. 

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Bedeutende Professoren der Hohen Schule

Johann Heinrich Alsted (1588–1638).
Schrieb die erste deutsche Universal-
Enzyklopädie.

Johannes Althusius (1563–1638). Einflussreicher Jurist und bedeutender fortschrittlicher Staatstheoretiker.

Johannes Piscator (1546–1625).
Seine Bibelübersetzung galt lange als gleichwertig der von Luther. 

Der bekannteste Student war
Comenius (1592–1670), ein Pädagoge
von Weltgeltung.

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Der Marktplatz – pulsierendes Zentrum von Herborn

In Herborn gibt es viele Märkte: den Kornmarkt, den Holzmarkt, den Schuhmarkt, den (ehemaligen) Käsmarkt. Alle sehr hübsch. Aber keiner kann es mit dem zentralen Marktplatz aufnehmen, dem imposanten Zentrum von Herborn.

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Dominant ist das Rathaus mit Eckbau und Seitenflügel, erbaut 1589-91. Der quadratische Eckbau hat unten eine Halle. Das 4. Geschoss wurde erst nach dem Stadtbrand 1626 neu aufgesetzt. Neben der gesamten Form mit den aufgesetzten Türmchen sind die zwei Reihen mit den geschnitzten Bürgerwappen besonders schön.

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Evangelische Stadtkirche und Schloss Herborn

Von den steilen Hügeln herab dominierten in früheren Zeiten Kirche und Schloss das gesamte Stadtbild deutlich mehr als heute. Inzwischen wurde der Höhenzug auch weiter hinauf bebaut, und unten am Stadtrand sind viele große Gebäude errichtet worden.

Ohnehin hatten früher die fürstlichen und klerikalen Mächte sehr großen und beherrschenden Einfluss auf das Leben der Menschen. Dazu passte in Herborn durchaus die Lage.

Die Kirche, erstmals 1209 erwähnt, ist, wie es sich für eine protestantische Kirche gehört, schlicht und schön. Hier predigten während der Zeit der Reliogionskämpfe und aufgrund der Nähe der Hohen Schule bedeutende calvinistische Gelehrte. Leider ist die Kirche, wie es üblich geworden ist, außerhalb der Gottesdienste verschlossen.

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Sehr gelungen ist die gesamte Gestaltung des Kirchhofes: ein harmonisches Ensemble von historischen und neuen Gebäuden, im Zentrum die Skulptur “Evangelist” von Karl Steffens.

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Das Schloss war im Mittelalter neben Dillenburg und Siegen einer der Hauptsitze der nassauischen Gebiete nördlich der Lahn (“ottonische Linie”), hatte aber den Charakter einer Nebenresidenz. Der Bedeutungsverlust verstärkte sich mit der Verlagerung der Interessensgebiete der nassau-oranischen Fürsten in die Niederlande und wurde letztendlich besiegelt durch die Gründung des Großherzogtums Berg 1806 unter Napoleon.

Heute wird es von der Evangelischen Kirche genutzt, die hier ihr Theologisches Seminar eingerichtet hat. Im Sommer finden im Schlosshof Konzerte statt. 

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Fast jede Gasse, fast jedes Haus bietet noch mal viele Details, die einen eigenen umfangreichen Bildband füllen würden. Meine Lieblingsgasse in Herborn heißt “Breiter Winkel”.

Hausnummer 20. Ein hat Bürger in mühe- und liebevoller Arbeit ein kleines Paradies vor seiner Haustür geschaffen, an dem sich auch die Passanten erfreuen können. Beachtlich auch die Schnitzarbeiten an der Fassade.

Die Aufnahmen entstanden
Fronleichnam 2017, einem
herrlichen sommerlichen Tag.

Nikon D700, 50/1.4G, 28/1.8G.

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Eingangs zum “Breiten Winkel”: links das spanische Weinlokal Portomarin und rechts die schöne Stadtbibliothek.

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