1962: eine Auswahl

Die schönsten deutschen Bücher 1962

1962. Die beiden atomar bewaffneten Supermächte USA und Sowjetunion brachten mit der Kuba-Krise die Welt an den Rand des Abgrunds. Die damaligen Kinder im vom Kalten Krieg zerrissenen Deutschland ahnten nicht, dass ihr Leben für einige Tage am seidenen Faden hing.

In der Bundesrepublik erschütterte die Spiegel-Affäre das Land, ein beispielloser Versuch der Adenauer-Regierung, im Stile einer Diktatur die kritische Presse mundtot zu machen. Heute nicht mehr vorstellbar, wurden Herausgeber Rudolf Augstein, Chefredakteur Conny Ahlers und ein weiterer Redakteur verhaftet und wanderten für mehrere Monate ins Gefängnis. Ermittelt wurde auch gegen den damaligen Hamburger Innensenator Helmut Schmidt. Die Ereignisse markierten den Anfang vom Ende der Regierungszeit Adenauers, welcher dann nur noch ein Jahr im Amt war.

Im Vergleich der prämierten Bücher der drei deutschsprachigen Staaten, der wie immer aus subjektiver Sicht erfolgt, ist in allen drei Ländern der hohe Anteil eines “staatstragenden” Kulturverständnisses auffällig. In der Literaturproduktion der DDR ist es weiterhin die extensive Erklärung von Politik, Geschichte und Kultur durch die “marxistisch-leninistische” Ideologie. In der Bundesrepublik stehen Werke, die die eigene Staatstätigkeit und eine gemeinsame (west)europäische Zukunft zum Gegenstand haben, ebenfalls an prominenter Stelle. Österreich scheint immer noch ein großes Augenmerk auf die Geschichte des eigenen Landes zu legen. Die größte staatliche Förderung der Literatur und der gesamten Buchproduktion gibt es in der DDR – allerdings um den hohen Preis der politischen Einflussnahme.

Die aufregendsten Werke der 1962er Wettbewerbe stammten aus den USA: “Marcel Breuer 1921–1962” in der deutschen Ausgabe des Stuttgarter Hatje Verlages und “Land der Gräser” des amerikanischen Fotografen Paul Strand. Alle Erstausgaben (englisch, französisch, deutsch) der brillanten Fotodokumentation über die Äußeren Hebriden wurden in der DDR gedruckt.

Die schönsten deutschen Bücher 1962

Die schönsten deutschen Bücher 1962 (Auswahlheft)

Das Auswahlheft (ich halte ein neuwertiges und bislang ungelesenes Exemplar in Händen) kommt erstmals mit Hochglanzeinband, der auch nochmals graphischer gestaltet ist als bislang.

Im kurzen Vorwort führt Kurt Georg Schauer an, dass zunehmend großformatige und illustrierte Bücher bei den Einsendungen seien.

Neu und einigermaßen unvermittelt ist das jetzt geäußerte Verlangen nach „bibliotheksgerechten” Büchern, womit Schauer ausdrücklich nicht nur öffentliche, sondern auch „private Büchereien fachlichen oder liebhaberischen Charakters” meint.

Beim Satz ist die Unübersichtlichkeit zurückgekehrt. Außerdem werden erstmals die Abbildungen in der oberen Seitenhälfte gezeigt.

55 Bücher wurden dieses Mal ausgezeichnet.

Denis de Rougemont: Europa. Vom Mythos zur Wirklichkeit.

Denis de Rougemont:
Europa. Vom Mythos zur Wirklichkeit.

Das Buch des Schweizer Philosophen Denis de Rougemont erschien parallel in Deutschland und Frankreich. Warum die deutsche Ausgabe des Prestel Verlages es auf die Auswahlliste geschafft hat, ist rätselhaft. Das Äußere ist zweifelsohne auch heute noch attraktiv: der Einband mit dem Prägedruck, der effektvolle Schutzumschlag in bewährter und typischer Manier von Eugen O. Sporer.

Aber das Layout wirkt doch sehr unruhig, wozu extensiver Gebrauch von Kursivschrift und die vielen Einrückungen beitragen. Und natürlich muss der Satz der linken und rechten Seite spiegelbildlich sein! Zudem ist der Druck sehr blass (ich habe wie fast immer bei den hier vorgestellten Büchern die Erstausgabe erworben), bis hin zu Fehlstellen in der großen Schrifttype der Titelei.

Inhaltlich sind es die bekannten Argumente der Theoretiker eines europäischen Einheitsstaates, welcher nur das Vorspiel “einer endgültigen Einigung des Menschengeschlechtes” sein soll. Dass die “Vereinigung” Europas zu einem Super-Staat nur ‘von oben’ (ähnlich der deutschen Reichsgründung 1871) geschehen kann, belegen in wünschenswerter Klarheit die von Denis de Rougemont angeführten Vorbilder: Cäsar und Karl der Große.

“Souveränitätsansprüche” der Mitgliedsstaaten (und damit Selbstbestimmungsrechte der Völker) werden kurzerhand als von großem Übel und in den “Untergang” führend erklärt.

Bezeichnend auch die Hybris eines verklärenden eurozentrischen Geschichtsbildes. Europa habe “der Welt, nachdem es sie entdeckt” habe, “die geistigen Mittel zur Schaffung einer der Menschheit würdigen Zukunft geschenkt”.

Staat und Kunst. Festschrift zur 10. Verleihung des Großen Kunstpreises des Landes Nordrhein-Westfalen.
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Karl Arnold, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen 1947-1956.
(Foto: KAS)

Staat und Kunst.
Festschrift zur 10. Verleihung des Großen Kunstpreises des Landes Nordrhein-Westfalen.

1962 war man im neuen Nachkriegs-Deutschland so weit, schon wieder Rückschau auf die ersten Leistungen halten zu können.

Dies tat das Land Nordrhein-Westfalen mit “Staat und Kunst”, einem schweren, voluminösen Band, der Resumée über 10 Jahre Kunstförderung durch dieses Bundesland zieht.

Herausgekommen ist eine Art Werkschau der Kunstszene der Bundesrepublik der 50er Jahre. Aufgenommen wurden Malerei, Bildhauerei, Architektur, Musik und Literatur. Viele bekannte Namen, die das bundesdeutsche Kulturleben der damaligen Zeit – und darüber hinaus – geprägt haben, sind vertreten. Alle 50 Preisträger werden mit Werkproben vorgestellt, gruppiert nach den fünf genannten Kunstgruppen und flankiert jeweils mit einem ausführlichen Begleittext von bekannten Kunsthistorikern.

Hochinteressant die Vorworte des damaligen Kulturministers Werner Schütz zum 10-jährigen Bestehen des Wettbewerbes und des legendären langjährigen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, des linken Christdemokraten und Gewerkschafters Karl Arnold, zur Premiere des Kunstpreises 1953. Der leider viel zu früh verstorbene Adenauer-Rivale Karl Arnold grenzte sich von den “absolutistischen” (d.h. faschistischen und stalinistischen) als auch von den “liberal-kapitalistischen” Systemen ab.

Beim Lesen der Einleitung des wackeren NS-Gegners und Mitgliedes der Bekennenden Kirche Werner Schütz erhält man einen sehr deutlichen Eindruck, wie stark die Auseinandersetzung mit dem “anderen deutschen Staat” die Politik der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre prägte. Kulturpolitiker hatten da auch leichtes Spiel. Die Künstler der BRD waren freier, man gab ihnen keine Richtung vor. Und die Fördergelder flossen durch den wirtschaftlichen Erfolg wohl auch üppiger.

Noch einige Anmerkungen zu einzelnen Künstlern.

In den fünf Gruppen gibt es durchaus Entdeckungen wie in der Bildhauerei Hans Wimmer und Kurt Lehmann oder in der Architektur Paul Schneider-Esleben und Dominikus Böhm (an einem von dessen Gebäuden in Limburg der Verfasser dieser Zeilen schon hundert Male vorbeigefahren ist, ohne es zu wissen).

Im Literatur-Teil (leider mit Begleittext von Wilhelm Emrich) fällt auf, wie eng bei vielen der ausgezeichneten Schriftsteller das Verhältnis zum Faschismus zeitweise oder durchgängig war und wie die entschiedene Abrechnung mit der NS-Vergangenheit 1962 noch ausstand. Unfassbar, dass eine Ida Seidel, die inniglich dem Nationalsozialismus verbunden war, die das unsägliche „Gelöbnis treuester Gefolgschaft” unterschrieb und die von dem von ihr so heiß verehrten und geliebten Führer noch 1944 auf die „Gottbegnadeten-Liste” erhoben wurde – dass also diese Person 1958 mit einem der höchsten Kulturpreise der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde. Es sollte nicht die letzte Auszeichnung sein. 1966 erhielt die Dichterin, von der die bekannte süßliche Zeile „unsterblich duften die Linden” stammt, auch noch das Bundesverdienstkreuz.

Das Buch ist handwerklich solide gemacht, hat aber nur einen einfachen Papierumschlag, der wohl den „Werkcharakter” deutlich machen sollte. Die Qualität der Portraitabbildungen der Preisträger ist teils beachtlich, teil erbärmlich.

Marcel Breuer 1921–1962

Marcel Breuer 1921–1962

Hatje Verlag. Einleitung und Bildtexte von Gerd Hatje. Gestaltung von Marcel Breuer und Gerd Hatje.

Der begnadete Architekt Marcel Lajos “Lajkò” Breuer war ganz so bedeutend wie Walter Gropius und arbeitete mit diesem auch viele Jahre eng zusammen.

Zunächst gehörte Breuer zum “Bauhaus”. In dieser Zeit entwarf er auch viele bahnbrechende Möbel-Designs, löste sich später von der Bauhaus-Gruppe und ging ganz eigene Wege.

Kennzeichnend für seine Entwürfe sind u. a. das kreative Spiel mit der Form, die durchgängige Fassadenverkleidung und die innovative Einbeziehung von neuen Materialien. Häufig sieht man kühne, futuristische, bis dato nicht für möglich gehaltene Konstruktionen. Dies war auch ein Antrieb Breuers: die Grenze des Machbaren immer weiter hinaus schieben.

Bekannte Bauten sind u. a. das  Vorlesungsgebäude der Universität New York
(Cover) und natürlich das weltberühmte Y-förmige UNESCO-Hauptquartier in Paris (zusammen mit Pier Luigi Nervi und Bernard Zehrfuss).

Typisch für Breuer sind in den Großprojekten die Verwendung von riesigen Scheiben, von weitauskragenden Elementen wie Emporen und Dachterrassen, von gewaltigen Stützpfeilern und vor allem der extensive Einsatz von schalungsrauhem Sichtbeton, auch in Innenräumen!

An Beton hatte Breuer einen Narren gefressen, was zeittypisch war. Was erreicht werden sollte, war etwas Grandioses, Majestätisches, Offenes, Weites – aber in den schlechtesten Momenten versprühen Innenbereiche der Bauten nach Auffassung des Chronisten den zweifelhaften Charme einer billigen Straßenunterführung (S. 97!). Weitere Fragen könnte man nach der Dauerhaftigkeit sowie der unweigerlichen Anschmutzung von Sichtbeton stellen.

Dann gibt es die Einfamilienhäuser, die ein ums andere Mal überzeugend sind und auch nach all den Jahren noch modern aussehen. Hier sind die typischen Elemente: Schmetterlingsdächer, überkragende Obergeschosse, zwei “Zellen”, offene Übergänge nach draußen, die Verwendung von Natursteinen und von Brüstungsmauern, welche den Raum um das Haus herum gliedern.

Es existieren von Breuer auch zwei Bauten in Deutschland. Zum einen die Villa Harnischmacher in Wiesbaden, die der Architekt gleich zwei Mal erbaute, weil sie im Krieg zerstört wurde. Das erste Gebäude von 1932 ist im Buch sehr schön mehrfach abgebildet. Und zweitens die 1975 errichtete Fabrik des pharmazeutischen Unternehmens Mundipharma in Limburg an der Lahn (mit Robert F. Gatje), dokumentiert in den “Archives of American Art” des Smithsonian Institution, Washington D. C. (weitere umfangreiche Objektdokumentation hier).

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Das Mundipharma-Projekt

Mortimer Sackler, Gründer des Unternehmens Mundipharma, war ein
Fan von Marcel Breuer. Besonders angetan hatte es ihm die Abtei St. John
in Minnesota, die Breuer Associates entworfen hatten. So sollte seine Fabrik
in Limburg auch aussehen.

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Die Köpfe hinter dem Mundipharma-Gebäude:
Robert F. Gatje (l.), Marcel Breuer.

Breuer musste über diese Idee zunächst lachen, sagte aber seinem Kollegen Robert F. Gatje: “Bob, you take care of this guy.” Gatje und Sackler kamen beide aus New York und fanden schnell eine gemeinsame Ebene. Bob Gatje machte den Entwurf tat-
sächlich in Anlehnung an die Fassade von St. John. Breuer Associates managten das Projekt von Paris aus.
Die Bauausführung wurde Philipp Holzmann übertragen.

Mundipharma 1974/75

Mundipharma Unternehmenssitz, Limburg an der Lahn. Entwurf ca. 1974: Marcel Breuer,
Robert F. Gatje. Aquarellist: Pierre Lutz. Rechte am Foto: Smithsonian Institution.

Mundipharma 1975

Der von Philipp Holzmann hingestellte Bau kurz nach Fertigstellung, ca. 1975. Damals hieß die Gemarkung noch “Auf der Heide”. Heute ist es ein dicht gedrängter Gewerbepark.
Foto:

Mundipharma 2015

Das Breuer Gebäude 2015. Foto: Peter Eisenburger.

Quellen: Robert F. Gatje: Marcel Breuer. A memoir. New York 2000, S. 264-266.
Persönliche Mitteilung von Bob Gatje.

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Marcel Breuer gestaltete auch Möbel. Jeder kennt den aus einem einzigen Stahlrohr gefertigten Bauhaus-Stuhl, der in Deutschland von Thonet vertrieben wird.

Die Seiten des edel aufgemachten vorliegenden Werkes haben ein interessantes und ästhetisch ansprechendes Layout, das Marcel Breuer selbst mitgestaltet hat. Aufgrund des exquisiten, gestochen scharfen Drucks leidet auch die Lesbarkeit nicht unter der Monotype Grotesk in einem ultrafeinen Schnitt und sehr kleiner Größe mit 7 (für Fließtext!) und 8 Punkt. Die Abbildungen (Fotos, Zeichnungen, Grundrisse) sind durchweg in hoher Qualität.

Das Buch, das in Deutschland mit 2000 Exemplaren erschien und nie neu aufgelegt wurde, ist sehr rar, vor allem mit dem Schutzumschlag. Entsprechend sind die antiquarischen Preise schwindelerregend (mit Signatur von Breuer schon
mal 1500 Dollar).

Lorenzo da Ponte / Wolfgang Amadeus Mozart: Die Hochzeit des Figaro

Lorenzo da Ponte / Wolfgang Amadeus Mozart:
Die Hochzeit des Figaro


Bibliophiler Prachtband für die Opernfreunde. Das Buch hat begrüßenswerterweise den auf deutsch übersetzten Text. Edles, schweres Papier. Handsatz. Blauer Ballonleinen-Einband in mit Leinen überzogenem, illustriertem Schuber. Mit vielen, kongenialen Kohlezeichnungen von Gerhard Ulrich.

Auf 1000 Exemplare beschränkte, numerierte Ausgabe. Das abgebildete Exemplar hat die Nr. 925.

Thomas und Wanda Zacharias: Mikosch das Karussellpferd

Thomas und Wanda Zacharias:
Mikosch das Karussellpferd


Der Sigbert Mohn Verlag aus Gütersloh machte damals mit die schönsten Bilderbücher. “Mikosch das Zirkuspferd” hat dieselbe Aufmachung wie die im Vorjahr prämiierte “Blaue Kugel”. Und auch diesmal war ein Kunstprofessor der Verfasser. Seine 2008 verstorbene Gattin Wanda Zacharias besorgte die Illustrationen.

Wanda Zacharias war bereits 1960 für “Kasperls Reise über das Meer” (ebenfalls Mohn Verlag) ausgezeichnet worden. Jetzt ist sie noch besser geworden. Ihre mit Gouache kolorierten Tuschezeichnungen sind ungemein phantasievoll, detailreich und liebevoll ausgearbeitet. Man kann vor jeder Doppelseite lange Zeit verbringen, um zu entdecken, was es da alles gibt.

Die Geschichte des ausgerissenen Karussellpferdes, das den kleinen Franz im Schlaf besucht, aber am nächsten Morgen wirklich im Kinderzimmer steht, ist gleichermaßen verspielt und kindgerecht wie raffiniert mit mehreren Bedeutungsebenen. Ein ganz tolles Kinderbuch.

Sehr schön bei den Mohn-Bilderbüchern auch immer, wie in den Vorjahren, die Gestaltung der letzten Doppelseite, die den hinteren Inneneinband mit einbezieht und eine Art Resumée der Geschichte bildet – etwa wie ein Nachspann im Film.

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Der Wettbewerb in der DDR

Spiegel Deutscher Buchkunst 1962

Spiegel Deutscher Buchkunst 1962

In der DDR wurden die Ergebnisse des Wettbewerbs im Auftrag des “Börsenvereins der deutschen Buchhändler zu Leipzig” wieder aufwendig in Buchform unter dem Titel „Spiegel deutscher Buchkunst” herausgegeben. Aus 267 Titeln wurden in mehreren, akribisch beschriebenen Stufen die 50 schönsten Bücher der DDR ausgewählt.

In scharfem Kontrast zur BRD, wo ausdrücklich das Interesse bibliophiler Sammler herausgestellt wurde, steht hier das „Massenbuch” im Vordergrund – so, wie es der Aufbau des Sozialismus erfordert. Jedoch sind es in Wirklichkeit nicht allzu oft „Bücher für die Massen”, die hier vorgestellt werden, etwa die in einer Auflage von 1000 gedruckte „Gabrielade” von Alexander Puschkin oder das „Urteil des Paris”.

Dabei ist die Entwicklung durchaus widersprüchlich. Zum einen wird im nicht namentlich gekennzeichneten Vorwort dazu aufgefordert, „mutvoll zu experimentieren”, zum anderen besteht die Jury in ihrem Bericht auf „Parteilichkeit” bei der Auswahl. Auf die Richtlinien des VI. Parteitag der SED im Januar 1963 (das vorliegende Buch erschien 1963) wird an prominenter Stelle verwiesen. Dort wurde eine begrenzte Liberalisierung und Dezentralisierung beschlossen, die auch für das Kulturleben galt. Hauptziel sei nun die „Wider-

spiegelung des Lebens”. An der „Formung des sozialistischen Menschen” wird allerdings festgehalten.

Bei den äußerst detaillierten fachlichen Anmerkungen zur Buchproduktion, zu den vorgelegten Werken (Begründungen, auf die die BRD nach wie vor völlig verzichtete) und speziell zu den 50 ausgewählten Bänden fällt vor allem die teils beißend, aber immer konkret gehaltene Kritik an Fachbüchern und Produkten der „schöngeistigen Literatur” des Jahres 1962 auf sowie, dass zu wenige „Fachbücher” vertreten gewesen seien. Die Ermahnungen der Jury gehen über in die Ankündigung regelmäßiger Besprechungen und Konsultationen mit den Verlagen – was ein bisschen an bürokratisch-sozialistische Gängelei erinnert.

Insgesamt ergibt sich – bei aller auch eingestreuter marxistisch-leninistischer Propaganda – ein buntes, vielfältiges und qualitativ hochstehendes literarisches Schaffensbild und im Vergleich zum Vorjahr ein beachtlicher Fortschritt. Auffällig auch der sehr hohe Anteil an Kinder- und Jugendbüchern. Das Beste ist aber das „Land der Gräser”.

Der Abbildungsteil des Kataloges ist dem westdeutschen stark überlegen.

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Paul Strand / Basil Davidson: Land der Gräser (orig.: Tir a' Mhurain)

Eines der berühmtesten Werke des amerikanischen Fotografen Paul Strand erschien auf Englisch, Französisch und Deutsch. Die komplette Auflage in allen drei Sprachen wurde auf ganz persönlichen Wunsch von Paul Strand in der DDR gedruckt. Der Fotograf, überzeugter Marxist, nannte hierfür jedoch nicht vorwiegend politisch-ideologische Gründe, sondern das Druckhaus Einheit in Leipzig wende ein spezielles Tiefdruckverfahren an, das ihm am geeignetsten schien, die Anmutung seiner Bilder zum Ausdruck zu bringen.

Die Jury schrieb: “’Land der Gräser’ ist ein Reportageband von großer Aussagekraft und strenger soziologischer Interpretation des Themas in Bild und Text. Der sehr schöne Satzspiegel, die äußerst gepflegte Typographie, die geschmackvolle, auf Wirkung bedachte Anordnung der in Auffassung und Technik interessanten Fotos, der gut gestaltete Einband und die ansprechende Umschlaglösung vereinigen sich zur auszeichnungswürdigen buchkünstlerischen Gesamtleistung, die durch die druck- und bindetechnische Qualität bestätigt wird.”

Die Fotos entstanden schon 1954, als Paul Strand auf der Flucht vor der antikommunistischen McCarthy-Hysterie war und es ihn auf die Hebriden verschlug. Jede Aufnahme ist ein Meisterwerk für sich und könnte in jedem beliebigen Fotomuseum der Welt hängen. Leicht unterbelichtet, starke Kontraste bei hervorragender Durchzeichnung, gestochen scharf, natürlich schwarz-weiß und Mittel- bis Großformat. Sehr ausdrucksstark nicht nur die Portraits, sondern auch Objekte wie Werkzeuge, auf dem Strand herumliegende Steine oder Tang sowie die Landschaften. Der gälische Menschenschlag und die Natur, die ihn hervorgebracht hat, werden hier eins. In der Gesamtheit sind die Fotografien ein Monument für die Ewigkeit.

Die 1958 entstandenen Texte stammen vom hochangesehenen, links-pazifistischen Publizisten Basil Davidson, der gleichermaßen eindringlich wie sensibel ein Bild der Geschichte und Kultur der Äußeren Hebriden und ihrer keltisch-stämmigen Bewohner zeichnet. Bild und Text haben bei diesem Buch ihre eigene Berechtigung und ergänzen sich optimal.

Das Buch erschien dann 1962 auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges im DDR-Verlag VEB Verlag der Kunst Dresden. Die gesamte Entstehungsgeschichte und die Hintergründe der Veröffentlichung werden in einem Artikel des schottischen Kulturwissenschaftlers Fraser MacDonald von der Universität Edinburgh wiedergegeben.

Die englische und französische Ausgabe behielt den Originaltitel “Tir a' Mhurain” bei, was auf Gälisch und poetisch übersetzt “Land der wehenden Gräser” bedeutet.

Mit diesem Buch konnte die DDR eine Spitzenposition in der internationalen Buchproduktion
erreichen. Die englische Ausgabe wird regelmäßig neu aufgelegt. Die einzige deutsche Ausgabe ist heute extrem selten und mit (dem auf etwas leichtem Papier gedruckten und deshalb empfindlichen) Schutzumschlag kaum zu bezahlen. Ich konnte ein nettes Berliner Antiquariat, das das abgebildete Exemplar mit gefetztem Umschlag (aber immerhin!) anbot, etwas herunterhandeln.

Lothar Reher / Gisela Steineckert: Nebenan zu Gast
Lothar Reher / Gisela Steineckert: Nebenan zu Gast

Walter Großpietsch / Lothar Reher / Gisela Steineckert: Nebenan zu Gast

Die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist geradezu abenteuerlich. Dem Verlag wurden zahlreiche im Reportage-Stil gemachte Schwarz-Weiß-Fotografien vorgelegt. Dazu kamen 500 Seiten Text, welche aber von der Qualität her nicht als veröffentlichungsfähig angesehen wurden. Der Verlag Volk und Welt bat die später sehr bekannt gewordene Ostberliner Schriftstellerin Gisela Steineckert, etwas zu den Fotos zu schreiben. Sie lieferte gut und flott lesbare, durch die Fotos angeregte Geschichten, die einfühlsam sind, nachdenklich machen und manchmal auch berühren. Gisela Steineckert war aber nie in ihrem Leben in Skandinavien gewesen. Dafür durfte sie dann einen eigentlich verbotenen Band mit Liebesgedichten herausgeben. Darin fanden sich auch Verse von Wolf Biermann, der danach nie mehr in der DDR veröffentlichen durfte und Reiner Kunze, der später ebenfalls Publikationsverbot erhielt. Vom Honorar erhielt Frau Steineckert ganze 2 %.

Der Verlag wusste, was er an diesem handwerklich sehr ansprechend gemachten Buch hatte (leider nur zu gut) und druckte schon in der 1. Auflage 15.000 Exemplare. Viele weitere Auflagen sollten folgen.

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Ein Blick nach Österreich

Die schönsten Bücher Österreichs 1962

Die schönsten Bücher Österreichs 1962

Hübsches Heft im Querformat mit einem illustrierten Titel, wie es jetzt in Österreich Standard ist. Jedes der 16 ausgewählten Bücher hat eine Text- und Bildseite. Eingereicht worden waren nur 65 Bücher.

Das Vorwort ist äußerst knapp und beschränkt sich auf einer halben Seite auf die allerwichtigsten Fakten.

Die Auswahl hat einen volkstümlichen Einschlag und wirkt insgesamt etwas bieder.

Die drei besten Bücher erhalten nun sogar „Staatspreise” des Ministeriums, drei weitere ein „Diplom”.

Für Österreich ist es immer wieder seine Hauptstadt, die das Land und vor allem auch seine Kultur prägt. Deshalb ist es kein Zufall, dass der Chronist zum zweiten Mal in Folge einen Band ausgewählt hat, der Wien zum Gegenstand hat.

Heinrich Kralik: Die Wiener Oper

Heinrich Kralik: Die Wiener Oper

Für Freunde nicht nur der Wiener Oper ein unersetzlicher Prachtband. Der Stil des österreichischen Musikkritikers ist recht blumig und bisweilen arg huldvoll, aber unstrittig auch fachkundig.

Heinrich Kralik, drei Jahre nach Erscheinen des Buches verstorben, lässt von den Anfangsjahren bis 1962 die Geschichte der Wiener Staatsoper Revue passieren. All die Dirigenten, all die berühmten Uraufführungen, auch die wechselvolle Geschichte des Gebäudes kommen hier zu Ehren. Alleine schon die sehr zahlreichen, oft auch farbigen Illustrationen lohnen sich.

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Die auf dieser Seite vorgestellten Bücher wurden unter anderem geliefert von: Antiquariat Ballon + Wurm (Auswahlheft),
Chiemgauer Internet Antiquariat (Europa), Antiquariat Buchfindling (Staat und Kunst), Aegis Ulm (Marcel Breuer), Buchglobus (Figaro),
Druckwerk Antiquariat Wien (Mikosch), Antiquariat an der Nikolaikirche
(Auswahlheft DDR), Antiquariat Cassel & Lampe (Land der Gräser)  Antiquariat Ardelt (Nebenan zu Gast), Buch-Galerie Silvia Umla (Auswahlheft Österreich), Antiquariat Ottakring (Wiener Oper).

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