1955: eine Auswahl

Die schönsten deutschen Bücher 1955

1955. Die Mitte des ersten Jahrzehnts unserer jungen Republik ist erreicht. Im Inneren gibt es weiter eine stabile wirtschaft-
liche Entwicklung. Außenpolitisch werden die Pariser Verträge unterzeichnet, die Westdeutschland zum Mitglied der NATO machen, einhergehend mit der Vorbereitung der Wiederaufrüstung und der Gründung der Bundeswehr. Die “Paulskirchen-
Bewegung” der Linken kann dies nicht verhindern.

Auf dem Buchmarkt bzw. auf der diese bis zu einem gewissen Grad repräsentierenden Auswahlliste “Die schönsten Bücher” ist 1955 wie für die ganzen 50er Jahre die Verbindung von Wirtschaft (“Messebau”, “Jahresabschluss”) und Häuslichkeit (“Die schöne Wohnung”) typisch. Interessant ist auch, dass neuerdings neben dem Blick in die Ferne (Ägypten, Rom, Naher Osten) wieder deutlich mehr Lokalkolorit produziert wird (mehrmals München, auch Augsburg, Schwäbisch Hall). Offenbar unternimmt man wieder mehr Reisen und Ausflüge. Atypisch gegenüber den Jahren zuvor ist, dass in der Auswahlliste so viele Kinderbücher vertreten sind. Die Baby-Boomer-Jahre beginnen.

Die schönsten deutschen Bücher 1955
Elisabeth Niggemeyer / Walter Foitzick: Das Münchner Jahr
Hanns Theodor Flemming: Ewald Mataré
Kurt Lange/Max Hirmer: Ägypten

Die schönsten Bücher des Jahres 1955 (Auswahlheft)

Das Format der Auswahlhefte bleibt nun über Jahre weitgehend gleich. Der Einband ist diesmal rötlich-braun (gebrannte Umbra). Es wurde sehr hochwertiges und angenehm glattes Papier gewählt, der Druck ist ausgezeichnet. Die Schrifttype ist die Garamond in 7 und 9 pt. Wie im Vorjahr werden die Bücher den Textseiten gegenüber jeweils aufgeschlagen abgebildet. Aber der Kontrast ist diesmal viel besser und die Bücher haben auch einen Schattenwurf.
Das Vorwort, wiederum von Georg Kurt Schauer vom Verein deutscher Schriftgießereien, hat es in sich. Zu einen geht es um die Qualitätskriterien, die – so Schauer – leider weder bei den Auszeichnungen, noch bei den Rücksendungen explizit mitgeteilt werden könnten, da es „mindestens im deutschen Bereich” keine „umfassende Formenübereinkunft” gebe. (Mittlerweile ist die Nennung von Kriterien bei den Preisträgern üblich geworden). Zum anderen geben die darauf folgenden Anmerkungen aber durchaus Einblicke in die Kriterien. So wurde bedauerlicherweise nicht ein einziger Roman ausgewählt (stattdessen aber wieder mehrere Bände „Schriftenkunde”), ja, es seien „ganze Verlagsproduktionen durchgefallen” und dies alleine wegen des Layouts der „Titeleien” (die ersten 4 Seiten des Buches vor dem eigentlichen Text). Schauer ergeht sich nun länger über Sinn und Unsinn von „auf Mittelachse stellen” (i.e. zentrieren).
Die „asymmetrischen Titeleien” sei aber ebenso unbefriedigend gewesen. Schließlich versteigt er sich zu der Aussage, die „asymmetrische Anlage” mancher Titeleien entstamme wohl einer von „Sensationslust angestachelten Willkür”. Die Willkür scheint mir doch auf ganz anderer Seite zu liegen. Ob die prämierten „Formblätter für den Jahresabschluss” eine kreativere Titelei hatten?
Die Aufreihung der ausgewählten Bände geschieht 1955 verwirrenderweise rein alphabetisch, d. h. es erfolgt keine Einteilung der Bücher in Gruppen mehr.

Mit Elisabeth Niggemeyer: Das Münchner Jahr schafft es der erste “richtige” Foto-Band auf die Auswahl-Liste, auch dies ein Beweis für die kulturelle Entwicklung der 50er Jahre. In den bisher ausgezeichneten Bänden war die Fotografie nur Mittel, um Kunstwerke oder Architektur zu dokumentieren. Hier ist es nun die Fotokunst selbst, um die es geht und mit der Alltags-Szenen aus München festgehalten werden. Elisabeth Niggemeyer, deren erste Veröffentlichung der vorliegende Band war, entwickelte sich zu einer der profiliertesten Fotografinnen der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre. Am bekanntesten sind ihre Foto-Dokumentationen “Bonn im Bild” (1957, mit Erich Kuby) und “Berlin: die gemordete Stadt” (1964, mit Wolf Jobst Siedler). Die kongenialen Texte zum München-Band schrieb Walter Foitzick, der leider im Veröffentlichungsjahr starb. – Von einem Antiquariat aus Wiesbaden erhielt ich ein neuwertiges Exemplar der ersten Auflage mit dem abgebildeten Schutzumschlag und einem pechschwarzen, sich wie Samt anfühlenden Leineneinband – eine bibliophile Kostbarkeit.

Hanns Theodor Flemming: Ewald Mataré bietet dem deutschen Publikum anspruchsvolle Kunst in einer für die damalige Zeit äußerst anspruchsvollen Edition. Der hoch-
gradig ausgezeichnete deutsche Bildhauer, Maler und Grafiker Mataré kann in seiner Bedeutung überhaupt nicht überschätzt werden. Leider gehört er – zumindestens außerhalb von Nordrhein-Westfalen – selbst in Deutschland nicht zu den allgemein bekannten Namen der Kunst des 20. Jahrhunderts (auch bis jetzt für mich nicht).
Beachtlich auch der berufliche Werdegang und die Entscheidungen, die Mataré traf. Selbst Opfer der Schau “Entartete Kunst” (dort verhöhnten NS-Dummköpfe seine Skulptur “Die Katze”), erhielt er nach dem Krieg 1945 das Angebot, Direktor an der Düsseldorfer Kunstakademie zu werden. Er verzichtete, unter anderem, weil die Aufsichtsbehörden seine Vorstellung nicht teilten, ein Neuanfang müsste mit weiteren, politisch unbelasteten Professoren erfolgen.
Der vorliegende Band, den ich von einem Neusser Antiquariat praktisch neuwertig erhielt, hat neben einem umfangreichen Teil mit Schwarz-Weiß-Fotos noch sieben farbige Reproduktionen von Holzschnitten, die überwiegend im Postkartenformat eingehängt sind. Farbdruck war 1955 noch so teuer, dass hierfür öffentliche Förderung durch den Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen in Anspruch genommen wurde.

Gleich zwei Ägypten-Bände haben es in die Auswahlliste von 1955 geschafft. An Kurt Lange/Max Hirmer: Ägypten
kann man sehr gut feststellen, wie die Juroren mit einer sorgfältigen und überlegten Gestaltung des Umschlages und des Einbandes positiv gestimmt wurde. Der von Eugen O. Sporer gestaltete Schutzumschlag verwendete für den Titel eine antike wirkende Schrift. Eugen O. Sporer kam öfters in den Auswahllisten vor, alleine in diesem Jahr vier mal, unter anderem auch als Gestalter des Vogelkunde-Buches.  Ansonsten ist nicht ganz klar, wie es der “Schinken” in die Auswahl geschafft hat. Selbst für die 50er sind es nur ganz wenige Farbreproduktionen, die zudem nicht scharf sind.
Den vielen Schwarz-Weiß-Fotos von Max Hirmer geht in ihrer mehr dokumentarischen Absicht oft ein bisschen das Künstlerische ab. Die umfangreichen Erläuterungen dieser Abbildungen erfolgen umständlicherweise erst im Anhang, sind sehr klein gesetzt und ermüdend zu lesen.
Der einleitende Text von Kurt Lange ist nicht nur wegen seinen für mich deutlich völkischen Anklängen ungenießbar.
Immerhin werden in wünschenswerter, sonst seltener Detailgenauigkeit die eingesetzten Kameras (Groß- und Mittelformatkameras der Linhof Technika Reihe), Objektive (natürlich Zeiss, Schneider und Voigtländer) und Filme  (Adox und Ektachrome) verzeichnet – außer dem Kodak Diafilm alles deutsche Produkte, denn wir sind in den 50ern noch in einer Zeit, als Deutschland in der Fototechnik weltweit führend war). Max Hirmer nannte seinen Hirmer Verlag “Gesellschaft für wissenschaftliches Lichtbild mbH”.

Robert Gutmann / Alexander Koch: Ausstellungsstände
Robert Gutmann / Alexander Koch: Ausstellungsstände
Hans Wilhelm Smolik: Schwalbenschwanz und Pfauenauge
Gottfried Stein: Ergötzliche Vogelkunde


Robert Gutmann/Alexander Koch: Ausstellungsstände Man könnte meinen, ein langweiliges Thema – jedoch weit gefehlt. Ein aufwendig produzierter, dreisprachiger Band, in dem Beispiele von Ständen auf Industriemessen gezeigt werden, welche in der ersten Hälfte der 50er Jahre in vielen westlichen Ländern veranstaltet wurden. Man kann nur staunen, wie die „Gestalter” (wie man damals noch sagte) zwar durch eine Reihe von Vorgaben eingeengt wurden, aber dennoch ihrer Kreativität freien Lauf ließen und ganz Beachtliches leisteten. Sieht man sich die Fülle der umgesetzten Ideen an, stellt man fest: wirklich Neues wurde seitdem nicht geschaffen. Was sich teilweise geändert hat – und das ist das zeitgeschichtlich Interessante an dem Band – sind Produkte, Materialien und Unternehmen. Da gibt es ehemalige Weltunternehmen wie Hoechst oder BOAC, die nicht mehr oder nicht mehr in dieser Form existieren. Und da sind damals als neuartig vorgestellte Materialien wie Resopal, die heute kaum noch eine Rolle spielen. – Wie an den Eintragungen noch erkenntlich ist, hatte mein antiquarisch erworbener Band verschiedene Vorgänger und kam einmal für damals exorbitante 50 DM in den Handel.

Hans Wilhelm Smolik: Schwalbenschwanz und Pfauenauge. Die durchgängig farbigen Illustrationen von Hedda von Krannhals sind auch nach damaligen Begriffen recht simpel und nicht auf dem Niveau eines Bestimmungs-
buches, passen aber zum erzählenden Stil von Hans-Wilhelm Smolik und waren repro- und drucktechnisch auch preisgünstiger zu machen (Preis des Werkes damals: 4,80 Mark). Für ein Jugendbuch war das Werk insgesamt ansprechend. Störend sind die stark vermenschlichenden Beschreibungen sowie die minutiösen, kein Detail auslassenden Schilderungen, wie die Schmetterlinge von
ihren Feinden gemordet werden. 
Die Biographie des Verfassers ist nicht untypisch für viele deutschsprachige Autoren des 20. Jahrhunderts. Ich erhielt antiquarisch nach fast 60 Jahren ein neuwertiges Buch.

Gottfried Stein: Ergötzliche Vogelkunde ist ein  hübsches Bändchen, in dem der Verfasser viele der heimischen Singvogelarten portraitiert. Dabei geht Gottfried Stein nicht wie ein Wissenschaftler vor, sondern wie ein Naturliebhaber, der eigene Beobachtungen mit Volkswissen aus vergangener Zeit ergänzt. Viele Abbildungen von Thomas Bewick und einige auf Hochglanzpapier eingehängte Farbreproduktionen von Künstlern wie Georg Flegel oder Barbara Regina Dietzsch. Hätte Vorbild sein können für mein Vogel- und Naturtagebuch 1996-2004. Aber die Inspiration war G. – “Kein anderes Geschöpf weiß so viel zu leben, wie der Vogel lebt. Ihm ist der längste Tag kaum lang genug, die kürzeste Nacht kaum kurz genug. Er will wach, munter, fröhlich die Zeit durchmessen, die ihm vergönnt ist.“ (Brehm)
 

Der Star ist in diesem Jahr ist Vevi von Erica Lillegg, illustriert von Dorothea Stefula. Vevi (Genoveva) ist ein österreichisches Mädchen, das als Folge unlösbarer Konflikte und unter dem Einfluss eines “Wurzelzaubers” (Drogen?) eine Persönlichkeitsspaltung erleidet. Die eine der beiden Vevis, die zunächst brave und vorbildliche, gerät außer Kontrolle und begeht ungeahnte Grausamkeiten, während die wilde und disziplinlose andere Vevi die Verantwortung übernehmen muss. Eine sehr tiefgründige Geschichte, die bei ihren jungen Leserinnen und Lesern starken und nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben wird. Und ziemlich ungewöhnlich für die 50er Jahre. Kein Wunder, dass die Autorin mit diesem Stoff bei mehreren Verlagen auf empörte Ablehnung stößt. Der Hamburger Verlag Ellermann bringt die Geschichte, die es neben der Prämierung bei den schönsten deutschen Büchern im folgenden Jahr 1956 auch auf die erste Auswahlliste zum neu gestifteten deutschen Jugendliteraturpreis schafft. Dennoch kürzt noch 1969 der österreichische Obelisk Verlag für seine Lizenzausgabe beträchtliche, als besonders skandalös angesehene Passagen. Schade, dass es die Autorin Erica Lillegg nie zu größerer Berühmtheit brachte. Sie war ihrer Zeit weit voraus. – Und wenn man über “Vevi” spricht, darf die Illustratorin Dorothea Stefula nicht vergessen werden, denn seinen besonderen Reiz gewinnt das Buch auch über die vielen, überdurchschnittlich guten Zeichnungen und das außergewöhnliche Cover.

Erica Lillegg

Erica Lillegg

Dorothea Stefula

Dorothea Stefula

Erica Lillegg/Dorothea Stefula: Vevi
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Der Wettbewerb in der DDR

Spiegel Deutscher Buchkunst 1955

Spiegel Deutscher Buchkunst 1955

Die DDR brachte zum zweiten Mal einen aufwendig gemachten Hardcover-Band in Leinen, diesmal sogar mit Goldprägung, unter dem Titel „Spiegel deutscher Buchkunst” heraus. Als broschierter Sonderdruck daraus erschien „Die schönsten Bücher des Jahres 1955”, herausgegeben von der „Regierung der Deutschen Demokratischen Republik”.

Der Band enthält vier Vorworte, Ansprachen und Einleit-
ungen. Der sich darin zeigende Eindruck ist widersprüchlich. Vorsichtigen Liberalisierungstendenzen steht harsches Pochen auf Kontrolle der Literatur durch den Staat gegenüber.

Im Vorwort von Karl Wloch wird mit Stolz auf die abermals verbesserten Ergebnisse der Buchproduktion der DDR verwiesen, die es auch ermöglicht habe, diesmal 45 Bücher auszuzeichnen (von 500 eingesandten Titeln), und dies mit „strengeren Maßstäben” als in den Jahren zuvor. Es würden auch bedeutende Absatzzahlen im Export erzielt.

Zum ersten Mal fand die Auszeichnung öffentlich statt und die Bücher gingen auf Ausstellungsreise in die DDR und ins Ausland – so was war in der BRD noch weit entfernt.

Die Zahl der Buchtitel mutet im Vergleich zu heute bescheiden an. 1955 wurden in der DDR insgesamt 9226 Buchtitel aufgelegt. 1930 waren im gesamten Deutschen Reich über 30.000 Titel erschienen. Anteilig im Verhältnis zur Fläche und zur Bevölkerungsanzahl hatte man also nach 25 Jahren diesen Stand wieder erreicht. Belletristik sowie Kinder- und Jugendbücher brachten es zusammen nur auf 29,7 Mio Exemplare: nicht mal zwei Bücher pro Kopf. Darin sind aber auch Bibliotheksbestände enthalten.

Noch bestehende Probleme mit der Versorgung v. a. hochwertiger Papiere und beim Erwerb von Lizenzen von ausländischen Verlagen werden in erstaunlicher Offenheit eingestanden. Realistisch auch die Selbsteinschätzung, dass es gelungen sei, „Anschluss zu finden an die internationale Buchproduktion” (womit man natürlich noch nicht zufrieden sei). Es gab einen kleinen Seitenhieb auf die in Anführungszeichen gesetzte „westliche Freiheit” der kapitalistischen Bundesrepublik. Sonst ist der Beitrag von Karl Wloch bemerkenswert unideologisch.

Auch in einer weiteren Einführung von Horst Kunze tauchen die „realistische Buchkunst” und der „Auftrag der Werktätigen” eher am Rande auf – scheinbar eine Pflichtübung.

Deutlicher wird dann im „Bericht der Jury” der Vorsitzende Walter Heisig vom Institut für angewandte Kunst, Berlin.
Walter Heisig war ein fanatischer Ideologe des „anti-funktionalistischen” und „anti-formalistischen” Kampfes – deshalb wurde er an die Spitze des Instituts berufen. Unter seiner Leitung wurden gar Sammlungen von abzulehnenden Design-
Richtungen angelegt, wie dem „Kitsch”. Darüber hinaus war es speziell das „verderbliche” Bauhaus, das den besonderen Unmut der staatlichen Kultur-Aufseher der DDR erregte. Die Grundzüge totalitärer Kulturpolitik sind unübersehbar.

Offen wird von Heisig ausgeführt, dass „mehrere Mitglieder der Jury” hauptsächlich „den inhaltlichen Wert” der Werke begutachtet hätten. In erster Linie war dies „Herr Dr. Müller vom Staatssekretariat für Hochschulwesen”, also von der Regierung. Dieser Art von Beratung sei in Zukunft „noch mehr Aufmerksamkeit” zu widmen (S. 25).

Bedenklich auch, dass explizit erklärt wird, Mitglieder der Jury urteilten vielfach über ihre eigenen Werke. Damit waren vor allem Albert Kapr und Horst Erich Wolter gemeint. Dies sei aber unproblematisch, da diese Juroren die schärfsten Kritiker der Schwachstellen ihrer eigenen Produkte seien (S. 24). Unerträglich dann der Ton, in dem hervorragende Künstler wie Josef Hegenbarth und Max Schwimmer abgekanzelt werden. Es folgt ein Dank an Werner Rouvel für
„künstlerisch-idiologische (sic) Hinweise”.

Es musste dann wohl auch sein, dass die Autoren der ersten drei ausgezeichneten Bücher Karl Marx, Friedrich Engels und Wilhelm Pieck heißen.

Der Bericht der Jury zeigt aber auch, wie sich seit 1952 schon ein klein wenig geändert hatte. Statt des kruden sozialistischen Realismus wird nun – und wahrscheinlich nicht vollends rhetorisch – eine „absolute Freiheit der künstlerischen Potenz” gefordert – die sich allerdings dem Gesetz der Übereinstimmung von Inhalt und Form unterstellen müsse. Ideologisch engstirnig geht es noch zu, wenn darauf gepocht wird, dass die historische Bedingtheit verschiedener Schriftgattungen wie Garamond und Antiqua zu beachten und dass Groteskschriften nur dort zu verwenden seien, wo sie „inhaltlich zu rechtfertigen” seien (S. 33). Die überholten, schwer lesbaren Frakturschriften werden weiterhin propagiert, wahrscheinlich weil man sich als Wahrer des deutschen Kulturerbes darstellen will. In Bezug auf die weiteren Gestaltungselemente Typographie, Ornament und Illustration wirken die Aussagen und Forderungen in der Gesamtheit bürokratisch-belehrend. In der BRD regelten das der Markt und letztlich der Geschmack der Konsumenten.

Das ganze Wettbewerb kann bis zu einem gewissen Grad auch gesehen werden als Versuch einer planwirtschaftlichen Steuerung des Kulturlebens.

Bei der Vorstellung der einzelnen prämiierten Titel, die aus einem breiten Sortiment von Fachrichtungen erfolgte, wird wieder äußerst detailliert vorgegangen. Dabei erfolgt Lob, aber es wird auch nicht mit offener und immer konkreter Kritik gespart. Einige der Werke sind von sehr hoher künstlerischer Qualität und inzwischen praktisch unbezahlbar geworden, wie die 3-bändige Ausgabe der “Abteikirche von St. Gilles”.

Der Abbildungsteil des Kataloges ist ebenfalls sehr ausführlich und demjenigen BRD und Österreich deutlich überlegen. Einige Bücher erhalten gar 3 Abbildungen.
 

Der Ackermann und der Tod
Der Ackermann und der Tod

Der Ackermann und der Tod

Hier zeigte die DDR, was sie für tolle Bücher herstellen konnte und dass sie in der Buchproduktion dem Westen in nichts nachstand – mindestens! Alleine der Schutzumschlag ist eine Augenweide. Der Einband hat ein vertieftes, goldenes Emblem und jedes Kapitel ein in Metall geschnittenes Initial von Herbert Lorenz. Vergoldeter Kopfschnitt.

Die Buchgestaltung kam von Horst Erich Wolter, dem vielleicht besten Buchkünstler der DDR. Die Schrift des Buches ist die Antiqua des holländischen Stempelschneiders Anton Janson
(1620-1687). Die Jury: “Meisterleistung”, “höchstes Lob”.

Der Text ist eine berühmte, wortgewaltige und bedeutungsschwere Erzählung aus dem späten Mittelalter, geschrieben von Johannes von Saaz und von einigen als Frühwerk des deutschen Humanismus angesehen, in der Übersetzung von Horst Franck. Ein Bauer, dem seine schöne, junge Frau gestorben ist, diskutiert mit dem Tod und muss dabei ein paar bittere Lektionen lernen.

Die Geschichte beruhte auf einer wahren Begebenheit. Die Frau des Verfassers starb am 1. August 1400 im Wochenbett.

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Ein Blick nach Österreich

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Die schönsten Bücher Österreichs 1955

Der Österreichische Verlegerverband brachte letztmalig in diesem schmalen, aber gelungenen broschierten Format die Ergebnisse seines Wettbewerbes heraus. Die Broschüre war hübsch, frisch und kreativ gemacht und im Vergleich mit BRD und DDR graphisch deutlich besser. Diesmal wurden
12 Bücher aus nur 54 eingereichten Titeln ausgewählt.

Allerdings hatte Österreich Mitte der 50er Jahre auch nur
7 Millionen Einwohner gegenüber knapp 18 Millionen der DDR und 53 Millionen der BRD!

Doch ist es nicht nur die geringe Anzahl der vorgelegten
Werke, auch thematisch lässt einen die Auswahl ein bisschen ratlos werden. Sofern ein solcher Wettbewerb ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung ist (woran der Rezensent glaubt), schien Österreich im Vergleich mit der Bundes-
republik Deutschland und der DDR zurückzubleiben. Durch die Konzentration auf Kulturgeschichte, Religion und Landschaft entsteht ein etwas provinzieller Eindruck.

Immerhin war 1955 eine bedeutende Wegmarke in der österreichischen Geschichte. Die Besatzungszeit war zu Ende und die Republik erlangte Souveränität. Wie würde sich das im literarischen Leben auswirken?

Walther Flaig: Vom Engadin zum Comer See

Walther Flaig (Hg.): Vom Engadin zum Comer See

Österreich wucherte mit seinem Pfund der landschaftlichen Schönheit. Hier führt uns eine Straße quer durch die Alpen von Österreich über die Schweiz bis nach Italien. Dahinter steht der Traum vom Süden, so typisch auch für die Deutschen und damals für die meisten Menschen noch unerfüllbar.

Damals waren auch die Reiseführer noch so aufgemacht wie dieser Band: mit Schwarz-weiß-Fotos und Zeichnungen. Man konnte noch selbst was entdecken und nicht nur Sehens-
würdigkeiten abhaken, die man vorher schon auf farbigem Hochglanzpapier und perfekt fotografiert angeschaut hatte.

Der Band war Teil einer Reihe “Europas Fernstraßen”, die noch öfters ausgezeichnet werden sollte.

Die meisten Fotos stammen von Albert Steiner aus St. Moritz. Der Skiort St. Moritz, wo sich im Winter die Schönen und Reichen einfanden – auch so ein sehnsuchtsvoller und unerreichbarer Traum in den 50er und 60er Jahren.

Albert Steiner, der sein Handwerk in den 1890er (!) Jahren erlernte, starb im Alter von 88 Jahren ein Jahr nach der Veröffentlichung dieses Buches. Seine Fotos, die das Bild der Alpen mitprägten, erzielen heute noch 4-stellige Beträge.

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Die auf dieser Seite vorgestellten Bücher wurden geliefert von: Antiquariat Ballon + Wurm (Auswahlheft), hilkabooks (münchner jahr), Antiquariat Krull (Mataré), Celler Versandantiquariat (Ägypten), Steinenbücher (Ausstellungsstände), Antiquariat Werner Kirschner (Vogelkunde), Antiquariat Elke Noce (Schwalbenschwanz), Der blaue Buchladen (Vevi), Antiquariat an der Moritzburg (DDR-Auswahlheft), Antiquariat Patzer und Trenkle (Ackermann), Antiquariat Wegner (Auswahlheft Österreich), Antiquariat Margaritella (Engadin).

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