1956: eine Auswahl

1956. Ein wichtiges Jahr, nicht nur im Leben des Verfassers. 1956 wird die Teilung Europas in die großen Blöcke zementiert und der Kalte Krieg angeheizt. Der Volksaufstand in Ungarn wird von der Sowjetunion brutal niedergewalzt. Dennoch beginnt mit dem XX. Parteitag der KPdSU und der berühmten Geheimrede von Nikita Chruschtschow die Entstalinisierung. In der Bundesrepublik verbietet das Bundesverfassungsgericht die Kommunistische Partei.
Auf dem Buchmarkt und der hier vorgestellten Auswahlliste gibt es nach wie vor die schon im Vorjahr vom Börsenverein konstatierte “bunte Mischung”. Allerdings haben es die Vertreter der Jury schwer, bei den von ihnen selbst in Anführungszeichen geschriebenen “Konsumenten” mit ihren Vorstellungen vom “schönen Buch” durchzudringen. Die Kuratoren ahnen es selbst: der Inhalt des Buches spielt bei der großen Masse der Leser wohl die entscheidende Rolle. Und wie groß ist die Splittergruppe selbst innerhalb der Bildungsbürger, die sich für die in 3 Bänden editierte, über 1000-seitige Ausgabe der Briefe der Dame Meta Klopstock aus dem Rokoko interessiert? Zu haben für damals sehr teure 60 Deutsche Mark.
Diesmal werden hier nur fünf Bücher vorgestellt. “Italienische Zeichner der Gegenwart” war in der Vorauswahl. Es stellte sich aber heraus, dass der Verfasser einer der führenden NS-Kunsträuber war und deshalb keinen Platz auf der persönlichen Auswahl finden konnte.

Die schönsten deutschen Bücher 1956

Die schönsten deutschen Bücher 1956 (Auswahlheft)

Das Auswahlheft hat in 1956 einen edlen, sehr hell-olivgrünen Einband mit Textilstruktur. Erstmals hat die Schrift auf dem Titel zwei verschiedene Farben.
Die ausgewählten Bücher sind nun dankenswerterweise wieder in Gruppen eingeteilt. Der Textteil ist erstmals in zwei Spalten gesetzt, was zur Übersichtlichkeit beiträgt. Für die Titel der Bücher wurde die schöne Schrift Normande von Bertholt in der Größe 12 pt. verwendet. Der Rest ist
Walbaum-Antiqua. Die Angaben zu den Büchern wurden nochmals um genaueste Bezeichnungen der Einband-
materialien erweitert. Bei den Abbildungen der Bücher hat
der Schattenwurf nun durch eine Schrägstellung einen stark räumlichen Effekt.
Erstmals gibt es zwei Vorworte, ein grundsätzliches, kultur-
pessimistisch geratenes und ein zweites, mehr technisch-
organisatorisches mit positiver Grundtendenz.
Zunächst lamentiert Bertolt Hack vom Börsenverein über die mangelnde öffentliche Resonanz des Wettbewerbs – ein Problem, das noch heute (2014) fortbesteht. Die vergeistigten Begründungen wird man hingegen heute von den Vertretern der Stiftung Buchkunst nicht mehr hören. Hack schreibt da von der „Ehrfurcht vor dem Buch”, vom „Heiligen”, das das Buch verkörpere, ergeht sich in Abhandlungen von Werten und Ethik, vom „Schönen und Guten” etc. – ein Lehrbeispiel blasierter Überheblichkeit?

Auch wenn man die Auswahl der 50 Bücher betrachtet, kann man das Desinteresse der breiten Leserschaft ein wenig verstehen. Viel anspruchsvolle, aber doch schwer verdauliche Kost. Klassiker der Weltliteratur (aber kein einziger neuerer Roman), weihevoll Religiöses, nur wenige Bücher aus dem Bereich der Wirtschaft und Technik und wieder zahlreiche Werke aus den Bereichen der Buch-, Schriften- und Verlagskunde. Es wird auch von Anbeginn des Wettbewerbs immer wieder eine erkleckliche Anzahl von Büchern ausgezeichnet, die gar nicht im Handel erhältlich ist (diesmal 6 an der Zahl). Hinzu kommen extrem teure bibliophile Drucke, die von vorne herein nur für ein begrenztes Publikum von vermögenden Kunstliebhabern in Frage kommen. Das wirkt alles so ein bisschen wie „l’art pour l’art”, zelebriert von einem elitären Zirkel. Ein Lichtblick ist die erneut ausgeweitete Sektion der Kinder- und Jugendbücher mit diesmal 7 Titeln. Hinzu kommt erstmals ein Schulbuch.
Das zweite, besser gefallende Vorwort (ohne Nennung des Verfassers) stellt das hohe Niveau der bundesdeutschen Buchproduktion heraus, das es immer schwerer mache, 50 Bände auszuwählen. Zunehmend gebe es in der Jury auch Streitfälle. Dabei ging es u. a. um die Rolle des Schutzumschlages. Auf die Prämierung von bereits einmal ausgezeichneten Buchreihen (als gesamte Reihe) habe man diesmal verzichtet. Das betraf die Verlage Insel und Prestel. Interessant ist, dass damals neben den Verlagen auch Druckereien und Kunstschulen Bände zur Bewertung eingesandt haben. Es ist davon auszugehen, dass damals noch keine Gebühren für die Bewertung verlangt wurden, so wie es heute der Fall ist. –
Ich ergatterte antiquarisch für kleines Geld einen neuen und ungelesenen Auswahlband 1956, ein Exemplar, das in diesem Zustand so wertvoll ist, das man es kaum aufzuschlagen wagt.

Hubert Hoffmann/Karl Kaspar: Neue deutsche Architektur
Hubert Hoffmann/Karl Kaspar: Neue deutsche Architektur

Hubert Hoffmann / Karl Kaspar: Neue deutsche Architektur
 

Es ist faszinierend, wie stark das von den Nazis verbotene Bauhaus 10 Jahre nach Kriegsende bei sich als “modern” verstehenden Architekten bereits wieder eine Dominanz errungen hatte.

Tatsächlich sind die Bauhaus-typischen Formgebungs-
elemente unübersehbar. Das Vorherrschen von strenger Rechteckigkeit, sich in einer Reihung wiederholenden Elemente, viel Glas (oft bis an die Deckenhöhe reichend) und Stahl, oft überstehenden oberen Stockwerke (die unten schattige und feuchte Zonen bildeten), durchweg Flachdächern (von denen Praktiker sagen, dass sie nicht dicht zu bekommen sind), bei den großen Bauten Laubengängen an den Fassaden entlang.

Verstörend, mit welchem Furor und mit welcher Kompromisslosigkeit die vorhergehende Stadtbebauung als “eklektizistisch”, “klassizistisch”, “barock”, gar “romantisch” abgekanzelt und dem nun “logischen” und “formalen” Bauen gefrönt wird. Fast scheint Freude über die Kriegszerstörungen vorzuherrschen, damit man unbelastet “planvoll” und “rational” neue Bauformen hochziehen kann. Am liebsten würde man ganze Großstädte auf dem Reißbrett neu entstehen lassen. Ausdrücklich wird Bezug auf industrielle Prozesse und maschinelle Produktion genommen.
 

Das Menetekel der Bausünden in der Städteplanung der 60er und 70er Jahre steht überdeutlich an der Wand. –

Die größten schöpferischen Freiheiten bestanden für die Architekten beim Entwurf von Messe- und Ausstellungs-
bauten sowie Kirchen – so dass hier tatsächlich wundervolle Ideen umgesetzt werden konnten. Ansprechend aus heutiger Sicht tatsächlich auch die vorgestellten Tankstellen. Mutige, geschwungene Formen der Häuschen und der Dächer, zeitlos schöne Zapfsäulen mit abgerundeten Ecken.

Sehr aufschlussreich die vorgestellten Schulbauten aus der ersten Hälfte der 50er Jahre: filigrane, lichte, einladende Räumlichkeiten, vielfach auch mit fließendem Übergang nach draußen, wo “Außenunterricht” stattfinden sollte, scheinbar damals ein aktuelles pädagogisches Konzept.
Was für ein frappierender Kontrast zu den heutigen bunkerähnlichen Schulbauten, denen die Diktatur der Energiespar- und Brandschutzvorschriften festungsartig
dicke Wände, kleine Fenster, bedrückende, lange Gänge und schwer ins Schloss fallende, feuerfeste Türen verordnet hat, willig von Kommunen umgesetzt, erlitten und erduldet von Schülern und Lehrern. Vom Außenunterricht bleiben
schmale Fenster übrig, die selbst im Erdgeschoss nur noch
zu kippen sind. Es könnte ja jemand rausspringen – verständlicherweise?
 

Über allen Nationen

Früher bekamen alle Schüler zu ihrem Abschluss ein Buch geschenkt. Heute werden nur noch die Jahrgangsbesten beehrt. Für den Rest ist kein Geld (oder kein Wille?) mehr da. Verblüffend, wenn man bedenkt, wie gering die Mittel 1956 im Vergleich zu heute waren. Die Hamburger Schüler erhielten zu ihrem Volksschulabschluss ein sehr wertig gemachtes Lesebuch mit dem Titel: Über allen Nationen. Sofort ist klar, welcher pädagogisch wertvoller Gedanke gemeint ist: Über allen Nationen steht die Menschlichkeit. Tatsächlich spricht der Hamburger Schulsenator Hans Wenke aber im Vorwort schon von “einer Welt” (1956!), die durch “Technologie und Zivilisation” zusammengewachsen sei und in der die ehemals abhängigen Völker dem “weißen Mann” Paroli bieten wollten. Wie vorausschauend diese Gedanken waren.
Der Inhalt besteht aus Texten von Klassikern bis zu zeitgenössischen Autoren, in denen Schicksale von Menschen aus anderen Ländern geschildert werden, um die Absolventen vor ihrem Einstieg in das Berufsleben noch einmal daran zu erinnern, dass es mehr gibt als Staat und Macht. – Ein Band, der auch sehr nachdenklich macht, weil man sieht, was sich alles verändert hat. Söhne und Enkel des armen asiatischen Jungen, der da um Reis bettelt (aber schon eine Plastiktüte in der Hand hat), konkurrieren heute mit der fortgeschrittenen Industrienation Deutschland um Technologie, Beschäftigung und Wachstum.

Konrad Helbig: Sizilien
Konrad Helbig: Sizilien

Konrad Helbig: Sizilien. Ein opulenter Bildband im Schuber. Konrad Helbig zeigt eine bestürzend schöne, sinnenfrohe Landschaft mit antiker, mittelalterlicher
oder früh-neuzeitlicher, zerfallender Kulisse und den ungeschönten Alltag der Menschen, die dort leben. Hier werden keine “Sehenswürdigkeiten” abgebildet, sondern Geschichten voll dramatischer Wucht erzählt.

Es handelt sich außer dem Schutzumschlag durchgängig um Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Technisch war das damals kaum anders möglich, aber nichts anderes würde auch heute passen. Die eindrucksvolle Fotomontage auf dem Schutzumschlag wurde vom bekannten Grafik-
Designer Erwin Poell erstellt.

Der Band kostete damals sehr teure 40 DM. Ob es am
Preis lag, an der Auflagenhöhe (die 1956 beim Jahresband noch nicht mitgeteilt wurde), an der anspruchsvollen Gestaltungsart oder an der Tatsache, dass Sizilien für die Deutschen noch eine völlig fremde, vom Tourismus gänzlich unberührte Welt war: viele Exemplare blieben in den Regalen der Buchhändler stehen, was man daran erkennen kann, dass das Buch heute antiquarisch noch zahlreich und ungelesen erhältlich ist. Dürfte für den
Verlag ein Verlustgeschäft gewesen sein. Sehr schade!

“Sizilien” ist ein Band mit überwältigendem Reichtum an Inhalt und Detailfülle. Die Schwarz-Weiß-Fotografien sind
in allen Aspekten grandios: Bildaufbau, Perspektive, Durchzeichnung und durchgehender Tiefenschärfe.
Gleich das zweite Bild. Die ionische Küste bei Santa Teresa di Riva. Ein geschichtsträchtiger Küstenstrich im Osten Siziliens. Hier spielt die halbe Odyssee. Und welche Völker der Antike landeten hier nicht? Diese Aufnahme ist äußerst eindringlich. Ich kann deutlich das Meer hören, die ans Ufer rollenden und brechenden Wellen sehen und das zurücklaufende Wasser. Ich spüre den Wind auf der Haut, sehe die ganze Helligkeit, die blauen und grünen Farben, die gelben und roten Blüten. Hier war ich nie und hier werde ich nie sein. Und doch war ich immer schon hier. – Die Bedienung im Café kommt, wirft einen Blick auf das Buch und sagt, sie war zwei Mal in Sizilien.

In den einleitenden Anmerkungen schreibt der Verfasser, bezugnehmend auf die Zeit, die seit Goethes Italienischer Reise vergangen ist und wie sich unser Bild von Sizilien seitdem verändert hat: “Das Geheimnis, dass wir Kinder unserer Zeit sind, rührt uns an, und die Unterscheidung zwischen den Jahrhunderten.” Und der Bildband Sizilien von Konrad Helbig ist nun selbst Geschichte eines vergangenen Jahrhunderts.

Reinhard Lullies / Max Hirmer: Griechische Plastik

Reinhard Lullies / Max Hirmer: Griechische Plastik. Wie schon im Vorjahr, wurde ein weiterer mächtiger Band des Hirmer-Verlages ausgewählt, welcher bis heute anspruchsvolle Kunst-Bände publiziert. Max Hirmer sorgte wieder für die aufwendig und technisch perfekt gemachten Fotografien. Der renommierte Archäologe Reinhard Lullies zeichnete für die kunsthistorische Einleitung sowie die ausgiebigen und detaillierten Erläuterungen der Skulpturen verantwortlich.
Der Band war lange Zeit das Standardwerk zu seinem
Thema, erfuhr mehrere Neuauflagen, die letzte 1979, und wurde in 5 Sprachen übersetzt. Hier abgebildet, wie (fast) immer in meiner Reihe “Die schönsten deutschen Bücher”, die Erstausgabe, die einen goldgeprägten Einband hatte. Das schwergewichtige Buch dürfte das Bücherregal von so manchem stolzen Studienrat geziert haben. –
Max Hirmer (1893-1983) war ein hochinteressanter Mann. Eigentlich war er Professor für Paläobotanik an der Universität München. 1936 wurde er wegen “politischer Unzuverlässigkeit” in den Ruhestand versetzt. Nach dem Krieg gründete er den Verlag, für dessen Veröffentlichungen er zahlreiche Fotografien, stets in höchster Qualität, beisteuerte.
 

William Faulkner: Requiem für eine Nonne

William Faulkner: Requiem für eine Nonne. In einem seiner bekanntesten Werke geißelt der US-Dramatiker den Südstaaten-Rassismus.
An diesem Buch lässt sich wieder einmal erkennen, wie wichtig für die Juroren die Schutzumschläge waren, hier mit dem leicht abfallenden Namenszug. Sehr schön auch der hellblau gefärbte obere Schnitt.
Ungenießbar allerdings der Stil Faulkners mit über mehrere Seiten gehenden Sätzen, verschachtelt mit eingefügten, teils mehr als eine Seite langen Teilsätzen. Marcel Proust ist dagegen Lesefibel für’s erste Schuljahr.
Immerhin steht in diesem Werk der geniale Satz:
„The past is never dead. It's not even past.” Für jeden Geschichte-Lehrer höchst geeignet, um seine Schüler darüber reflektieren zu lassen.
Verwirrend im übrigen die Editionspolitik. Zwei, auch noch ähnlich klingende Verlage haben 1956 gleichzeitig diesen Band veröffentlicht, unterschieden durch farblich leicht variierte Schutzumschläge. Bei der abgebildeten Ausgabe handelt es sich um die prämierte des Verlages Scherz & Goverts, Stuttgart.

linie

Der Wettbewerb in der DDR

Spiegel Deutscher Buchkunst 1956

Spiegel Deutscher Buchkunst 1956

Die zwei Ausgaben „Spiegel Deutscher Buchkunst” (Hardcover) und „Die schönsten Bücher des Jahres” (broschiert) unterschieden sich diesmal nur in der Aufmachung. Denn 1956 wird erstmals weitgehend auf ausschweifende ideologische Erläuterungen verzichtet.
In der kurzen Einleitung von Albert Kapr findet sich der bezeichnende Satz, dass die Jury „dieses Jahr fast ausschließlich aus Fachpersönlichkeiten” bestanden habe.
Der noch im Vorjahr offen proklamierte Einfluss von Parteiideologen auf die Auswahl wurde also zurückgedrängt, vielleicht ein Zeichen einer „fachspezifischen” Entstalinisierung.

Diesmal wurden nur rund 300 Bücher eingereicht, was die Jury positiv sieht, da kaum Titel eingereicht worden seien, die von vornherein keine Aussicht auf Erfolg gehabt hätten. Ausgewählt wurden 37 Titel.

Interessant sind Einblicke in die Beratungstätigkeit der Jury, die offenbar von teils hitzigen Diskussionen geprägt war (“scharf und kritisch abwägende Diskussion”). Beachtlich ist, dass “westdeutsche Gäste” während des Auswahlprozesses anwesend waren.

Insgesamt wird glaubwürdig eine erhebliche künstlerische Weiterentwicklung mit niveauvollen “buchkünstlerischen Leistungen” angeführt. “Repräsentative Ausgaben”, “handkolorierte Holzschnitte” lauten etwa die Stichworte.

Immer wieder kritisiert wird die Tatsache, dass in der DDR zu wenige Schriften zur Verfügung standen, die damals noch “geschnitten” und in Blei gegossen werden mussten. Dieses Mal wurde nicht eine einzige nach 1945 entworfene Schrift verwendet! Meist kamen die Antiqua-Schriften Walbaum und Garamond zum Einsatz. Erstmals liest man immerhin einen kleinen kritischen Hinweis zur von der DDR bis dato noch propagierten Fraktur.

Die Illustrationen, die deutlich besser werden, sollten stets einen Bezug zum Inhalt haben, sich aber vielfältiger künstlicherer Stile bedienen können, so heißt es. “Sozialistischer Realismus” bedeute hier “Weite, nicht Enge” – ein erstaunlicher Satz.

Tatsächlich werden auch bei den Hinweisen der einzelnen Literaturgattungen “Phantasie” und “Experimentierfreudigkeit” gefordert. Passend dazu wird auch die Gruppe des utopischen Romans erwähnt, wenn auch noch ohne Auszeichnung.

Bei den Einzelauszeichnungen ist sehr auffällig, dass erstmals nicht Klassiker des Sozialismus (Marx, Enges, Lenin oder Stalin) die Liste anführen. Sollte das etwas mit dem XX. Parteitag der KPdSU zu tun haben? Das erste Buch stellt nun dar: “Meißener Porzellan”!

Energisch wendet sich die Jury gegen Normierungsbestrebungen, die in der Buchproduktion ab 1958 geplant seien und nicht nur das Buchformat, sondern auch den Satzspiegel betreffen würden.

Bemerkenswert auch, wie nun mit den “Panther Books” (später “Seven Seas Publishers” genannt) eine englischsprachige Buchreihe gestartet wird, die zwar in der Form des “billigen Reihenbuches” (heute: „Paperback”, aber noch nicht im kleineren Taschenbuchformat) herausgebracht wurde, aber ansprechend gestaltet war. Viele Bücher dieser Reihe wurden ins englischsprachige Ausland exportiert, z. B. nach Indien. Eine der ersten Ausgaben der “Panther Books” war “All Things Betray Thee” von Gwyn Thomas, ein sozialkritischer Roman aus der Frühzeit der Industrialisierung in Wales. Auch in der „Sammlung Dieterich” wurden bekannte angloamerikanische Werke veröffentlicht.

Die Gesamtheit der ausgezeichneten Bücher spiegelt ein außerordentlich breites und tiefes Kulturleben wieder.

Edith Rothe (Hg.): Das Kirchenjahr. 1956.

Das Kirchenjahr. Wort und Bild im Dienst des Glaubens. Herausgegeben von Edith Rothe.

Aufwendiger und für die damaligen Verhältnisse geradezu luxuriöser Führer durch das Kirchenjahr. Vorzügliche Illustrationen, teilweise in Farbe. Gedruckt wurde natürlich im Offizin Andersen Nexö, der Kunstdruckanstalt der DDR. Der heute immer noch uneingeschränkt hohe Gebrauchswert des Buches wird leider nur durch die Frakturschrift ein wenig getrübt.

Auszüge aus der Begründung der Jury : “...ein in seiner Art ausnehmend schönes Buch von fast bibliophilem Charakter... Eine sehr feine Bereicherung... Die drucktechnische Leistung ist hervorragend; ungewöhnlich reizvoll...”

Die Förderung religiöser Werke, die es auch immer wieder in die Auswahlliste der “Schönsten Bücher der DDR” schafften, widerspricht an sich schon einem gängigen Klischee.

Dass jedoch dieses Buch erschien – und in so teurer Ausstattung – und mehr noch, dass es von sonst sehr kritischen Juroren mit Lob förmlich überschüttet wurde, war auch ein Politikum. Denn Herausgeberin war niemand anders als Edith Rothe, Tochter des ehemaligen Oberbürgermeisters von Leipzig Karl Rothe.

In einem Akt stalinistischer Willkür war Frau Dr. Rothe
1951 wegen politischer Unzuverlässigkeit als Leiterin der
Stadtbibliothek Leipzig entlassen worden. Ab 1954 erhielt Edith Rothe wieder Aufträge. Und zwei Jahre später diese kaum verhüllte Unterstützung ihrer Kollegen aus dem Kulturbetrieb der DDR.

linie

Ein Blick nach Österreich

Die schönsten Bücher Österreichs 1956

Die schönsten Bücher Österreichs 1956

Das Format des österreichischen Auswahlheftes hat sich nun geändert. Man entschied sich jetzt für das klassische Taschenbuchformat mit einem pergament-imitierenden Einband. Der Umfang war deutlich gewachsen, die Druckqualität weiterhin tadellos. Unschön allerdings, dass es keine Titelei gibt.

Auch das Vorwort ist ausführlicher geworden. Hans Urban, Vorsitzender des österreichischen Verlegerverbandes, beklagt erneut die geringe Anzahl der eingereichten Bücher, worunter der Auswahlprozess leide. Nur 68 Bücher wurden vorgelegt, viele, die den Juroren im Laufe des Jahres positiv aufgefallen seien, fehlten allerdings.

Dennoch werde der Wettbewerb zunehmend beachtet. Und um ihn weiter zu fördern, hat das österreichische Handelsministerium erstmals Preise für die drei schönsten Bücher gestiftet. Der erste Preis wurde immerhin mit 15.000 Schilling dotiert.

Außerdem wolle man mit Hilfe der österreichischen Nationalbibliothek künftig auf einen größeren Fundus zurückgreifen können.

16 Werke wurden schließlich ausgezeichnet. Den ersten Preis erhielt der Band von Hans Sedlmayr: Johann Bernhard Fischer von Erlach. Dies war ein ganz typisches Buch für den österreichischen Literaturmarkt der damaligen Zeit. Bei Fischer handelte es sich um einen Architekten des Barock. Den zweiten Preis erhielt eine Monographie über Eugen Kokoschka (heute antiquarisch sehr teuer). Den dritten Rang konnte erreichen: „Weit ist das Land: österreichische Erzählkunst aus vier Jahrhunderten”.

Heinrich Decker: Oberitalienische Seen

Heinrich Decker (Hg.): Oberitalienische Seen

Wie schon 1955 wurde wieder ein Buch der Reihe “Europäische Fernstraßen” ausgezeichnet. Und wieder ist es der Traum vom Süden, der damals für so wenige Menschen realisierbar war – auch wäre es auch nur für eine kleine
Urlaubsreise gewesen.

Und nach so langer Zeit ist es auch ein Traum, wie diese Gegend der Oberitalienischen Seen einmal aussah, bevor der Massentourismus einsetzte.

Die schöne Aufmachung des Buches mit den ausdrucksvollen und durchgängig qualitativen Schwarz-Weiß-Aufnahmen ist wie im Vorjahr bei “Vom Engadin zum Comer See”.

Die Texte waren damals noch ganz anders in solchen Reiseführern, ehrfurchtsvoll, feierlich:

“Alle oberitalienischen Seen gehören jenem Grenzbereich an, in dem deutsches und italienisches Wesen einander im Gange einer tausendjährigen Geschichte berührt und wechselseitig befruchtet haben, einem Lande, in dem die majestätische Größe der Alpen von südlicher Schönheit gemildert und verklärt wird. Deshalb dürfen wir uns dort in doppeltem, tieferem Sinne heimisch und beglückt fühlen.”

linie

Die auf dieser Seite vorgestellten Bücher wurden geliefert von: Antiquariat Basler Tor (Auswahlheft), Antiquariat Knut Ahnert (Architektur), Stormarner Antiquariat (Nationen), Antiquariat Numero45 (Sizilien), Antiquariat Querido (Griechische Plastik),
Die Bücheroma (Auswahlband DDR), Theologica Engen (Kirchenjahr), Antiquariat Wegner (Auswahlheft Österreich),
Antiquariat an der Rott (Oberitalienische Seen)
.

linie