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Das Ereignis des Jahres 1984 waren die Olympischen Sommerspiele in Los Angeles, aber diese waren auch ein Symptom für die Spätphase des Kalten Krieges, denn die Ostblock-Staaten boykottierten die Spiele. Das war die Retourkutsche für das Ausbleiben der USA und vieler westlicher Staaten bei der Olympiade in Moskau 1980. Offiziell ging es den staatlich gesteuerten Sportverbänden der sozialistischen Staaten aber um den “Protest gegen die Kommerzialisierung des Sports”, den man so nicht mitmachen könne...

Abgesehen von Sport-Ereignissen wurde das internationale Geschehen von Attentaten und Katastrophen beherrscht. In Indien wurde die Premierministerin Indira Gandhi von ihren eigenen Leibwächtern mit 30 Kugeln getötet. Bei Chemie-Unfällen in Mexiko und wiederum in Indien (Bhopal) starben mehrere tausend Menschen.

In der Bundesrepublik erschütterten zwei Affären das Vertrauen in die gerade begonnene Kohl-Ära, die doch eine “geistig-moralische Wende” bringen sollte. In der undurchsichtigen Affäre um den General Günter Kießling hinterließ vor allem der CDU-Verteidigungsminister Manfred Wörner einen denkbar schlechten Eindruck, musste aber nicht seinen Hut nehmen. In der Flick-Affäre um verdeckte Parteispenden der Großindustrie wurden mehrere Bundesminister der CDU und der FDP wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Den Karrieren dieser sowie aller anderen beteiligten Politiker tat das aber ebenfalls keinen Abbruch.

Ungewöhnlich schlecht war der deutsche Sommer 1984, den der Chronist allerdings zeitweise in der Provence verbrachte.

Die schönsten Bücher der Bundesrepublik Deutschland 1984

Die schönsten Bücher
der Bundesrepublik Deutschland 1984

Mit dem diesjährigen Katalog hatte man das “Kunststück” fertiggebracht, den hässlichsten Umschlag zu gestalten, der jemals in einem der Wettbewerbe gesehen wurde, nicht nur in Deutschland. Was wollte der Designer hier sagen? Sollte es eine Anspielung auf das Orwell’sche 1984 sein? Ein Buch, von Big Brother mit Röntgenstrahlen vergeblich durchleuchtet? Unfassbar.

Endlich war es aber gelungen, eine hohen ästhetischen Ansprüchen genügende Reproduktion der Buchseiten zu erreichen. Kein Grau auf Weiß mehr, sondern professionell gescannte, zum Teil farbige Beispielseiten, perfekt reproduziert auf wunderschönem Bilderdruckpapier der Papierfabrik Scheufelen. (Leider sollte es nicht so bleiben...)

Der unruhige Satz der bibliographischen Informationen stört. Man kann zum Beispiel nicht die Angabe des Verlages bei einem Buch in die erste Zeile, beim nächsten in die dritte Zeile rücken, bei einem Buch Fließtext, beim nächsten eine Liste verwenden. “Kreative” Spielereien, die recht sinnfrei sind.

Die einige Jahre lang auswuchernden Vorworte wurden nun kondensiert auf zwei kurze Texte.

Zunächst kommt ein Geleitwort von Jürgen Tesch, Vertreter des Vorstandes der Stiftung Buchkunst.

Jürgen Tesch war sich aber manchmal nicht so ganz sicher, was er schrieb, worauf wir 1985 zurückkommen werden. Vielleicht war auch beim Korrekturlesen einiges durcheinander geraten, denn im nächsten Absatz wird ein erneutes Bombardement mit Werbekampagnen vorgestellt, worauf sich vielleicht die Bemerkung „laut” beziehen sollte. Ausstellungen, Flyer (in Farbe!), Sonderpreise (s. u.), Schaufensteraktionen – alles nur Denkbare wurde versucht, um dem einen Manko beizukommen, dass den Wettbewerb von seiner Gründung bis in die Jetzt-Zeit (2020) zu schaffen macht: „dass das Interesse für das Anliegen der Stiftung Buchkunst nicht nur beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, sondern auch bei den Verlagen und der buchhändlerischen Öffentlichkeit (damit meint Tesch wohl auch die Leser; PE) nicht in wünschenswertem Maße spürbar wurde.”

Warum das so war, hat der Chronist auf diesen Seiten vielfach aus seiner Sicht geschildert. Ein weiteres Beispiel fügt die Stiftung mit dem Vergabemodus für ihre neuen, vom Bundesinnenministerium gestifteten Buchpreisen hinzu. Dazu wurden jeweils aus dem Wettbewerb des Vorjahres (nur 1984 der beiden Vorjahre) drei Bücher von einer eigenen Jury ausgewählt, die Preise im Gesamtwert von 10.000 DM erhielten.

Konkret wurden also auf einer Veranstaltung, die am 8. November 1984 stattfand, Bücher aus der Frühjahrs- und Herbstproduktion des Jahres 1983 und 1982 vorgestellt – dumm nur, dass diese schon ausverkauft waren, wenn sie gut liefen. Und wenn sie nicht gut gelaufen waren, wird man wohl kaum die Leser nachträglich dafür interessiert haben.

In diese Kalamität war die Stiftung durch eigenes Verschulden geraten, weil sie 1983 (Link) entschieden hatte, die Auszeichnung der “schönsten Bücher des Jahres” aus Werbegründen noch am Ende des jeweiligen Kalenderjahres vorzunehmen. Das war unter dem Zeitdruck des Weihnachtsgeschäftes ohnehin unsinnig und für eine große Veranstaltung mit Auszeichnungen und allerlei Reden war dann einfach keine Zeit mehr.

Wolfgang Rasch, Geschäftsführer der Stiftung und „Sekretär des Wettbewerbes”, berichtet in seinem Vorwort, dass sich die Beteiligung am Wettbewerb ungewöhnlich stark erhöht habe („wir wurden überrollt”). 620 Titel waren eingesandt worden gegenüber 509 im Vorjahr. Das führt er auf den neuen Termin der Preisverleihung und – wer will es ihm verdenken – auf den Erfolg der eigenen Arbeit zurück, nämlich die verstärkten Werbemaßnahmen.

Scheinbar merkt Rasch gar nicht, dass er damit steht im eklatanten Widerspruch zu den Aussagen seines Vorstandsvertreters Jürgen Tesch steht, der zwei Seiten vorher das nach wie vor schwache Interesse am Wettbewerb beklagt und dieses als Begründung für weitere (kostspielige) PR-Maßnahmen angeführt hatte.

Dass Tesch und Rasch ihre Beiträge nicht aufeinander abgestimmt hatten, erkennt man auch daran, dass beide in einer Wiederholung dieselben Werbemaßnahmen beschreiben. Das wirkte schon dilettantisch, gerade in einem Wettbewerb, der von Texten und Büchern handelte und in dem  immer wieder an die höchste Sorgfalt appelliert wurde.

Der Anstieg der Zahlen ist auch nicht so dramatisch, wie es scheint, denn schon von 1981 = 459 auf 1982 = 524 eingereichte Titel hatte man eine ähnliche Entwicklung, die aber schnell wieder zusammenbrach. Man durfte also auf die Ergebnisse der nächsten Jahre gespannt sein.

Seit 1981 werden erstmals wieder ein paar Zahlen zu Satz- und Druckverfahren (nur noch 5 Preisträger im Bleisatz, 4 weitere gemischt mit Fotosatz, der Rest reiner Fotosatz), zu verwendeten Schriften (etwa zwei Drittel mit Serifen) und Einband (30 Titel als Paperback) mitgeteilt.

Einhergehend mit dem Siegeszug des Fotosatzes brachten die großen Anbieter wie Berthold und Linotype immer mehr Schriften auf den Markt. Das verführte jedoch die Buchgestalter dazu, auf Kosten der Lesbarkeit allzu “kreativ” zu sein. “Die Schwebebahn” und die “Bahnhöfe” sind Beispiele dafür.

Kritisch gibt es anzumerken, dass immer wieder Verlagsreihen ausgezeichnet wurden. Das prämierte Kochbuch des Gräfe und Unzer Verlages unterscheidet sich zwar in Nuancen von dem des Vorjahres, ist aber in der gesamten Anmutung sehr ähnlich. Und die wenigen Unterschiede zum Vorjahrestitel machen es konventioneller – also nicht auszeichnungswürdig.

Bei den Verlagen bildete sich erneut ein Übergewicht der Büchergilde heraus, nachdem die Ergebnisse ein paar Jahre etwas verteilter zwischen den verschiedenen Verlagshäusern waren.

Mit “Kataloge” und “Sonderfälle” wurden zwei neue Rubriken kreiert – eine gute Idee?

Bei der Thematik der ausgezeichneten Titel setzte sich die Entwicklung der letzten Jahre fort: Politik spielte praktisch überhaupt keine Rolle mehr, es sei denn die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit.

Bei der Farbgebung der Umschläge war Weiß der neue Trend, wie man an den ausgewählten Beispielen sieht. Bei den Geschwistern Scholl war es natürlich dem Namen der Widerstandsgruppe geschuldet, aber dennoch ein Indiz für das Edle und Luxuriöse und ebenfalls ein Symbol für die Abkehr vom Rot des Klassenkampfes.

Ein neuer Trend war Technik-Fotografie, die aber nicht sozialkritisch, sondern rein illustrativ verstanden wurde. Überhaupt gewannen die Bücher mit großformatigen, farbigen Illustrationen immer mehr die Überhand im Wettbewerb.

Vier Thesen lassen sich formulieren:

– Die von der seit zwei Jahren im Kanzleramt sitzenden CDU erstrebte „geistig-moralische Wende” war erfolgreich (bzw. hatte in einem Wechselspiel diese Partei an die Macht gebracht). Wenn man will, kann man das vielfach im Katalog erkennen. Naturführer gab es da früher auch schon mal, aber eine Anleitung für Hobbygärtner taucht zum ersten Mal auf. Die linken Revolutionsphantasien waren verbannt. Rückzug vom Klassenkampf – ab in den Garten!

– In der Aufnahme-, Reproduktions- und Drucktechnik wurden deutliche Fortschritte gemacht.

– Dennoch waren die großen Folio-Bände teuer. Das Buch „Bahnhöfe” kostete zum Beispiel 68 DM, die “Schwebebahn” 60 DM. Die Konsumenten verfügten aber jetzt über genug Einkommen für solche Zwecke.

– Mehrbändige, ebenfalls teure Klassiker-Ausgaben, wie sie in den ersten drei Jahrzehnten des Wettbewerbes seit 1951 immer wieder ausgezeichnet wurden, fand man hingegen kaum noch – schon damals. Die Interessen bewegten sich weg vom Besinnlichen, Romantischen, wenn man so will: vom Lesen, zum Schauen.

Hermann Zapf. Ein Arbeitsbericht.

Hermann Zapf. Ein Arbeitsbericht.

Für diese als Jahresgabe der Maximilian-Gesellschaft erschienene, mit dem Anspruch auf Vollständigkeit versehene Werkschau des begnadeten Schriftkünstlers und Grafikers Hermann Zapf (1918–2015) konnte man nur die beste mögliche Ausstattung erwarten. Und genau das passierte. Ganz besonders hervorgehoben werden soll die exquisite Reproduktionsqualität und das unglaublich angenehme satinierte Papier in 135 g.

In puristischer Art erschienen die Bücher der Maximilian-Gesellschaft immer ohne Schutzumschlag, was dem Werk etwas mehr den Charakter eines Handbuches gibt, dennoch ein bisschen schade ist.

Text und die dazu passenden, stets ganzseitigen Illustrationen sind nach einem ausgeklügelten System im Buch untergebracht. Es ist jedoch etwas mühsam, ständig vor- und zurückzublättern.

Lufthansa Jahrbuch '84

Lufthansa Jahrbuch '84

Dieses Buch ist so gelungen, weil hier eine riesige Text- und Datenmenge handwerklich sauber und solide sowie unter Verwendung hochwertiger Materialien in eine gut lesbare Form gebracht wurde – und dies unter Verwendung von “Bordmitteln”, denn Gestaltung und Satz fertigten Lufthansa-eigene Abteilungen unter der Leitung von Rolf Querengässer.

Dabei wurde schnörkellos ein asymmetrischer Satzspiegel mit linken Marginalien und die Helvetica in 8 pt verwendet. Das Ergebnis sieht äußerst passend zum Thema modern und schlank aus.

Herausgestellt werden müssen auch der exzellenten Druck- und Bindearbeiten vom Druckhaus Lübbe, Bergisch Gladbach, und der Firma Alex Pfaffenholz, Köln.

Der Inhalt ist in der Fülle überwältigend, teilweise überraschend politisch, wo es um die Regulierung bzw. Deregulierung des Flugverkehrs ging (in den 80ern ein großes Thema), und baut zu einem großen Teil auf Technik auf, nämlich auf der detaillierten Präsentation der Flugzeugflotte der Lufthansa. Selbst der Anhang mit allen möglichen Berichten und Statistiken wirkt nicht langweilig.

Dokumentarisch ist interessant, dass 1984 die heute (2020) immer noch umstrittene Digitalisierung der Flugzeuge große Fortschritte machte, wie eine Kapitelüberschrift verdeutlicht: “Die Arbeit des Flugingenieurs wandert auf den Bildschirm.”

Deshalb wurde als neuer “Star” am digitalisierten Flugzeughimmel auch die Airbus A310 groß herausgestellt.

Die Schwebebahn

Die Schwebebahn

Das Buch lebt von den Bildern, effektvoll auf dem passend gewählten Querformat in Szene gesetzt. Und es ist phänomenal, was der Fotograf Rolf Löckmann (laut Buch, laut Katalog auch: Ulrich Hüttenberend und Franz J. Rücker) hier geleistet hat. Besonders toll sind die jahreszeitlichen Serien und die Idee, aus Räumen von Schulen, Büros und natürlich Textilfabriken heraus die vorbeiziehende Schwebebahn zu sehen.

Schwer verständlich und leider häufig anzutreffen ist es, den Fotografen solcher Bücher nicht wenigstens ein paar Zeilen zu widmen.

Der Band zeichnet sich zudem durch ein interessantes Layout von Bernd Longjaloux aus. Er  widerstand der Versuchung, die Fotos großformatig oder gar seitenfüllend zu reproduzieren und wählt eine helle, luftige Gestaltung. Denn da oben in den Lüften zieht ja auch die Schwebebahn. Klasse!

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Bei der Schriftenauswahl hatte der Buchgestalter allerdings nicht so ein glückliches Händchen. Die Univers schmal mager, gesetzt aus einer Linotype in 10 pt, ist für Fließtext viel zu gedrängt. Überraschend auch der Fehler mit dem falschen Wortabstand auf dem Schutzumschlag.

Die auf unfassbare 156 cm aufklappbaren Doppelseiten zum Streckenverlauf sind eine Wucht und eine herstellungstechnische Leistung allererster Güte. Irgendetwas ging aber schief, so dass eine einzelne Seite lose im Buch liegt.

Abgerundet wird das Ganze von einer umfangreichen, ebenfalls reich bebilderten historischen Dokumentation. In diesem Teil ist das Papier nicht bis zum Rand gefärbt bzw. gestrichen.

Das schwere Unglück vom 12. April 1999 mit 5 Toten und 47 Schwerverletzten beendete die in diesem Band (nur) heiter erscheinende Geschichte der Wuppertaler Schwebebahn. Die Untersuchung des Unfalls ergab, wie eine kleine Unachtsamkeit dramatische Folgen haben kann

Manfred Hamm / Rolf Steinberg / Axel Föhl: Bahnhöfe

Manfred Hamm: Bahnhöfe
Texte von Rolf Steinberg und Axel Föhl

Trotz der umfangreichen Begleittexte lebt dieser Band natürlich von den großformatigen Fotografien. Manfred Hamm (*1944), der sich auf Industrie-Fotografie spezialisierte, gelangen sehr schöne Aufnahmen von europäischen Bahnhöfen, mittlerweile auch Zeitdokumente, die beim Chronisten manche Erinnerung wachriefen.

Herausragend sind die doppelseitigen Totalaufnahmen der großen Hallen, die im Umgang mit den Weitwinkelobjektiven großes technisches Geschick erforderten. Leider erfährt man nichts über das Equipment, das eingesetzt wurde.

Weiterhin gefallen die interessanten Studien, auf denen Menschen zu sehen sind – immer wartend, auf dem Bahnsteig, im Café.

Die graphische Schrift Kabel sollte nicht für Fließtext verwendet werden.

Hans Scholl / Sophie Scholl. Briefe und Aufzeichnungen.

Hans Scholl / Sophie Scholl.
Briefe und Aufzeichnungen.

In den 80er Jahren verstärkte sich die Beschäftigung mit der Widerstandsgruppe “Weiße Rose” und ihren Anführern, von denen Hans Scholl (1918–1943) und Sophie Scholl (1921–1943) am bekanntesten wurden.

Sehr stark trug für eine breitere Öffentlichkeit 1982 der Film “Die weiße Rose” von Michael Verhoeven dazu bei.

Die 1984 erschienenen “Briefe und Aufzeichnungen” der Geschwister Scholl wurden von Inge Jens sehr umsichtig und aufwendig editiert. Es lohnt sich, zumindestens ein paar der Briefe zu lesen. Viel authentischer als es Filme können, geben sie einen Einblick in das Seelenleben der jungen Menschen.

Und immer wenn man Briefe liest, und jedes Jahr mehr, in dem wir in der digitalisierten Zukunft leben, wird klar, welches unwiederbringliche Gut verloren geht, wenn weniger bis gar keine Briefe mehr geschrieben werden.

Es ist aber nicht nur der schwindende kulturelle und geistige Reichtum, um den es dabei geht. Menschen hinterlassen durch ihre Anverwandlung an und in die maschinelle Welt auch immer weniger Spuren.

Was hätten die NS-Machthaber wohl mit Blogs, E-Mails, WhatsApp-Nachrichten von Widerstandskämpfern gemacht? Richtig. Es wäre nichts mehr da, was der Nachwelt hätte überliefert werden können.

Sicher spielte bei der Auszeichnung dieses Titels auch das Thema eine Rolle, zumindestens unbewusst. Als Buch ist betrachtet man es mit gemischten Gefühlen.

Der Designer Otl Aicher (1922–1991) wählte zum Abdruck der Briefe die Lösung, auf jede Seite nur eine schmale Kolumne zu setzen, die etwa dieselbe Laufweite wie ein handgeschriebener Brief hat. Das ist keine schlechte Umsetzung, jedoch ist diese eine Spalte auf linken wie rechten Seiten stark nach rechts gerückt, so dass die letzten Buchstaben der im Flattersatz stehenden Zeilen der linken Seiten sehr stark in die Buchmitte laufen, was der Lesbarkeit schadet.

Schön wäre es gewesen und man hätte es eigentlich auch erwartet, wenigenstens ein oder zwei der Briefe als Faksimile abzubilden, damit man die Handschriften sieht.

Der Chronist hatte mehrere Exemplare des Buches in der Hand. Alle hatten rechts unten die eingedrückte Ecke, wahrscheinlich vom zu festen Beziehen des Leinenüberzugs, auf jeden Fall aber ein Mangel.

Die Umschlaggestaltung ist allerdings genial.

Janosch: Das große Panama-Album

Janosch: Das große Panama-Album

Janosch (eigentlich Horst Eckert, *11. März 1931) war in der Zeit zwischen Ende der 70er und Ende der 80er Jahre der Star auf der Bilderbuch-Szene. Seine Bücher wurden häufig von der Jury ausgezeichnet und deshalb muss wenigstens ein Mal ein Titel von ihm auf dieser Website erscheinen.

Das vorliegende Sammelalbum enthält die vielleicht schönste Geschichte von Janosch: “Oh wie schön ist Panama” (zuerst 1979) mit einer doch recht konservativen Botschaft – sollte auch das ins neue politische Gefüge der Zeit passen?

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Der Wettbewerb in der DDR

Die schönsten Bücher der DDR 1984

Die schönsten Bücher der DDR 1984

Im DDR-Wettbewerb wurden 1984 genau 50 von 237 eingereichten Titeln ausgezeichnet (Vorjahr: ebenfalls 50 von 244). Wie in der BRD spielte auch hier in den Büchern die Verwendung von Illustrationen und Grafiken eine immer größere Rolle. Selbst im Bereich der Gesellschaftswissenschaften „war der hohe Anteil an reich bebilderten, großformatigen Editionen bemerkenswert” (S. 6).

In der Belletristik waren mittlerweile die meisten Titel ebenfalls illustriert.

Hinter dieser Entwicklung standen erhebliche technische Fortschritte. Auch in der DDR wurden 1984 schon Scanner für die Reproduktionen eingesetzt (S. 9) und der Anteil der mit Fotosatz hergestellten Bücher lag bereits bei 77 %.

Politik fand im Vorwort wie seit Jahren nur noch punktuell statt. 1984 beließ man es dabei, Jürgen Gruner, Vorsteher des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig, gleichzeitig Betriebsleiter des Verlages Volk und Welt, mit einigen Worte zur „sozialistischen Buchkultur” zu zitieren – eine Pflichtübung.

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Einer der ausgezeichneten Titel war das neugestaltete Parteiprogramm der SED aus dem Jahre 1976 (damals “einstimmig angenommen”), neu und “jugendgemäß ausgestattet”.

Im Auswahlheft wurde das Buch als ein  „Spitzentitel” des neuen Trends zum verstärkten Einsatz graphischer Elemente ganz besonders herausgehoben. Das „jugendgemäße”, modernistische Durcheinander auf den Seiten dieses Heftes (gemeint ist nicht die politische Aussage, sondern die Anordnung der Zeilen) widerspricht den gerade in der DDR bisher so hochgehaltenen Prinzipien der Typographie – wer hatte das durchgedrückt? Die alten Haudegen in der Jury wie Professor Albert Kapr konnten dem nicht zugestimmt haben.

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Der Umschlag lässt sich als Poster auseinanderfalten. Einige der dann auftauchenden Holzschnitte wirken  martialisch. Bei dem vorne nur angeschnittenen zu sehenden Bild ist nicht ganz klar, ob die der ersten Person Folgenden diese festhalten wollen oder sich ihr anschließen. Bei der oben abgebildeten Grafik der vorderen Innenklappe handelt es sich aber deutlich darum, dass ein Mensch ergeschlagen wird. Wer ist klar. (Ein Bourgeois). Von wem, ist auch klar. (Von Kommunisten.) Garniert werden die Illustrationen mit besonders markigen Zitaten der Klassiker. Unglaublich, dass dieses gewaltverherrlichende Machwerk an Jugendliche verteilt wurde.

In der Realität der Auseinandersetzungen mit dem Klassenfeind sah es etwas anders aus.  Wie im Vorjahr fällt die mehrfache Erwähnung des Sparzwangs bei der Buchherstellung auf – ein deutlicher Hinweis auf den Zustand der Wirtschaft und der Staatsfinanzen der DDR. Da wird erneut zur „Ausnutzung des Papiers” angehalten, „materialökonomische Gestaltung” und „verantwortungsbewusster Materialeinsatz” gelobt (S. 6).

Diese Richtlinien galten auch für das Auswahlheft, dessen Umfang man gegenüber den 70er Jahren um rund 30 % reduziert und auch den zwar lappigen, aber teuren Leinenumschlag mit Papier ersetzt hatte. Wenigstens standen diesmal die schemenhaft darauf abgebildeten Bücher gerade. In der BRD hingegen wurden die Auswahlkataloge - auch wenn man Farbe nur kurzzeitig einmal gesehen hatte  – immer aufwendiger und ließen sich zunehmend als richtiges „Buch” ansehen, während das DDR-Pendant zu einer Broschüre herniedersank. So spiegelte sich das mehrfach in diesem Projekt beschriebene materielle, finanzielle und kulturelle Enteilen der BRD gegenüber der DDR auch auf so einem kleinen Teilgebiet wie dem „Wettbewerb der schönsten Bücher” wieder und konnte es auch gar nicht anders.

Karol Kallay / David Fischer: Los Angeles

Karol Kállay / David Fischer: Los Angeles

Die Ostblock-Staaten boykottierten die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles als Antwort auf den Boykott der Olympiade 1980 in Moskau durch viele westliche Staaten. Das Fernbleiben von den Spielen 1984 geschah laut Text aus Protest gegen die Kommerzialisierung des Sports... Wer glaubte das?

Immerhin entschloss sich der Leipziger Brockhaus Verlag, einen Bildband über die kalifornische Metropole herauszubringen. Dazu beauftragte man den slowakischen Fotografen Karol Kállay und einen gewissen “David Fischer”, über den man mit Google Books herausfindet, dass sich um den “DDR-Diplomaten Horst Grunert” handelte.

Text und Kommentierung der Bilder sind mäßig ideologisch, nur manchmal kann man es nicht lassen, einige Speerspitzen gegen den Kapitalismus abzufeuern.

Beiden Verfassern merkt man eine Befremdung, oft aber auch ein Staunen über den “American Way of Life” deutlich an, wobei es manchmal zu Fehlurteilen kommt.

Die Fotos stammen fast nur aus dem Freizeit- und Außenbereich. Man verzichtetete fast gänzlich auf das Arbeitsleben, für sozialistische Autoren erstaunlich.

Die Aufnahmen (etwa hälftig in Farbe, von denen zu viele für Hochhausfassaden verbraucht wurden, und Schwarz-Weiß) sind anständig reproduziert und insgesamt von guter bis sehr guter Qualität. Manches wirkt ein bisschen sehr durcheinander und zu bunt, so dass die Aussage verloren geht und Verwirrung entsteht (so fühlte sich der Fotograf vielleicht auch).

Der für die Bildlegenden vorgesehene obere Bereich der Seiten ist satztechnisch und mehrfach auch inhaltlich völlig verunglückt. Wurde hier etwas “auf den letzten Drücker” fabriziert?

Dem Mädchen auf S. 149 so in den Schritt zu fotografieren, ist grässlich. Und die alten Menschen, die auf einer Bank sitzen (und den Fotografen misstrauisch bis ablehnend anschauen; S. 62), schlechthin als “Die Verbrauchten” zu bezeichnen, ist unschön und falsch. Auf der gegenüberliegenden Seite ein weiterer nicht nachvollziehbarer Kommentar (“Die Naiven”).

Und so hat das Buch bedauerlicherweise sehr viele kleinere Mängel. Dazu gehören auch der weiche Deckel. Insgesamt wird man aber gut unterhaltsam und hat ein interessantes Zeitdokument in Händen.

P. S. Es gibt natürlich und leider nicht ein einziges Foto der Spiele. 

Chup Friemert: Die gläserne Arche. Kristallpalast London 1851/54.

Chup Friemert:
Die gläserne Arche. Kristallpalast London 1851/54.

Der „Kristallpalast” (Crystal Palace) wurde für die erste Weltausstellung 1851 in London errichtet und ähnelte in der Art einem gigantischen Palmenhaus. Der gläserne Palast war seinerzeit die wohl größte Attraktion der Erde. Ein Beispiel für die Größenordnungen: Reproduktionen der Kolossalstatuen von Abu Simbel wurden originalgetreu 21 Meter hoch aufgebaut.

Das Buch zerfällt in drei Teile: a) zeitgenössische Zeichnungen, b) die bekannte, umfangreiche Fotodokumentation, einer der ersten der Welt, und c) dem Begleittext von Chup Friemert. Dass der Autor ein junger linker BRD-Professor war, wurde dem DDR-Publikum vorenthalten. Der Name durfte nicht mal auf dem Umschlag erscheinen.

Friemert vermag die Bestandteile des Buches leider nicht zu verbinden. Im ersten Teil wirkt er zwar faktenreich bei der Beschreibung der Planung, Architektur, Finanzierung und der sich um das Gebäude herum bildenden geschäftlichen Interessen, garniert seine Aussagen aber mit einem entsetzlichen, seit den 70er Jahren an bundesdeutschen Universitäten eingezogenen, die Wirklichkeit zu einem ideologischen Zerrbild machenden marxistischen Soziologen-Kauderwelsch, das einem den Spaß verderben kann.

Die historisch sehr bedeutende, 160-seitige Fotodokumentation (die bezeichnenderweise eine eigene Paginierung hat) kommentiert der Verfasser nur ideologiekritisch und braucht dafür auch nur dreieinhalb Seiten.

Viel besser wäre ein kulturgeschichtliche Darstellung der einzelnen Abteilungen des Palastes, wie sie faszinierend auf den Fotos erscheinen. Dafür hätte es aber entsprechender Kenntnisse bedurft. Erwartet hätte man auch wenigstens ein oder zwei der zeitgenössischen Gemälde des Palastes, so dass man einen noch besseren Eindruck von dem großartigen Gebäude hätte bekommen können (siehe oben unter dem Wikipedia-Link).
So wurde eine große Chance vertan und der VEB Verlag der Kunst Dresden begnügte sich damit, „anschaulich einen vermeintlichen Ausweg aus der sozialen Misere des Kapitalismus” aufzeigen zu wollen.

Handwerklich allerdings ein hervorragend gemachtes Buch. Wunderbar zum Beispiel der illustrierte Einband. Sehr schön gemacht ist auch der aufklappbare großformatige Schutzumschlag aus schwerem Hochglanzpapier, der auf der Innenseite eine beeindruckende farbige Zeichnung des Palastes enthüllt.

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Ein Blick nach Österreich

Die schönsten Bücher Österreichs 1984

Die schönsten Bücher Österreichs 1984

Aus nur 98 vorgelegten Titeln (Vorjahr 111) wurden wieder 12 Bücher ausgewählt. Die Vorjury hatte noch 14 durchgehen lassen. Höchst informativ wäre es gewesen, die Gründe für das Ausscheiden der beiden dann doch nicht zum Zug gekommenen zu erfahren.

Außer den Sitzungsterminen erfährt man aber traditionell beim österreichischen Wettbewerb gar nichts.

Bei den Preisträgern wirkt der hohe Anteil von 6 Kinderbüchern und einem weiteren Schulbuch unpassend und überzogen, wie schon mehrfach in den Vorjahren berichtet.

Hinzu kommen Bildbände über “Österreichs Bauernhöfe” und “Impressionen aus Österreich”.

Ein weiterer Band über Kolo Moser rettet zwar den Wettbewerb, jedoch erscheinen die Ergebnisse angesichts der Wettbewerbsbezeichnung restringiert und in dem gezeigten engen Spektrum fragwürdig.

Werner Fenz: Koloman Moser

Werner Fenz: Koloman Moser

Es ist kein Wunder, dass Koloman “Kolo” Moser immer mal wieder bei den “schönsten Büchern” Österreichs auftauchte, stammen doch viele der schönsten Kunstwerke Österreichs von ihm.

Der 1984 ausgewählte Band ist so etwas wie die erweiterte Fassung des 1976 ausgwählten Titels. Mehr Seiten, größeres Format, mehr Farbabbildungen, höhere Auflage, deutlich höherer Preis bei gleichem Verfasser, gleicher Druckerei, gleichem Buchgestalter.

Ein exzellent gemachtes Buch, das keine Wünsche offen lässt. Aber 850 Schilling waren umgerechnet auch 120 DM.

Die eindrucksvollsten Seiten über Kolo Moser innerhalb des Wettbewerbes waren aber aufgrund des riesigen Formates diejenigen im 1975 erschienenen Reprint von Ver sacrum.

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Hochgeladen am 13. Juni 2020. Zuletzt aktualisiert am 15. August 2020.

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Die auf dieser Seite vorgestellten Bücher wurden geliefert von: Buch-Galerie Silvia Umla (Auswahlhefte BRD und DDR), Antiquariat Graf, Lüdenscheid (Bahnhöfe), Eulennest Verlag (Panama), Ruba-Kat, Osterrode (Arche), Biblio Industries Haezeleer (Kolo Moser).

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