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Hadamar
Hadamar Rathaus

Johann Ludwig von Nassau-Hadamar:
der bekannte und doch unbekannte Fürst


Wohl wenige Orte haben die Wechselfälle der Geschichte so erlebt wie Hadamar im Westerwald. Nicht nur das – Teile der Geschichte Hadamars sind oder waren lange Zeit weitgehend unbekannt. Andere Phasen werden verklärt.

Der Westerwaldort – eigentlich kaum mehr als ein größeres Dorf – war im 17. und bis ins 18. Jahrhundert Sitz einer Fürstendynastie mit europaweiter Bedeutung: Nassau-
Hadamar. Der erste und bekannteste Vertreter dieses dann doch kurzlebigen Fürstengeschlechtes, das 1711 im Mannes-
stamme ausstarb, war Johann Ludwig (1590–1653). Dieser brachte es bis zum Generalbevollmächtigten des Kaisers bei
der Aushandlung des Westfälischen Friedens 1648. Seine Unterschrift steht als erste unter dem Vertrag.

Leider war Johann Ludwig von Nassau-Hadamar korrupt und prinzipienlos. Er verriet persönlicher Vorteile willen (so urteil-
ten auch seine Frau und seine Geschwister) seinen reformier-
ten Glauben und konvertierte in Wien zum Katholizismus. In der Folge intrigierte er mit dem Ziel von Gebietserweiterungen auch hemmungslos gegen seine protestantisch gebliebenen Vettern in anderen nassauischen Gebieten.

Gestützt auf unkritische und nicht in den historischen Zusammenhang gestellte Quelleninterpretationen (haupt-
sächlich Selbstzeugnisse und Jesuitendokumente) beteuern

katholische Theologen bis heute eine “Gewissensentscheidung” und fabulieren vom “Durchbruch der Gnade”.

Dann kamen die Jesuiten und bekehrten die Einwohner von Nassau-Hadamar bis in den Hohen Westerwald hinauf wieder zum “einzig wahren Glauben” – und dies entgegen dem im Westfälischen Frieden festgelegten “Nulljahr”.

Die neue Position des hohen Herrn verlangte eine aufwendige Repräsentation. Dazu gehörte auch das Schloss (siehe unten). Johann Ludwig verschuldete sein Fürstentum so stark, dass er die Esterau an Peter Melander von Holzappel verkaufen
musste. Dieser war eine andere interessante Persönlichkeit, geboren als Peter Eppelmann in Niederhadamar. Der Pro-
testant diente sich im 30jährigen Krieg bis zum Oberbefehls-
haber der gesamten katholischen Truppen hoch.

Johann Ludwig von Nassau-Hadamar war einer der übelsten Bauernleger seiner Zeit. 1643 machte er aus dem Dorf Hölzenhausen im Hohen Westerwald, das damals auch zur Grafschaft Hadamar gehörte, einen Viehhof. Die enteigneten Bewohner wurden in andere Dörfer umgesiedelt. Das war
selbst nach den damaligen Maßstäben: rechtswidrig. Sein Sohn Franz Bernhard gab übrigens den Hof Hölzenhausen, in dessen Nähe der Elbbach entspringt, im Jahre 1696 gegen 1900 Taler an Einwohner aus mehreren Nachbardörfern zurück. –


Die Photographien dieser Seite entstanden im Dezember 2013 (Nikon D700,  50/1.4G), der Text im April 2014 (cum ira et studio).

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Das Schloss

Johann Ludwig von Nassau-Hadamar, der nur einen kleinen Teil des Gebietes von Nassau-Dillenburg geerbt hatte, betrieb einen ungeheuren finanziellen Aufwand. Dazu gehörten auch finanzielle Aufmerksamkeiten in Wien. Nachdem er zum Generalbevollmächtigten des Kaisers und reichsunmittelbaren Fürsten gemacht wurde, weilte er mehrere Jahre in Münster und sorgte für einen enstprechenden Lebensunterhalt für sich und sein Gefolge.

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Die Bautätigkeit für das Schloss begann 1612 und wurde 1629, also im 30jährigen Krieg, vorläufig abgeschlossen. Die kleine Grafschaft Nassau-Hadamar hatte damals nur rund 1500 Haushalte, zumeist bettelarme Menschen in den rauen Westerwaldgegenden. Die Grafschaft Nassau-Hadamar führte schlauchartig vom Regierungssitz bis in den hohen Westerwald ins Kirchspiel Höhn, in das sogenannte “Stuhlgebiet”. 

Zum Krieg kam die Pest hinzu, die in diesen Jahren wütete. 

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Welcher Ausbeutungsgrad erforderlich ist, um in der damaligen Zeit und unter diesen Umständen von geschätzten 6000-7000 Menschen ein solches Bauwerk und dessen Unterhaltung sowie den ganzen fürstlichen Lebensstil auf der europäischen Bühne finanzieren zu lassen, bedarf einiger Vorstellungskraft. –

Heute sind im Schloss mehrere Behörden sowie das Museum
der Stadt Hadamar untergebracht.

Das Hadamarar Schloss ist nicht “geschlossen”, sondern nach Westen hin offen, da es nur drei Flügel hat. Passanten gehen heute ungehindert vom Bahnhof durch den Innenhof des Schlosses in die Stadt hinein – die meisten wahrscheinlich genauso gedankenlos ob der Geschichte und Bedeutung des Bauwerks, wie ich in den 1970er Jahren, als ich vom Zug aus, der in Hadamar Station machte, die verputzten Wände dieses
Schlosses ansah, von wo aus das Leben meiner Vorfahren so schicksalshaft und dramatisch beeinflusst wurde.

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Das Rathaus

Der beachtlichste Fachwerkbau weit und breit ist das Rathaus am Untermarkt. Obwohl es so aussieht, handelt es sich nicht um das “alte” Rathaus. Dieses befindet sich in verputztem Zustand in der Nonnengasse 1 und entstand 1693. (Genaugenmmen ist die Nonnengasse 1 immer noch nicht das “wirklich” alte Rathaus, denn dieses wurde wie viele andere Häuser für den Schlossbau abgerissen.) Das hier abgebildete Haus beherbergt die städtische Verwaltung seit 1818. Erbaut wurde es 1638 als Privatgebäude des damaligen Landschult-
heißen Andreas von Meuser, später jedoch vielfach verändert.
Bei der Sanierung wurde vorbildliche Arbeit geleistet.

Neben der Anmutung des Gesamtgebäudes fallen insbesondere die ganz außergewöhnlichen Schnitzarbeiten am Eingang auf, die in Zusammenhang mit dem fürstlichen Kammermeister Jakob d’Avina gebracht werden können.

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Stadtbild

Nach einer Blütezeit im 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts als Zentrum der Gegenreformation ist Hadamar in der Ent-
wicklung zurückgefallen, heute nicht einmal mehr Kreisstadt. Die Behörden bemühen sich vor allem unter Rückgriff auf die rund hundertjährige Zeitspanne der Fürstenresidenz unter Johann Ludwig und seinen Nachfahren, die historische Bedeutung des Städtchens hervorzuheben und machten auch ihre Bildungsstätte zur “Fürst-Johann-Ludwig-Schule”.

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Hadamar liegt abseits der Hauptverkehrswege in einer
Talsenke. Abgesehen von der Hauptstraße sind die schmalen Gassen der Stadt und der Marktplatz fast menschenleer. Ein Café zu finden, ist eine Herausforderung. Das Café am Marktplatz war geschlossen. (“Der macht manchmal zu”, verriet mir eine Passantin.) Immerhin fand sich dann noch ein Bistro, das köstliche Waffeln zubereitete.

Vielen Bürgerhäusern in den Straßen sieht man an, dass sie mal bessere Zeiten gesehen haben.

Hadamar wird bevölkert von unzähligen klerikalen Gebäuden wie Kirchen, Klöstern, Priesterseminaren usw. (auf deren Abbildung hier weitgehend verzichtet wird). Anhänger und Förderer des Katholizismus kommen auf ihre Kosten. Auf andere Personen kann das Stadtbild drückend und eng wirken. Am schönsten ist der alte Weg über die Elbbach-Brücke.

Hübsch ist die Herzberg-Kapelle auf einem Hügel oberhalb der Stadt, von wo man auch einen guten Rundblick hat. In der Kapelle befinden sich eingemauert in die Wände die Herzen
der männlichen Mitglieder der Fürstendynastie. Ein heute
bizarr anmutender Brauch ließ Herz und Leichnam getrennt bestatten.

Ansonsten gibt es durchaus einige interessante Motive zu entdecken. Beachtenswerte Gebäude sind der Fohlenhof (Teil des Schlosses), das Amtsgericht (ehemals als Oberappellations-
gericht das höchste Gericht im Herzogtum Nassau) und die Hammelburg, ein Gebäude am ehemaligen Stadttor. Die interessanteste Straße ist die Borngasse, die fast komplett unter Denkmalschutz steht.

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Hadamar und die Geschichte

Noch in den 1970er Jahren war selbst in der Region beheimat-
eten, überzeugten Antifaschisten der jüngeren Generation wenig bewusst, was während der NS-Diktatur in Hadamar geschehen war. Schweigen und Unkenntnis hielten lange an.

Nun, nach der Aufarbeitung in Gedenkstätten, Ausstellungen, Dokumentationen und Führungen haben die Ereignisse in den Jahren 1933 bis 1945 Hadamar zu einem traurigen, über-
regionalen Bekanntheitsgrad verholfen. Sensible Menschen fühlen einen Schatten, der über der Stadt hängt.

Dabei war in der Hadamarer Geschichte noch so viel mehr als die NS-Zeit und Johann Ludwig, auf dessen Residenz nun auch riesige Schilder an der B49 hinweisen.

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Ein Portrait aus dem ersten Band der Nassauischen Lebensbilder (Wiesbaden 1940).

Karl Braun war auch als Schriftsteller ungemein proliferant. Er veröffentlichte zahlreiche politische und ökonomische Werke, Reiseberichte, Kriminalromane sowie Persiflagen.

Leider wurde diesem bedeutenden Mann bisher noch kein Denkmal errichtet. In Hadamar ziert sein Name nicht mal ein Straßenschild.

Dr. Karl Braun (MdR)

Dr. Karl Braun, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des deutschen Liberalismus, stammte aus Hadamar.

Karl Braun ging aufs Philippinum in Weilburg, studierte Jura in Göttingen (der “nassauischen” Universität) und wurde zusammen mit seinem Freund und Mitkämpfer Friedrich Lang die führende Kraft der liberalen Bewegung im Herzogtum Nassau, wo er seit 1848 auf der demokratischen Linken stand.

Karl Braun war Mitbegründer der Nationalliberalen Partei, der Quasi-Regierungspartei der ersten Jahre ab 1871 im Reichstag. Der nassauische Liberale ging bei Bismarck ein und aus.

Dabei war Braun alles andere als ein typischer Parteipolitiker. Allgemein wird er als jovialer und lebensfroher Typ geschildert, der sogar mit dem nassauischen Herzog gut auskam, obwohl
er ihn politisch bekämpfte. Braun war auch als Anwalt sehr erfolgreich und begehrt.

Eine faszinierende, aber auch schillernde Persönlichkeit, in deren “Leben der Wein zu Freud und Leid eine ungemein wichtige Rolle spielte” (ADB). Sehr aufschlussreich und kurzweilig zu lesen ist eine 1867 erschienene biographische Skizze in der Gartenlaube.

Schwer nachzusehen allerdings die 1866 nach dem Krieg und der Niederlage Nassaus ergangene ausdrückliche Aufforderung an Preußen, das Herzogtum zu annektieren und unverzeihlich die Stimmabgabe für das Sozialistengesetz. Löblich wiederum der Beitritt zur linksliberalen Sezession – und damit die Abkehr von der Macht, die ihn eh nie sehr stark interessiert hatte.

Nachdem seine Frau verstorben war, heiratete Karl Braun in zweiter Ehe das aus einer deutsch-javanischen Verbindung hervorgegangene ehemalige Hausmädchen einer befreundeten Familie und verbrachte mit ihr seinen Lebensabend in Freiburg im Breisgau.

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Unbekanntes Hadamar: die malende Prinzessin Ernestine Charlotte

Weithin unbekannt, aber die romantischste und anrührendste Person aus der Geschichte Hadamars ist Ernestine Charlotte (1623-1668), die malende Prinzessin. Sie war die Schwiegertochter von Johann Ludwig. Das Bild zeigt sie links im Alter von 11 Jahren. Es ist ein Ausschnitt aus einem Gemälde von Anthonis van Dyck.

Die große Leidenschaft von Charlotte Ernestine war die Malerei. Ihre Gemälde, hauptsächlich Portraits, waren immerhin so gut, dass sie bis heute in einer Galerie in Prag ausgestellt sind. Ernestine Charlotte kam aus der Siegener Linie des Hauses Nassau und wuchs in Brüssel und bei Gent in prächtigen und für ihre Aussicht gerühmten Schlössern auf. Sie hatte Kontakte zum französischen Hochadel.

Wie schrecklich muss für diese junge Dame, die in mondänem und klimatisch bevorzugtem Umfeld groß wurde, der Gang in die kalte Westerwälder Provinz in das Kaff Hadamar gewesen sein. Man erkennt es auch daran, dass sie alle möglichen persönlichen Sachen mit nach Hadamar nahm und sich immer wieder zurückgebliebene Gegenstände nachorderte. Schon nach der Geburt ihres ersten Kindes erkrankte sie schwer.  An einem noch unwirtlicheren Ort, in Mengers-
kirchen im Hohen Westerwald, starb sie im dortigen, eher primitiven Schloss im Wochenbett, nachdem sie ihrem Mann das achte Kind geschenkt hatte. Soweit ein Frauenschicksal aus Hadamar.

Am Ufer des Elbbaches sah ich mich auf den Spuren von Ernestine Charlotte wandeln, an diesem frühen Dezembertag in Hadamar, und stellte mir vor, wie sie sich gefühlt haben mag, verloren und traurig ins dahingleitende Wasser blickend.

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