1953: eine Auswahl

Die schönsten deutschen Bücher 1953

1953. Der dritte Jahrgang des Wettbewerbes “Die schönsten deutschen Bücher”. – Die Bundesrepublik befindet sich auf dem Weg ins Wirtschaftswunder. Konrad Adenauer wird zum zweiten Mal zum Kanzler gewählt, womit eine Vorentscheidung über die Westbindung gefallen ist. In der DDR wird ein Arbeiteraufstand blutig niedergeschlagen.

Die Buchproduktion floriert. Im Vorwort von Bertold Hack (Börsenverein) wird darauf hingewiesen, dass die (bundes-)
deutsche Buchproduktion nun wieder internationales Format erreicht habe. Deshalb habe man wieder eine Auswahl von 50 Bänden (statt voher 20) getroffen, weshalb die Jury mit den Ergebnissen eine „größere Befriedigung” verbinde als bisher. Die Bücher werden erstmals in fünf Gruppen unterteilt und zum ersten Mal sind auch Kinder-und Jugendbücher vertreten. Dabei werden Belletristik und (von der Jury nicht als „wissenschaftlich” angesehene) Sachbücher als „Allgemeine Literatur” zusammengefasst. Ob die Ausweitung auf 50 Titel wirklich lohnend war? Darunter befinden sich auch etliche Gesammelte Werke von Klassikern, dicke Leinenbände, unter denen sich die Regalböden biegen.

Inhaltlich ist es nach wie vor die Rückbesinnung auf die eigene Tradition in Literatur, Wissenschaften und Kunst vor 1933, die man unausgesprochen der faschistischen Barbarei entgegenstellt. Hinzu kommen Werke aus westeuropäischen Ländern, wobei Frankreich eine große Rolle spielt. Geschichte allerdings kommt nicht zu oft vor, was sich bereits 1954 ändern sollte.

Eine persönliche Auswahl

Die schönsten deutschen Bücher 1953
Jean Cocteau: Démarche d’un poète / Der Lebensweg eines Dichters
Dieter Wyss: Tanz durch’s Infrarot
Gertrud von le Fort: Plus ultra
Fritz August Breuhaus de Groot: Bauten und Räume
Henri Matisse: Frauen
H. J. Kaeser: Mimff: Der Junge, der auszog, das Fürchten zu lernen

    Die schönsten Bücher des Jahres 1953

    Das Auswahlheft hat nun mit 12,8 x 20,9 cm annähernd das typischen Romanformat erreicht, das bis Ende der 70er Jahre bestehen sollte. Ansonsten wird es gegenüber dem Heft von 1952 wieder etwas schlichter. Es hat einen schmalen Buchrücken sowie einen kleinen Schutzumschlag in grau-blauem, dünnem Karton, auf dem in großer Konturschrift der Titel steht.

    Durch das verwendete glatte Papier liegt das Heft sehr gut in der Hand. Es werden die Schriften Imprimatur und Columna (entwickelt erst 1952) in mehreren Größen und Schnitten verwendet. Bei der Angabe der nun noch ausführlicheren Details der Bücher ist die Schrifttype sehr klein geraten. Insgesamt wirkt das Seitenlayout gedrängt und unruhig.

    Unter anderem wird das verwendete Papier der prämierten Bände nun äußerst genau beschrieben. Zudem gibt es auch Angaben zu den Herstellern der Druckstöcke (wir sind im Jahr 1953) sowie genaueste und ausführliche Beschreibungen des Einbandes, dessen Designern, der verwendeten Materialien und deren Lieferanten.

    Erstmals sind den Textseiten jeweils Bildseiten gegenübergestellt, auf denen die Bücher teilweise in mehreren Ansichten abgebildet sind, natürlich noch in schwarz-weiß.

    Die ausgewählten Bücher stellen eine viel buntere Mischung dar als noch 1951. Nun taucht auch Musik auf (etwa ein modernes Werk wie das als “Funk-Oper” bezeichnete Opus „Das Ende einer Welt”), die Romantik ist mit Hölderlin erneut vertreten, Bernhard Shaw findet sich ein und die Theologie bekommt einen gewichtigen Platz eingeräumt. Es gibt auch Namen, die mittlerweile völlig in Vergessenheit geraten sind, wohl teilweise zu Recht, wie Caroline Friederike Strobach. Die Literaturkritik der “Zeit” meldete gegenüber “Das Licht im Fenster” schon 1953 erhebliche Bedenken an. – Und auch ein Naturbuch wurde nun aufgenommen.

    Viele Autoren (damals sagte man noch “Dichter”, später “Schriftsteller”) kommen aus dem französischen Ausland wie  Marguerite Yourcenar (“Madame de”) oder Jean Cocteau. Dessen Werk Démarche d’un poète / Der Lebensweg eines Dichters beinhaltet autobiographische Reflexionen über die Kunst, sein Leben und die Einflüsse, denen es unterlag. Der Band ist zweisprachig und enthält viele Bilder von Cocteau, davon vier farbige („Farbtafeln” nannte man die damals). Der fest aufgetragenen Schutzumschlag des ansprechenden, großformatigen Bandes wurde „im Film-Schablonen-Druckverfahren von der Mechanischen Weberei Pausa, Mössingen/Württ. hergestellt”. Der Text von Jean Cocteau ist interessant, aber auch sehr abstrakt und intellektuell.

    An den Titeln merkt man, dass manche Bücher jetzt ungewöhnlicher werden, ja geradezu avantgardistisch klingen. Da ist etwa Dieter Wyss: Tanz durch’s Infrarot. Dieter Wyss war ein bekannter Psychologe mit der Fachrichtung „Daseinsanalyse” und ist durch etliche wissenschaftliche und belletristische Veröffentlichungen hervorgetreten. In den Gedichten und kurzen Texten, oft stakkatoartig, durchgängig in Kleinschreibung mit Großbuchstaben nur am Satzanfang, wimmelt es von entfremdeten, im Gestrüpp unverstandener Beziehungen und Verhältnisse nach Orientierung suchender Menschen. Es geht recht skurril, teils auch beklemmend zu. Typisch diese Zeilen: “Auswandern ist zwecklos / Bürger gibt es ja überall.”

    In den Texten lassen sich in der erkennbaren Angst vor der anonymen Massengesellschaft der großen Städte Anklänge an die deutsche expressionistische Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts finden. Ungemein passend sind die Federzeichnungen von Willibald Kramm, eines noch wiederzuentdeckenden Künstlers. Typographie und Einband wurden gestaltet von Lambert Schneider, Gründer eines Verlages mit wechselhafter und interessanter Geschichte.
    Die Juroren haben ein sehr schönes Buch ausgewählt, der Umschlag fein und stilvoll in hellrosa/dunkelblau gehalten. Ich konnte es glücklich antiquarisch erwerben, nach all den Jahren (61!) noch perfekt erhalten und wie neu.

    Für einige prämierte Werke ließe sich wohl heute kaum noch ein bedeutender Verlag finden, es sei denn, ein erzkatholischer. „Die Frau” von Frederik J. J. Buytendijk (laut Wikipedia in den Niederlanden damals „Vorsitzender der Katholischen Vereinigung für Geistige Volksgesundheit”) ist ein solches Beispiel. Vertreter des jetzigen, in seiner Art genauso einseitigen „Gender Mainstreaming” dürften bei der Lektüre, die sie sich gleichwohl nicht antun würden, in Schockstarre fallen und versuchen, rückwirkend eine Zensur zu erreichen. Umgekehrt wären wohl die einschlägigen „Gender”-Strömungen der Jetzt-Zeit für Herrn Buytendijk Erscheinungen eines unfassbaren und furchterregenden Zukunftstaates, den er sicher als totalitär empfunden hätte.

    In eine ähnliche ideologische Richtung fällt Gertrud von le Fort, deren Novelle Plus ultra (“Immer weiter”) aufgenommen wurde. Hier ist es die mittelalterliche Welt der Kaiserinnen und Kaiser, der Regentinnen und Majestäten, der die Autorin ihre Ehre erweist und in der die berühmte katholische Schriftstellerin vielleicht auch innerlich noch beheimatet war. Der huldvolle Text, eine Erzählung, in der es um eine Hofdame aus dem 16. Jahrhundert geht, ist heutzutage schwer zu lesen, nicht nur weil er den Sicherheitsabstand zum Kitsch nicht immer einhält, sondern auch wegen dem eigentümlichen Stil, in dem die eigentlich kurzen und simplen Sätze immer wieder mit eingeschobenen, noch kürzeren Teilsätzen versehen werden. Die prämierte Ausgabe aus der limitierten Reihe “Trajanus Presse” ist ein wertvoller Band in Kassette, den ich antiquarisch ungelesen und gekennzeichnet als Exemplar 315/500 ergattern konnte. Das Buch wurde im Großdruck in der eigens von Gudrun Zapf-von Hesse für die Reihe entworfenen Schrift Diotima gedruckt.

    Sehr viel wurde aus den Bereichen Architektur, Bau und Handwerk ausgewählt, wohl, weil es die Zeit des Wiederaufbaus war.

    Architektur zu Beginn der 50er Jahre, aber eigentlich in dieser Qualität zeitlos, bringt Fritz August Breuhaus de Groot: Bauten und Räume. Der weltberühmte Architekt stellt eine Reihe von Projekten vor, in erster Linie Landhäuser, bei denen ihm wichtig ist, dass sie optisch und ästhetisch in die Umgebung eingebettet sind. Seine Auftraggeber sind betuchte, feinsinnige, kultivierte und für Neuerungen offene Millionäre, oft auch hochrangige Politiker.

    1953_lille_brondegaard_1953

    Beispielhaft für das Niveau gleich das erste Projekt, das umfassend dokumentiert wird: diesmal sein eigenes Wohnhaus „Lille Brøndegaard” („Kleiner Brunnenhof”) in Bad Honnef-Rhöndorf, erbaut 1951/52, hier abgebildet aus dem besprochenen Band sowie 2014.

    1953_lille_brondegaard_2014

    Außergewöhnlich die Gestaltung des Hauses, von erlesenstem Geschmack die Inneneinrichtung, die bis ins kleinste Detail durchdacht ist. Die Werte alleine der in der Wohnung befindlichen Kunst- und kunsthand-
    werklichen Gegenstände gehen wahrscheinlich in die Millionen. Trotzdem wirkt es nicht nach Protz, weil ganz sicheres Stilbewusstsein dahinter steht. Auffällig die Verbindung von für die damalige Zeit fast futuristischen Formen und Behaglichkeit sowie von globalen Einflüssen und regionalem Bezug. Ein Traum! – Im Vorwort schreibt F. A. Breuhaus von der „ruhelosen Hast der Zeit”. Das war 1953...

    Kunst- und Fotobände haben nun eine eigene, größere Abteilung, die leider mit einem Werk des NS-belasteten Designers Max Burchartz anfängt. Besser ist da schon der Band Ludwig Grote: Deutsche Kunst im 20. Jahrhundert (den ich leider nicht in vernünftiger Qualität erhalten konnte, obwohl ich bis nach Spanien suchte). Genauso gut hätte man titeln können: “Deutsche Kunst bis 1933”. Es wird deutlich, wie dem Bürger und Leser nach den Verwüstungen des NS-Faschismus zunächst einmal wieder eine Übersicht gegeben werden musste, was moderne Kunst überhaupt ist und wie sie in Deutschland ausgeprägt war.

    Diesen Zweck erfüllen auch immer wieder die Bändchen der Insel-Bücherei, welche von den Juroren zum wiederholten Male eine Reihenprämierung erhielt. Vertreten ist unter anderem Henri Matisse: Frauen. Toll, welche Verdienste sich diese günstig produzierte und dennoch ansprechend gestaltete Reihe, die seit 1912 bis auf den heutigen Tag (2014) erscheint, erworben hat.

    Erstmals wurden Kinder- und Jugendbücher aufgenommen. Eines davon waren die Abenteuer-
    geschichten von H. J. Kaeser mit dem Titel
    Mimff: Der Junge, der auszog, das Fürchten zu lernen
    . Was das Buch zu einem schönen Buch macht, das erklärt der Verlag selbst im Klappentext: die kolorierten Farbzeichnungen des englischen Künstlers Edward Ardizzone.

    Die Recherche nach dem (wie ich glaubte) Verfasser
    H. J. Kaeser führte mich zu Hildegard Johanna Kaeser (1904-1965), geborene Zander, einer aus Berlin stammenden jüdischen Schriftstellerin, die 1933 im Gegensatz zu vielen anderen die Zeichen erkannte und über Frankreich und Dänemark nach Schweden auswanderte. Lange nach dem Krieg nahm die Autorin  sich 4 Tage, nachdem ihr Mann Walter Kaeser gestorben war, im Alter von 60 Jahren das Leben.
    Das Mimff-Buch wurde zuerst 1941 in Stockholm veröffentlicht und erhielt später mehrere Fort-
    setzungen, von denen die erste auf Englisch erschien.

    Nebenbei bemerkt waren diese Informationen über Hildegard Johanna Kaeser nur auffindbar über Google Books, das mich zum Werk German Children's and Youth Literature in Exile 1933-1950 von Zlata Fuss Phillips führte. Dieser hochinteressante Band kostet leider EUR 159,95...

linie

Der Wettbewerb in der DDR

Deutsche Buchkunstausstellung 1953
Die realistische Buchkunst in der Deutschen Demokratischen Republik

Deutsche Buchkunstausstellung 1953

1953 führte die DDR in Leipzig wieder eine internationale Buchkunstausstellung durch. Vertreten waren allerdings nur die sozialistischen Länder – und Verlage aus Westdeutschland.
Neben einer geographischen Untergliederung gab es einige Themenstände. Zwei Stände alleine hatten „Karl-Marx-Ausgaben”.

Im Rahmen der Ausstellung wurden auch die 20 „Schönsten Bücher des Jahres 1953” präsentiert. An erster Stelle stand: „Josef Stalin: Der Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft”, im Vorwort von Joachim Uhlitzsch in einer peinlichen, unterwürfigen Lobhudelei als „geniales Werk” des „größten Staatsmannes und Wissenschaftlers (!) unserer Zeit” gerühmt.

Neben den wenigen politischen Werken bietet die Auswahl eine bunte Vielfalt, hinter der jedoch ein bestimmter politischer Wille sichtbar wird: sehr viel gibt es zu volkstümlichen Schätzen der internationalen sozialistischen Welt, einiges zum kulturellen Erbe der deutschen Geschichte und auch die Natur und das Gärtnern kommen mehrfach vor. Schließlich ist es ein Buch zur Textilkunde, mit dem demonstriert werden soll, wie Produktion und Konsum im „Arbeiter-und-Bauern-Staat” vorankommen. Dies in dem Jahr, in dem der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 brutal niedergeschlagen wurde.

Im ersten kurzen Vorwort des Ausstellungskomitees geht es noch gemäßigt zu. Dann
kommt in einem zweiten, ausufernden Beitrag Joachim Uhlitzsch zu Wort. Uhlitzsch war
eine ziemlich finstere Gestalt im DDR-Kulturleben. Er war während seines Berufslebens Mitglied der SS, des sowjetischen Geheimdienstes und der Stasi. Die Ausführungen zur Rolle des schönen Buches im antiimperialistischen Kampf sind schauderhaft (S. 11). Nicht vergessen wird hierbei die Aufgabe, der „überragenden sowjetischen Buchkunst nachzueifern” (S. 12).

Wo Uhlitzsch konkret auf die Gestaltung der Bücher eingeht, ist die Übereinstimmung mit den katheterhaft vorgetragenen Lehrmeinungen der westdeutschen Jury geradezu komisch. In der DDR hetzte man ähnlich wie im Westen gegen „Originalitätssucht, immer wiederkehrende unangebrachte und unschöne Asymmetrie”. Gegeißelt wurden „Formzertrümmerung, Nichtskönnertum und Dilettantismus” (S. 14). Vgl. dazu die BRD-Vorworte 1955, 1957 und 1959.

Verblüffend dann allerdings die Erkenntnis des DDR-Kulturpolitikers, in diesen abgelehnten ästhetischen Erscheinungen einen „Zerfallsprozeß”, den „Niedergang des Kapitalismus” und den „Klassencharakter” solcher Machwerke zu erkennen. Sieht man sich heute auf den antiquarischen Vertriebskanälen die von Uhlitzsch gebrandmarkten Beispiele von „zerstörendem Formalismus”, von „Kitsch” und die „Geschmacklosigkeiten” an (etwa den phantasievollen Schutzumschlag von „Der Nixenkrieg zu Schlössing”), erkennt man nichts anderes als – bedrückende obrigkeitsstaatliche Willkür gegen Phantasie und Kreativität.

Das Auswahlheft ist insgesamt etwas hochwertiger gestaltet als das BRD-Pendant, hat allerdings einen empfindlicheren Einband.

1953 erschien noch eine weitere, mit über 100 Seiten sehr umfangreiche Broschüre zum Wettbewerb, nämlich:

Die realistische Buchkunst in der Deutschen Demokratischen Republik.

Hierin findet sich derselbe Inhalt, erweitert um eine Vielzahl von Reden und ausführliche Begründungen der Auswahl für jeden einzelnen Band (was man in der BRD fortgesetzt verweigerte). Ab S. 105 werden nachträglich „die schönsten Bücher 1951-52” vorgestellt. Diese Auswahl wurde offenbar zeitversetzt erstellt, denn die Liste stimmt nicht überein mit den im Vorjahr auf der Buchkunstausstellung 1952 präsentierten “schönsten Büchern”. Vielleicht fand eine Neubewertung statt. Auf jeden Fall scheint das Jahr 1951 im Nachhinein einbezogen worden zu sein, weil man der BRD den Vorteil nicht gestatten wollte, schon 1951 einen Wettbewerb ins Leben gerufen zu haben.

Diese 20 Werke werden angeführt von J. Stalin und Walter Ulbricht, gefolgt von der „Enzyklopädie der UdSSR”. In den Anmerkungen und Begründungen wird die „Neue Sachlichkeit” als „kosmopolitisch” entlarvt.

Otto Baier: Textilwarenkunde für Verkäufer

Angenommen (“Gelungener Versuch künstlerischer Gestaltungsprinzipien”)

Otto Baier: Textilwarenkunde für Verkäufer

Aus den Erläuterungen der Jury geht eindeutig hervor, dass die “Textilwarenkunde” aus “gesellschaftspolitischen” Gründen in die Auswahl aufgenommen wurde. Wollte man demonstrieren, welche Auswahl die Verbraucher in der DDR schon wieder hatten? Die vielen edlen Stoffe, die hier vorgestellt wurden, waren zu dieser Zeit wahrscheinlich selbst im Westen nur begrenzt verfügbar.

Zweifelsohne ist das Buch sehr informativ und für die damaligen Verhältnisse gut illustriert. Aber der gesamte Satz wirkt sehr unruhig und gedrängt. Vielfach fehlen Absatzabstände, dann sind sie wieder da. Immerhin sei die Jury “zunächst auch geteilter Meinung” gewesen.

Die “künstlerische” Gestaltung reduziert sich auf die Ornamente auf Schutzumschlag und Einband. Damit habe der Buchkünstler “das veränderte Verhältnis des Lernenden zur Wissenschaft in unserer Deutschen Demokratischen Republik auszudrücken versucht”, so Joachim Uhlitzsch auf S. 39/40.

Alf Scorell: Der Nixenkrieg von Schlössing
1953_nixenkrieg_einband

Abgelehnt (“zerstörerisch, formalistisch, schablonenhaft”)

Alf Scorell: Der Nixenkrieg von Schlössing

Nur wegen des phantasievollen Umschlages, der der graphischen Gestaltung seiner Zeit weit voraus war und vom Stil her in den 80er Jahren häufig zu sehen sein wird, wurde dieses Buch abgelehnt. Man beachte auch den außer-
gewöhnlich schönen Einband. Zudem ist der obere Schnitt noch moosgrün gefärbt.

Joachim Uhlitzsch verstieg sich im Vorwort der “Realistischen Buchkunst” zu so hemmungslosen Formulierungen wie “Zerfallsprozeß”, “intellektualistisch”, “Vernichtung der Buchkunst”, “Zerstörungsprozeß”, der sogar “doppelseitig” sei und seinen “Klassencharakter bestimme”. “Eindeutige Beweise” dafür seien neben dem Schutzumschlag des “Nixenkrieges” (gestaltet vom bekannten Künstler Hans Neubert) noch zwei weitere Werke, darunter auch “Allgemeine Milchwirtschaft und Milchhygiene” (S. 33).

linie

Ein Blick nach Österreich

Die schönsten österreichischen Bücher 1953

Die schönsten Bücher des Jahres 1953

Österreich brachte 1953 eine im Vergleich zu BRD und DDR viel mehr graphisch gestaltete Broschüre heraus, und das noch in einem Farbumschlag, einem hellen Zitronengelb, und mit schönem, gestrichenem Papier und in unüblichem Format. Die Fotografien der Bücher sind deutlich besser als im BRD-Katalog und etwa gleichwertig dem DDR-Pendant aus diesem Jahr. Die bibliographischen Angaben sind sehr übersichtlich und wirken im Satz richtig modern.

Diesmal wählte die Jury 10 Preisträger aus 86 Titeln aus, die insgesamt höherwertiger produziert worden seien als im Vorjahr.

Schwerpunkte der Auswahl sind Kunst, Kultur, Volkstum und Religion – typisch Österreich der 50er Jahre?

1953_van_gogh

Die Chronik des Vincent van Gogh

Was ist an diesem Buch typisch österreichisch? Vor allem die hier erstmals als Illustration erschienenen Grafiken des Ernst Fuchs. Als das Buch erschien, war Ernst Fuchs gerade 23. Er wurde zum Mitbegründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Also ein mutiger Schritt des Verlages, der sich durch die Prämierung auszahlen sollte.

Allerdings scheint der Verlag mit dem Einband so seine Last gehabt zu haben. Die Grafiken von Ernst Fuchs sind teils surrealistisch, teils auch düster und makaber. Der für den Einband gewählte Totenkopf erschien im Nachhinein wohl doch zu morbide, so dass er von einer gelben Bordüre überdeckt wurde. Bereits für Exemplare der ersten Auflage wurde ein komplett neuer Schutzumschlag entwickelt.
 

linie

Die auf dieser Seite vorgestellten Bücher wurden geliefert von: Antiquariat Ballon + Wurm (Auswahlheft, Auswahlheft DDR), Cajos Galerie (Cocteau), Antiquariat im Lenninger Tal (Wyss), Antiquariat Marc Lücke (Gertrud von le Fort), Antiquariat und Galerie Gerhard Zähringer
(F. A. Breuhaus), Celler Versandantiquariat (Matisse) und audioartbooksuk (Mimff), Prometheus Antiquariat (Realistische Buchkunst), Partes Antiquares (Textilwarenkunde), Antiquariat Wegner (Auswahlheft Österreich), Antiquariat Bernd (van Gogh).

linie